Kategorie
Autor:innen
Jahr

Mobilitätsinitiative: im Rückwärtsgang

Stadträtin Maria Pappa und Stadtrat Peter Jans haben vor den Medien erklärt, warum die Mobilitätsinitiative, über die am 4. März abgestimmt wird, qualitativ einen Schritt zurück macht. Wie wärs mit ein paar Schritten nach vorn - zum Beispiel mit Gratis-öV?
Von  Harry Rosenbaum
Illustration: Dario Forlin

Die Absichten des Volksbegehrens: Das 2010 an der Urne beschlossene Reglement für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung soll umgestossen werden. Die Folgen wären eine Entplafonierung des motorisierten Individualverkehrs (MIV) und eine deutliche Zunahme des Autoverkehrs, sagten Maria Pappa und Peter Jans an der Medienkonferenz am Donnerstag. Die Verkehrsträger würden gleichgeschaltet. Das wäre eine 180-Grad-Drehung zur Verkehrsberuhigungspolitik der letzten Jahre.

Stadtgerechter Verkehr statt verkehrsgerechte Stadt

Das St.Galler Verkehrsreglement, das die Initianten abschaffen wollen, sieht vor, den Verkehrszuwachs in der Stadt über den Ausbau des öV und des Langsamverkehrs aufzufangen. Bislang hat das einigermassen geklappt, auch wenn die Ergebnisse des Regimes unter dem Verkehrsreglement bescheiden sind. Auf dem gesamten Stadtgebiet konnte die Verkehrsentwicklung zwischen 2010 und 2017 um ein halbes Prozent gesenkt werden. Im gleichen Zeitraum nahm etwa der Verkehr auf der Autobahn A 1 um 10,3 Prozent zu.

Diese stadtentlastende Verlagerung schaffe mehr Lebensqualität und fördere den Lebens- und Wirtschaftsraum, sagt der Stadtrat. Die Mobilitätsbedürfnisse könnten durch diese Art von Verkehrsmanagement optimiert werden. Was die Mobilitätsinitiative eindeutig verhindern würde, wenn sie denn angenommen würde, wäre die Koordination der Verkehrsträger und Verkehrsarten, die optimale Nutzung der vorhandenen Infrastruktur sowie den gezielten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und des Verkehrsangebots.

St.Gallens Autorekord – trotz allem

Die Mobilitätsinitiative fordert nun eine nachfrageorientierte Verkehrsplanung. In einer Zeit der knappen Raumressourcen, vor allem in den Städten, ist das obsolet. Dem Verkehrsreglement der Stadt St.Gallen liegt die Einsicht zugrunde: stadtgerechter Verkehr statt verkehrsgerechte Stadt.

Trotzdem, das vernünftig angelegte Verkehrsmanagement hat bei weitem noch nicht die Schallmauer durchbrochen, denn St.Gallen hat im Vergleich zu anderen Städten noch immer die höchste Autodichte, und die Pendlerinnen und Pendler aus der Agglomeration bewegen sich noch immer massenhaft per MIV in die Stadt. Die VBSG verzeichnet einen Benützerrückgang. Woran das liegt, weiss niemand.

Andere erproben den Nulltarif

Vielleicht fehlt es an der Radikalität, weil man es bei der Mobilität allen recht machen will. Wie ist das mit der Forderung der 68er: Nulltarif für den öV? Dafür legten sie beispielsweise in Basel in den 1970er-Jahren mit Schienen-Sit-Ins die Trämli lahm.

Maria Pappa, Chefin der Direktion Planung und Bau, und Peter Jans, Chef der Direktion Technische Betriebe, haben dafür allerdings kein Gehör. Weil finanziell angeblich nicht machbar. Zudem ist der Nulltarif in der Schweiz auch längst aus den Traktanden. Anders in der estnischen Hauptstadt Talinn, da gilt er seit 2013. Um das Problem der notorisch verstopften Strassen zu lösen, kann man in der baltischen Stadt ohne Ticket in Tram und Bus einsteigen. Finanziell funktioniert es. Die belgische Stadt Hasselt führte bereits 1997 den Nulltarif für den öV ein und hat ihn bis jetzt nicht wieder abgeschafft.

Man muss nicht einmal in die Ferne schweifen, auch ganz nah gibt es Nachahmenswertes. Beispielsweise im luzernischen Ebikon: Da kommt ein bisher in der Schweiz einzigartiges Mobilitätskonzept zum Einsatz. Mit einem Abonnements-System wird ein Mix von verschiedenen Mobilitätsangeboten direkt in die Wohnungsmiete integriert. So wird trotz der Vielzahl an Wohnungen, die auf dem AMAG-Areal geplant sind, das Verkehrsaufkommen nicht ansteigen.

In einer modernen, aufgeschlossenen Stadt wie St.Gallen ist es bemerkenswert, dass eine Bevölkerungsgruppe auf das Motto der längst verblichenen Autopartei «Freie Fahrt für freie Schweizer» zurückgreift und just in diesem Geist eine Volksinitiative lanciert – Individualitäts-Zwang oder direktdemokratische Neurose?

Jetzt mitreden: 4 Kommentare
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
A. Nef,  

Nach dem heutigen Abstimmungsresultat erwarte ich schon, dass die Stadt-St. Galler künftig mit dem ÖV anreisen, wenn sie am Wochenende ins Appenzellerland bzw. in den Alpstein gehen. Hier wohnen auch Menschen, die keinen Bock auf all die Abgase und lange Kolonnen der Nebelflüchtigen haben.

Ijon Tichy,  

Wo ist das Problem, dann gehst du halt in die Shopping Arena? In der Innenstadt wohnen auch Menschen, die haben keinen Bock auf die Abgase der Steuerflüchtlinge aus Teufen, Mörschwil und Umgebung.

Jonas,  

Ich verstehe nicht, weshalb man eine Verbindung zwischen: "Wenn wir's verbieten, dann fahren die Leute weniger Auto" zu "Wenn die Leute die Wahl haben, fahren Sie mehr Auto" zieht? Das Verkehrskonzept in St. Gallen ist im Moment eine Katastrophe! Das merkt man allein schon, wenn man mal um 17:00 jemanden mit dem Koffer vom Bahnhof abholen will. Da steh ich 30min im Stau, weil vor dem Bahnhof darf ich nicht mehr durchfahren. Auch nicht anhalten, der Parkplatz ist inzwischen nämlich auch gesperrt. Es gibt nur noch eine Hauptverkehrsachse durch St. Gallen, alle anderen Wege wurden inzwischen dicht gemacht.
Klosterplatz? Fehlanzeige.
Verkehrsachse? Stau.
Autobahn? Stau.

Die Lösung liegt nicht in noch mehr einschränken sondern im Aufmachen und den Leuten etwas Mündigkeit zutrauen. Logisch nehm ich den Bus wenn ich kann. Aber manchmal kann ich nicht. Und ich geh auch nicht mit dem Bus auf den Markt einkaufen. Ich schlepp doch nicht fünf Säcke durch die ganze Stadt. Im Gegenteil, dann geh ich halt in die Shopping Arena und die ganze Geschäfte in der Stadt schauen in die Röhre. Gebt euch das mal!

Maria Spirig,  

Gefällt mir :)

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4

Vol­ler Wi­der­sprü­che

Ma­le­rin, les­bisch und glü­hen­de NS-An­hän­ge­rin. Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) war vie­les. Ein Wi­der­spruch? Der neue Do­ku­men­tar­film von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger be­fasst sich mit dem Le­ben der vor­arl­ber­gi­schen Künst­le­rin.

Von  Vera Zatti
Im Schatten der Bilder Filmstillweizeneggerfilm1

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler