Letztens sah ich kurz rein in eine Sendung über Influencerinnen, weil eine Bekannte von mir zu Gast war. Es war eine Philosophie-Sendung, und offenbar traute man Influencerinnen nicht zu, selbst über ihre Arbeit zu philosophieren, es waren nämlich keine zugegen.
Stattdessen zwei Menschen, die kritische Bücher zu sozialen Medien geschrieben hatten: Die erwähnte Bekannte von mir und ein Filmkritiker, dessen Buch darauf eingeht, dass die Influencer-Marketingwelt schlimm ist. Was bei Influencern besonders gern betont wird, gerade so, als wäre der Rest der Marketingwelt total sinnig und fair. Und während das Wort «Influencer» auf Englisch genderneutral ist, wurde in dieser Diskussion recht schnell klar, wen man kritisieren will: Influencerinnen. Denn einflussreiche Männer auf Social Media werden nicht Influencer genannt. Sie sind Jungunternehmer, Fitnessgurus, Experten. Influencerinnen, das sind die, die Schminke verkaufen und die Dreistigkeit haben, sich selbst abzubilden. Denn Bildnisse von Frauen werden nur dann zur Kunst erklärt, wenn sie aus der Linse eines Mannes stammen.
Nach einigen Minuten versuchte der Moderator, etwas Positives anzubringen: Es gebe ja sogenannte Sinnfluencer. Leute, die auf sozialen Medien sinnvolle Anliegen weitertreiben würden.
Anna Rosenwasser, 1990, wohnt in Zürich und ist freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Hier wäre ich gerne auch philosophisch geworden: Welche Arbeit ist denn sinnvoll? Hat es im Kapitalismus nicht immer einen Sinn, seine Miete bezahlen zu können? Etwa, indem man auf Social Media Schminke verkauft? Wird den Chefs von Marketing-Agenturen eigentlich auch vorgeworfen, dass ihre Arbeit sinnlos sei, oder richtet sich der Vorwurf ganz zufällig nur an junge Frauen?
Als «Sinnfluencer» nannte der Moderator zu meiner Freude den Namen Ralf Krauthausen, das ist ein Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit. Guter Typ! Ausserdem nannte er: mich. Ich hätte fast meinen lauwarmen Tee über meinen Pyjama gespuckt. Genau wie bei Ralf blendeten sie ein Bild von mir ein: Ich, oben ohne, die Arme um meine Brüste geschlungen, und auf dem Dekolleté steht mit Lippenstift geschrieben: «Min Körper, mini Entscheidig.»
Die TV-Redaktion hatte die Entscheidung getroffen, aus allen Dutzenden möglichen Bildern von mir das einzige zu zeigen, auf dem ich nichts anhabe. Der Gast derweil lenkte halbwegs ein, ja, Sinnfluencer, ja, und sagte dann in einer Nebenbemerkung so etwas wie: Ob die Barbusigkeit dazu nötig sei, sei dahingestellt.
Das stelle ich jetzt mal so dahin, liebe Lesende. Ich kann Ihnen auch gar nicht erzählen, wie die Sendung weiterging, vielleicht wurde sie ja noch total sinnig und respektvoll. Ich habe trotzdem ausgeschaltet. Danach ging ich auf Instagram, suchte das barbusige Bild (mein Busen war darauf übrigens kaum zu sehen, Brüste sind auf der Plattform verboten) und archivierte es, damit keine anderen Philosophen mehr Zugriff haben darauf.
Eigentlich sollte es umgekehrt sein, eigentlich sollte mein ganzer Internetauftritt voll sein dürfen von meinen Brüsten, weil, eben: Mein Körper, meine Entscheidung. Ich sollte jeden Rappen mit meinem Körpereinsatz verdienen dürfen, wie Bauarbeiter und Pianisten und Spitzensportler, aber nein, ich bin eine Frau. Mein Körper wird mir auch dann vorgeworfen, wenn er nur auf einem einzigen Bild sichtbar ist. Mein Körper, ihre Entscheidung.
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