Ich finds schwierig, über das Thema Kritik nachzudenken. Wie wir kritisieren und wie wir mit Kritik umgehen. Sobald ich darüber nachzudenken versuche, grätscht irgendein Rolf rein und schreit: «Cancel Culture!». Dabei geht es mir nicht darum. Sondern um die Frage: Wie kritisieren wir einander?
Es wäre jetzt mega einfach zu sagen: Fair kritisieren ist wichtig. Respektvoll. Konstruktiv. Als wäre Kritik ein Haus, das man konstruiert, mit solidem Fundament und sorgfältig aufgestellten, stützenden Säulen. Konstruktiv! Und ich weiss, ich klinge jetzt ein bisschen wie ein Arsch, aber: konstruktive Kritik, njä.
Klar würden wir in einer idealen Welt alle sehr konstruktiv kritisieren. Dann würde die Kritik angenommen, das Problem würde behoben und alle würden sich gern haben. Würde, Würde, Feedbackbürde. Denn was ist, wenn die Empfängerinnen der Kritik schon ewig nichts unternommen haben, wenn man sie nett darum bittet? Was ist, wenn der Urheber des Problems seit Jahren abfuckt in dem, was er tut, ohne Verantwortung zu übernehmen? Was ist, wenn wir unser Haus nicht auf einer ebenbürdigen Wiese bauen, sondern auf einem chaotischen Misthaufen? Würde, Würde, Ebenbürde.
Anna Rosenwasser, 1990, wohnt in Zürich und ist freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Wenn wir über Kritik reden, gehen wir oft von einer gewissen Zeitlosigkeit aus: als hätte es nie ein Davor gegeben, also keine Zeit, in der ein Misthaufen angehäuft wurde. Wenn ein Mensch dir Unrecht angetan hat, du ihn dafür kritisierst und er seinen Fehler einsieht und sich seither verbessert hat, wird deine nächste Kritik an ihn wohl geduldiger und konstruktiver ausfallen, als wenn er dir immer wieder wehgetan und einen Scheiss auf deine Rückmeldung gegeben hat. Das macht wütend, und dann kritisiert man eben wütend.
Einen grossen Teil meines Lebens habe ich Wut falsch verstanden. Ich dachte, sie sei ein unliebsames Gefühl, das einen an gescheitem Handeln hindert. Heute sehe ich Wut anders: Wut ist dazu da, aufzuzeigen, wann eine Grenze überschritten worden ist. Und sie gibt einem die Energie, sich dagegen zu wehren. Wütende Kritik zu erhalten, kann auch heissen: Die Person fühlte sich bisher nicht genug gehört. Sie hat wahrscheinlich schon unzählige Male versucht, sich zu wehren, und nie ist was passiert. Geduld ist ein Privileg: Ich habe die Energie, geduldig Kritik an Demütigungen zu äussern, wenn ich nicht jeden Tag selbst gedemütigt werde.
Vor einer längeren Zeit hat mich mal ein Mitmensch für mein Handeln kritisiert. Der Inhalt der Kritik war berechtigt, aber der Ton war mega, mega wütend. How dare you, so mit mir zu reden, dachte ich und sagte ihr das auch. Ich fands so daneben, in welchem Ton dieser Mensch mit mir redete. Erst ein, zwei Jahre später habe ich gecheckt: Den Ton meines Gegenübers zu massregeln, war für mich eine willkommene Ablenkung davon, dass ich für meinen Fehler hätte Verantwortung übernehmen müssen.
Letztens entschuldigte ich mich bei dieser Person, viel zu spät. Aber ich glaube, eine späte Entschuldigung ist besser als keine. Kritik hat eben nicht nur eine Vergangenheit. Sondern idealerweise auch eine Zukunft. Irgendwie müssen wir ja dafür sorgen, dass wieder eine solide Wiese entstehen kann.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.