«Ein Testament zu schreiben und damit die letzte Lebensphase zu regeln, tangiert viele Tabuthemen. Da sind das Verdrängen der eigenen Vergänglichkeit und das Tabu des Geldes, da sind die bürokratischen und juristischen Herausforderungen, die ein Testament mit sich bringt», schreibt die Stiftung Erbprozent Kultur zum heutigen 13. September, dem internationalen Tag des Testaments.
Ob es allerdings ein Testament überhaupt braucht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Thomas Geiser, HSG-Jurist, hat im Septemberheft von Saiten gelassen argumentiert: Das heutige, aktuell in Revision befindliche Erbrecht enthalte «absolut vernünftige Regeln», sagt er im Interview: «In 80 bis 90 Prozent der Fälle ist unser Erbrecht absolut ausreichend. Wenn jemand Single ist, keine Kinder hat und eine relativ entfernte Verwandtschaft nit welcher er oder sie nicht unbedingt in Kontakt steht, kann ein Testament natürlich sinnvoll sein.» Das ganze Interview ist im Septemberheft und hier zu lesen.
Unabhängig von der familiären Situation oder dem Stand des Bankkontos funktioniert die Idee des Erbprozents: Mittels «Erbversprechen» kann man sich dazu verpflichten, ein Prozent des eigenen Nachlasses für Kultur zu reservieren. Auf der Website erbprozent.ch finden sich die Anleitungen zum Erbversprechen und zum rechtsgültigen Verfassen eines Testaments.
Von «Wertschätzung» bis «Vertrauen»
2015 an der Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde lanciert, hat die Stiftung bis heute 330’000 Franken an Kulturschaffende und -institutionen aus der ganzen Schweiz vergeben. Das Geld stammt zur Hauptsache aus Vorlässen zu Lebzeiten. Die Zahl der Erbversprechenden ist bisher noch relativ klein – die Stiftung führt dies wesentlich auf die starke Tabuisierung zurück, die noch immer um alle Fragen des Sterbens und des Erbens herrscht. Den «Tag des Testaments», 2011 in England ins Leben gerufen von MyHappyEnd und der Dachkampagne Remember a Charity in Your Will, nimmt sie deshalb zum Anlass für einen Erb-Appell: «Hinterlassen Sie Kultur!»
Wie mit den Stiftungsgeldern Kultur gefördert werden soll, dazu haben sich die Erbversprechenden in mehreren Foren selber äussern können. Entwickelt wurden fünf Fördergefässe mit den Stichworten «Wertschätzung», «Wahlverwandtschaften», «Raum und Zeit», «Vertrauen» und «Publikum». Die Beiträge 2018 gingen an die St.Galler Stiftung Sitterwerk («Wertschätzung»), an den Berner Verein BewegGrund und das Zürcher Musiklab Galotti, an fünf Kunstschaffende, darunter die St.Galler Zeichnerin Lika Nüssli, sowie an die Theatergruppen Kopp/Nauer/Praxmarer/Vittinghoff (Bern) und Old Masters (Genf).
Pro Jahr 63 Milliarden
Allerdings: Statistisch gesehen ist das Erben in der Schweiz ein blinder Fleck. Wer wieviel erbt, ist offiziell nicht bekannt. Eine Studie im Auftrag der «Tagesschau» ergab immerhin eine beeindruckende Zahl: Rund 63 Milliarden Franken wurden im Jahr 2015 in der Schweiz vererbt. Das ist etwa der selbe Betrag, den der Bund pro Jahr einnimmt. Ein «Erbprozent» wären dann immerhin 630 Millionen Franken. Damit könnte nicht nur Kultur, sondern auch noch sonst allerhand Gemeinsinn-Volles gefördert werden.
Das Septemberheft von Saiten befasst sich mit Hinter- und Vordergründigem rund ums Erben. Und präsentiert Erbstücke.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
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Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.