Schöne, zurückhaltende Stimmen, ein wie schwebender, perfekt intonierter Chorklang und Transparenz und Sicherheit der Phrasierung zeichnet das estnische Ensemble unter Leitung von Jaan-Eik Tulve aus. Mit ihm erlebte das Publikum eine Meditation über die Geburt der Polyphonie, wobei die ekstatischen Elemente dieser Musik zu kurz kamen.
Die Frage der religiösen Gewissheit scheint in der Interpretation des Ensembles obsolet, der Sinn für Harmonie und Innerlichkeit, gerade in Zeiten der Pandemie, universell. Innerer Trost und die Sehnsucht, sich von schönen Klängen berühren zu lassen, werden in ritualisierter Repetition bedient, wobei bei Pärt die heiligen Texte auf Glaubenssätze reduziert wirken und sich im molligen Modalhauch verflüchtigen.
So umklammert Pärts Missa syllabica die geistigen Vorläufer Machaut und Perotin mit ähnlichen syllabischen Vertonungspraktiken (Machaut mit dem Kyrie und Agnus Dei der Mess de Nostre Dame und Perotin mit Beata viscera und Viderunt omnes).
Dazwischen intoniert der Chor gregorianische Choräle. Im Rückgriff auf das Organum der frühen Mehrstimmigkeit, in dem Vokalklänge durch Liegetöne, Quarten und Quinten verstärkt werden, befriedigt diese Musik das Bedürfnis nach Ordnung und Stille (oder Beinah-Stille).
«Greatest Hits» des Mittelalters
In der Reduktion aufs Wesentliche werden zwei Wörter wie viderunt omnes minutenlang in alle möglichen Richtungen gedehnt. Was sich aber bei den Partituren der alten Magier ekstatisch auflädt, wirkt bei der Interpretation der Vox Clamantis etwas redundant und abgekühlt. Nach dem Kyrie Machauts kommt das Agnus Dei, in Aussparung des Gloria, Credo und Sanctus, wie verfrüht.
So gerät das Programm ein bisschen zum «Greatest Hits», wobei sich die einzelnen Teile gut zusammenfügen. Gerne hätte man Machauts ganze Messe gehört, sich von ihren wilden Hocket-Rhythmen und schrägen Quinten konfrontieren oder in den endlosen Fluss der Perotin’schen Melodien versenken lassen.
Bei aller Kritik der Interpretation muss aber das Handwerk dieses Chors, seine herausragende Qualität hervorgehoben werden, etwa wie sich die Stimmen im neugotischen Kirchenraum mischen, wie der Klang sich bis in die hintersten Winkel des Seitenschiffs ausbreitet, oder wie die kleinen Intervalle, innerlich aufgeladen, gross werden und Strahlkraft gewinnen.
Auch ist es bewundernswert, wie sich Machauts komplexe Rhythmen pulsgenau zusammenfügen, wie Frauen- und Männerstimmen ineinander übergehen, so dass bei geschlossenem Auge die Unterschiede kaum mehr wahrnehmbar sind.
Obertöne: ein Fenster zum Himmel
In der Vorliebe für eine «weiche» Gesangstechnik und ein modales Repertoire entspricht das Ensemble Vox Clamantis der baltischen Chortradition, die vor einiger Zeit auch bei uns prominent wurde. Aber eine Besonderheit dieses Ensembles ist der diskrete Einsatz des Oberton-Gesangs, das simultane Erklingen ganzer Tonspektren, welche die Melodien wie dezente Schleier umhüllen.
Mit Cyrillus Kreek stellt Vox Clamantis zudem einen faszinierenden estnischen Komponisten vor, der durch eine reduzierte Harmonik und gekonnte Homophonie spätromantische Muster auf persönliche Art weiterführt.
Eine Aufführung, die so etwas wie eine Aura der Unberührtheit hat, eine noble Geste der Annäherung an etwas Zartes, eine Interpretation mehr zum Verborgenen und zum Heiligen hin als zum tanzenden Schamanen.
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