Die Jury hat sich für ein von aussen eher konventionell anmutendes Projekt des Berliner Architekturbüros von Volker Staab entschieden. Dieses Büro hat viel Erfahrung mit Ergänzungsbauten zu bestehenden Baudenkmälern und wurde deshalb zum Mitmachen eingeladen. Die Raffinesse der vorgeschlagenen Lösung liegt denn auch im Innern und in der Verbindung zwischen dem Union-Gebäude aus den frühen 1950er-Jahren und dem Neubau.
Damit ist auch klar: Das Union-Gebäude bleibt stehen, dessen Anbau aber wird verschwinden und durch einen – abgerückten – polygonalen Neubau ersetzt, der nicht höher wird als das Union-Gebäude. Die oft gehegte Befürchtung, dass das Raumprogramm zu einem wuchtig hohen Turm führen wird, ist damit auch vom Tisch.
Gut eingefügt
Städtebaulich fügt sich das neue Volumen gut ein, wie die Jury feststellt. Es rückt vom Union-Gebäude etwas ab. Der Marktplatz wiederum bekommt damit einen räumlichen Abschluss und der Haupteingang wird auf dem Niveau des Marktplatzes liegen. Dort wird eine neue grosszügige Wendeltreppe nach oben führen und damit die Architektursprache des Union-Gebäudes mit seiner berühmten Schneckentreppe aufnehmen, die ebenfalls effektvoll inszeniert wird.
Eine Etage höher – auf Niveau des Blumenmarkts – liegt die Verbindung zum Union-Gebäude mit einem Café und öffentlichen Räumen.
Draussen, auf dem heutigen Blumenmarkt, liegt der Bibliotheksplatz, den man wie bisher über eine Treppe vom Marktplatz her und durch den Gebäudedurchbruch bei der Südbar erreichen kann. Der im Vergleich zu heute deutlich kleinere Platz soll teilweise überdeckt werden.
Flexibles Innenleben
Der Neubau nimmt die Geschoss-Niveaus des Altbaus auf und macht das Haus so behindertengerecht. Er ist so konstruiert, dass die Pilzstützen immer zwei Geschosse zusammenfassen und dazwischen Galerien aus Holz eingehängt sind. Sie machen eine flexible Nutzung möglich, können als Arbeitsplätze oder für Bücherregale genutzt oder bei Bedarf umgebaut werden. Diese Galerien sind von der Fassade abgerückt, so dass sich das Haus aussen mit Doppelgeschossen zeigt.
Eine zweite Verbindung zwischen Alt- und Neubau ist unterhalb der Traufhöhe im 3. Obergeschoss geplant. Darüber und auf dem Verbindungsbau soll eine öffentliche Dachterrasse entstehen.
Die Nutzungen im Innern müssen noch in Detail weitergeplant werden. Klar ist, dass im Union-Gebäude aus statischen Gründen nur wenig Bücher gelagert werden, die Freihandbibliothek deshalb im Neubau untergebracht wird. Das Projekt verzichtet auf zusätzliche Kellergeschosse, und der unter dem Blumenmarkt in einem Kanal durchfliessende Irabach muss nicht verlegt werden. Dank der Galerielösungen im Neubau erreicht das Projekt doch die benötige Quadratmeterzahl, und dies ohne hohen Turm.
Das Expressive unterliegt
Andere Projekte schlagen teils expressiven Bauten vor, die an bestehenden St.Galler Gebäude wie den Silberturm oder die Bauten von Heinrich Graf in der Neugasse erinnern. Die Jury, so Kantonsbaumeister Michael Fischer habe sich aber für den eher unauffälligen Entwurf entschieden, weil er «die schwierige Aufgabe, eine grosse öffentlich präsente Nutzung an einem städtebaulich und historisch sensiblen Ort, auf eine raffinierte Art unterbringen kann.»
Klar ist dennoch: Genau so, wie sich das Projekt auf den Renderings präsentiert, wird es schliesslich nicht aussehen. Die Jury verlangt nämlich eine Überarbeitung der Konstruktion, denn Beton/Glas-Gebäude sind wegen ihrer hohen CO2-Belastung in Verruf geraten. Dass sich die Jury dessen bewusst ist, zeigt sich auch an der Wahl des zweiten Preises: ein Projekt, das ausdrücklich auf Nachhaltigkeit fokussiert und eine Holkonstruktion vorschlägt.
Alle 29 Projekte sind bis zum 3. Juli im dritten Stock der Hauptpost ausgestellt.
Und so geht es weiter: Die Stadt wird das bestehende Union-Gebäude von der Helvetia Versicherung kaufen und das Haus und das Grundstück als «Mitgift» einbringen. Die Rede ist von Gesamtkosten von 137 Millionen Franken und einem Kostenteiler 2/3 Kanton, 1/3 Stadt, wobei die Details noch nicht ausgehandelt sind. Wenn alles wie geplant läuft, kommen 2024 die Kredite vors Volk und 2028 oder 2029 könnte dann der Neubau bezogen werden.
Am Samstag geht die Bibliothek in der St.Galler Hauptpost für das Publikum auf. Ein langer Prozess mündet damit in ein Provisorium. Eingelöst wird das Versprechen einer modernen Publikumsbibliothek. Ein paar Wünsche bleiben indes offen.
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.