Orgelpfeifen sind da, auch ein Blasbalg: Soweit entspricht das Instrument dem Bild einer normalen Orgel. Aber dann geht es los mit den Absonderlichkeiten. Zum einen werden die Töne nicht mit Tasten angeschlagen, sondern über das Ziehen von Schnüren generiert. Zum andern nehmen Mikrofone den Ton ab, mittels Piezo-Discs, feinen Keramik-Plättchen, die auf Vibration reagieren.
Erreicht der Ton eine bestimmte Lautstärke, löst er über ein Computerprogramm ein Ton- oder Geräusch-Element aus – was das genau sein wird, behalten Joel Schoch und Dominic Röthlisberger noch für sich. Das Spektrum könnte von Vogelgezwitscher über komponierte Klänge bis zu Kettensägengeräusch reichen.
Die Orgelinstallation im Aufbau. (Bilder: pd)
Jeder gespielte Ton kann somit eine neue und sich stetig weiter verändernde Klangkulisse «hervorzaubern». Die Orgel wird zum umfassenden Klang-Körper, der mit dem Publikum interagiert.
Als wir uns per Zoom über das Projekt unterhalten, im Hintergrund die Orgel, aufgebaut im Atelier im solothurnischen Dänikon, wo die beiden Tüftler wohnen: Da ist die Spiellust und Experimentierfreude der Musiker fast mit Händen zu greifen.
Joel Schoch, Dominic Röthlisberger
joelschoch.com
Kennengelernt haben sich die beiden im Studiengang «Komposition für Film, Theater und Medien» an der ZHdK Zürich. Dominic Röthlisberger hat sich mit der Orgel bereits in seinem Masterprojekt beschäftigt, Joel Schoch, in Schwellbrunn aufgewachsen, ist für die Arbeit daran mit einem Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung unterstützt worden.
Renommee und diverse Preise hat sich Schoch aber auf einem anderen Gebiet erworben: als Komponist von Game-Soundtracks.
«Lone» in einer dystopischen Welt
Es grummelt, es pfeift, es zischt, Akkordwellen folgen Melodienfetzen, eine schillernde, manchmal bedrohliche, manchmal blühende Klangwelt – und mitten drin die Okomotive: ein archaisch anmutendes Gefährt, halb Zug halb Schiff, unterwegs durch verwüstete, verlassene Landschaften. Dann taucht eine kleine Menschenfigur auf, hebelt an roten Knöpfen, Lampen und Schaltern, setzt das Gerät in Gang – falls der Spieler denn den richtigen Knopf zur richtigen Zeit drückt.
«Far: Lone Sails» heisst das 2018 erschienene Spiel, für das Schoch den Soundtrack komponiert und eingespielt hat, mit durchschlagendem Erfolg: Er gewann damit einen der Game Audio Awards 2020 in Finnland und diverse weitere Preise. Das Spiel, designt und programmiert von Kollegen Schochs, wurde zum Longseller. Und bereits gibt es einen Nachfolger: «Far: Changing Tides» spielt in einer nordisch anmutenden Landschaft. Am 1. März 2022 kam das Spiel heraus, inzwischen sei es einige zehntausend Mal heruntergeladen worden, sagt Joel Schoch.
Die Musik zum Game entstand, dem digitalen Medium zum Trotz, live und analog: Befreundete Musiker:innen trugen mit Saxofon, Trompete, Streichern, Gitarre oder Mandoline Klänge bei, Schoch selber spielt Klavier, Rhodes, Synthesizer, alle Arten von Percussion, Ukulele, Gitarre, Mandoline, Bouzouki…
Für ihn wie für Röthlisberger steht fest: Analog gespielte Instrumente sind in ihrer Klanglichkeit durch kein digitales Gerät zu ersetzen. Und je vielfältiger das Instrumentarium, desto attraktiver. Beide haben Klavier gelernt, beide spielen diverse weitere Instrumente, und am liebsten solche, die sie noch nicht beherrschen. Dann nämlich, sagt Joel Schoch, könne man in maximaler Freiheit auf Klangexpedition gehen. Das grösste sei der Moment, wenn er merke: «So etwas habe ich noch nie gehört»…
Ein Echo auf Elmiger
In der Orgelinstallation, die am Samstag an der Kulturlandsgemeinde in Rehetobel zu hören und auszuprobieren ist, kommen auf ihre eigene Weise ebenfalls die zwei Welten zusammen, digital und analog, in denen sich die beiden Musiker offenbar ohne Berührungsängste bewegen. Und ein drittes kommt hinzu: das Echo.
Vor einem Jahr fand die Kulturlandsgemeinde im Zeughaus Teufen statt, halb hybrid und halb leibhaftig vor pandemiebedingt kleinem Publikum. Das Thema dort hiess «Alles bleibt anders», es ging um Wandel und Krisen und die Umwälzungen, in der wir alle stecken und mit denen wir kaum Schritt halten können. Mit Corona war das Stichwort damals schon brennend aktuell – jetzt ist es, mit dem Krieg gegen die Ukraine, nochmal dringlicher geworden.
Auf das Thema hatte 2021 in Teufen auch die Schriftstellerin Dorothee Elmiger in ihrer Sonntagsrede reagiert. Unter anderem sprach sie über das wunderliche Projekt im deutschen Halberstadt, wo auf einer Kirchenorgel seit zwanzig Jahren die Komposition Organ 2 / ASLSP von John Cage aufgeführt wird, ein vermutlich unübertrefflicher Langsamkeitsrekord: Alle paar Jahre kommt ein neuer Ton hinzu, die ganze Aufführung dauert plangemäss 639 Jahre. Am 5. September 2001 begann das Konzert mit dem Einschalten des Blasebalgs und einer 17monatigen Pause, danach folgte im Februar 2003 der erste Ton, seither gesellen sich in vorherbestimmten Abständen neue Töne hinzu, während andere verstummen.
Dorothee Elmiger.
Für Elmiger gab das Orgelprojekt von Halberstadt Anlass, über Dauer und Vergänglichkeit nachzudenken, über das «auf merkwürdige Weise» Beruhigende dieser Orgeltöne, das vielleicht damit zu tun habe, «dass die Spezies Mensch eben nicht nur wahnsinnig genug ist, sich in alle möglichen Kriege zu stürzen und die Bedingungen, auf die sie dringend angewiesen ist, nachhaltig zu zerstören, sondern auch bereit ist, sich den scheinbar unsinnigsten, nutzlosesten Dingen zu widmen; dass sie sich eine Zukunft vorstellen kann, und eine Zukunft, in der diese nutzlosen, aber vielleicht schönen Dinge weiterhin existieren, ja, weiterhin gewartet und gehegt werden.»
In diesem Sinn könne das Cage-Konzert als Übung darin verstanden werden, «was es braucht, um eine einfache Orgel sicher durch die Jahrhunderte zu bringen, und wie viel es dann braucht, um die ganze Bagage, den ganzen Krempel und uns und Kind und Kegel und alle möglichen Tiere oder möglichst viele Tiere und so weiter durch die Jahrhunderte zu bringen».
Diese Orgel-Überlegungen von 2021 finden 2022 mit einer realen Orgel ihr Echo. Schoch und Röthlisberger haben sich mit Stichworten aus der Elmiger-Rede beschäftigt und lassen sie in ihre Kompositionen einfliessen; unter anderem dies, dass die Orgel als «nutzloses» Dinge keiner üblichen Verwertungslogik unterliege. Man kann gespannt sein, welches «Echo» 2022 zur Elmiger-Rede des Vorjahrs zurückkommt. Die Rede selber ist vom 6. bis 8. Mai noch einmal zu hören auf kulturlandsgemeinde.ch.
Dorfrundgänge und Konzert
Neben der Orgelinstallation gibt es im Gemeindezentrum Rehetobel noch mehr Musik: Perkussionistin Farida Hamdar und Hackbrettspieler Elias Menzi spielen zum Auftakt und zum Abschluss des Festivals und nehmen ihrerseits Themen rund um Wandel und Veränderung in ihre Improvisationen auf.
«Alles bleibt anders»: Kulturlandsgemeinde-Echo 2022, Konzerte, Spaziergänge, Veloworkshop u.a. 7. Mai, 14 bis 18 Uhr, Gemeindezentrum Rehetobel
kulturlandsgemeinde.ch
Das weitere Programm des Kulturlandsgemeinde-Echos umfasst von 14 bis 18 Uhr thematische Dorfrundgänge. Ein erster Spaziergang beschäftigt sich mit Demokratie und dem (2014 in Rehetobel eingeführten) Stimmrecht für Ausländer:innen. Der zweite Rundgang verbindet Kultur und Natur, der dritte führt zu einem nahegelegenen Steinbruch und öffnet gemäss Ankündigung «ein Fenster in eine allgegenwärtige geologische Urzeit». Bereits am Vormittag lädt die Lesegesellschaft zu einer Führung durch das Textildorf.
Zudem stellt das Team des Velomuseums Rehetobel historische und heutige Fahrräder vor und thematisiert auf seine Weise, wie der Mensch «in die Gänge» kommt und sich die Gangschaltung entwickelt hat.
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