Sie waren noch nie in der Oper, würden aber gerne einmal reinschnuppern? Dann haben Sie diesen Samstag in der St.Galler Lokremise noch einmal die Gelegenheit. Die Company boxopera inszeniert unter der künstlerischen Leitung von Peter Bernhard (Regie: Stefan Saborowski; musikalische Leitung: Andrea Del Bianco) Otello – Liebe, Intrige, Mord.
Otello – Liebe, Intrige, Mord: 20. November, 19.30 Uhr, Lokremise St.Gallen
Weitere Termine in Thun, Zürich, Baden und Wädenswil
boxopera.net
Das Musiktheater hat sich zum Ziel gesetzt, Oper als Kulturgut einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Um die erzählte Geschichte in den Fokus des Publikums zu lenken, wird auf Massenszenen, Orchester und Chor verzichtet. Die Zuschauer:innen erleben die Handlung hautnah, ohne von der Bühne durch einen Orchestergraben getrennt zu sein, und werden so ein Teil der Darbietung.
Dabei spielt die Company mit den Eigenschaften unterschiedlicher Räume, die nicht den Anforderungen an ein klassisches Opernhaus entsprechen, und passt sich an die Gegebenheiten etwa von kleinen Bühnen oder Fabrikhallen an. Es geht ihr nicht darum, Werke grundsätzlich zu verändern oder Oper «modern» zu interpretieren, sondern dem Publikum neue Perspektiven auf die Oper ausserhalb der gewohnten aufzuzeigen.
In Otello wagt das Team um Peter Bernhard eine Verschmelzung von Oper und Schauspiel. Verdis gleichnamiger Vier-Akter in der Textfassung von Arrigo Boito und Shakespeares Fünf-Akter Othello in der Übersetzung von Wolf Heinrich Graf Baudissin werden zu einem Kammerspiel zusammengesetzt. Die boxopera-Inszenierung profitiert von dieser Kombination, da der erste Akt des Shakespeare-Stückes, der wesentliche Grundlagen zur Charakterisierung der Figuren und ihrer Handlungsmotivation liefert, in der Verdi-Oper nicht enthalten ist.
Zwei Hauptdarsteller geben den Otello
Eine weitere Besonderheit: Die Hauptfigur Otello wird in dieser kondensierten Fassung ins Zentrum gerückt. Otello hat eine musikalische (Peter Bernhard, Tenor) sowie eine schauspielerische (Stefan Saborowski) Verkörperung, die seine komplexe, schizophren anmutende Persönlichkeit für die Zuschauer:innen fassbar machen.
Als weitere Hauptfiguren treten Otellos Frau Desdemona (Rosa María Hernández, Sopran), Otellos Fähnrich Jago (Leonardo Galeazzi, Bariton) und Jagos Frau Emilia (Larissa Schmidt, Mezzosopran) in der Inszenierung auf. Sie werden als Stimmen und Vorstellungen in Otellos Kopf in Szene gesetzt. Das Beziehungsgeflecht der Personen und Otellos Sicht auf die anderen Figuren wird dem Publikum so plastisch vor Augen geführt. Die musikalische Begleitung übernimmt Enrico Maria Cacciari, Korrepetitor am Opernhaus Zürich, am Flügel.
Erfrischende Aufbereitung klassischer Stoffe
Otello behandelt gesellschaftlich hochbrisante Themen wie Intrige, Rassismus und häusliche Gewalt – Themen, die über die Zeit nichts an ihrer Aktualität eingebüsst haben. Es ist nicht das erste Mal, dass boxopera auf diese Weise die besondere Bedeutung von Opern-Handlungen für das Hier und Heute hervorhebt. Schon mit den erfolgreichen Inszenierungen von Bizets Carmen, in der es um Geschlechterrollen und sexualisierte Gewalt geht, oder Puccinis Tosca, die Gefangenschaft, Repression und Folter thematisiert, hat die Company ein Händchen für eine erfrischende Aufbereitung klassischer Stoffe bewiesen.
In der ersten von zwei Otello-Aufführungen in der Lokremise hat dieses Geschick einen Zuschauer offenbar so begeistert, dass er dem Ensemble kurzerhand eine Spende von 1000 Franken zukommen liess. Boxopera hat im Tagblatt bereits angekündigt, das Geld in das Publikum zu investieren (Artikel hinter Pay Wall). Die ersten zehn Käufer:innen von zwei Tickets sollen zwei zusätzliche Tickets gratis erhalten.
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