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Beethoven spukt am Mühlensteg

Das Kleintheater Parfin de siècle in St.Gallens Altstadt spielt wieder. Der neue Leiter Matthias Flückiger eröffnet gleich selber: Mit der Pianistin Claire Pasquier bietet er mit «Opus 111» eine fulminante Hommage an Beethoven und Thomas Mann.
Von  Peter Surber
Claire Pasquier und Matthias Flückiger in «Opus 111». (Bilder: André Pasquier)

Kultur hatte es noch nie leicht. Seit jeher gab es Anlässe, die das Publikum «mit einem Grade von Einmütigkeit mied, dass nur etwa ein halbes Dutzend Zuhörer das Parterre belebte» – Zitat Thomas Mann. Der böse Satz könnte beinah zur schwierigen Lage der Kultur in der Pandemie passen. Aber er ist vor siebzig Jahren geschrieben, im Roman Doktor Faustus.

Manns geschliffene Sätze sind aktuell in St.Gallen zu hören, im Stück Opus 111 im Theater Parfin de siècle. Und bei der von uns besuchten Vorstellung war das Publikum durchaus anwesend, immerhin zu rund zwei Dutzend im pittoresken Theaterraum in der St.Galler Altstadt.

Das Geheimnis des dritten Satzes

Wer da war, erlebte einen starken Theaterabend. Obwohl das Thema, wie schon der Autor einräumt, auf den ersten Blick kaum ein Gegenstand «öffentlicher Neugier» ist. Es geht um die drei letzten Klaviersonaten op. 109, 110 und 111 von Beethoven, die auch schon als sein «Neues Testament» bezeichnet worden sind. Vor allem um die allerletzte, die als rätselhaftes und unübertreffliches Spätwerk gilt – unter anderem deshalb, weil sie nur zwei statt wie bei Sonaten üblich drei oder vier Sätze hat. Und doch vollendet ist.

Pianistin Claire Pasquier, hinter ihr Beethoven.

Warum der dritte Satz fehlt und doch nicht fehlt, wissen wir zwar auch am Ende des Theaterabends noch nicht ganz. Aber wir wissen, dass man von dieser Frage so gefesselt sein kann wie der Organist Wendell Kretzschmar im Roman. Thomas Mann hat, mit fachlicher Hilfe des Philosophen und Musikwissenschafters Theodor Wiesengrund Adorno, diesem Kretzschmar eine so präzise wie hoch spekulative Analyse der Sonate und des «ewigen» Konflikts zwischen Subjektivität und Objektivität der Kunst in den Mund gelegt, wie es sie in der Literatur- und in der Musikgeschichte kaum ein zweites Mal gibt. Grosses Text-Kino!

Opus 111, Parfin de siècle, Mühlensteg 3, St.Gallen, weitere Vorstellungen bis 12. November

parfindesiecle.ch

Eine Schiefertafel, ein Sessel und die Porträts von Beethoven und Mann reichen Flückiger, der auch für Regie und Bühne zeichnet, als Ausstattung. Alles steckt im Text und im Spiel. Wie er dem ersten Satz der Sonate zuhört und dann loslegt. Wie er in Kretzschmar hineinschlüpft und diesen davon schwärmen lässt, dass hier im zweiten Satz das einfache Arietta-Thema, drei Töne nur, d-g-g, «sich selbst überwachse» und in immer neuen schwindelnden Variationen sich verliere, darin vergleichbar Beethovens Künstlertum selber, der am Ende seines Gehörs beraubt und von den Zeitgenossen unverstanden als «einsamer Fürst eines Geisterreichs» geherrscht habe – einerseits…

…und andrerseits wiederum der Meister in diesen zum Unendlichen tendierenden Variationen, namentlich in jenem Halbton cis, der sich irgendwann im Lauf des Stücks vor das d schiebt wie eine Trostgebärde, eine neue Objektivität im Angesicht des Todes gefunden und in Töne gebracht habe… Und dann beginnt, beim Wort «Tod», das legendäre, «konvulsivische» Kretzmar’sche Stottern, das Mann so farbig beschreibt und Flückiger liebevoll unerbittlich auf der Bühne bringt.

Musik und Text in Engführung

Ein furioser Text, gespielt von einem virtuosen Schauspieler. Flückiger hat die labyrinthisch verschachtelten Mann-Sätze mit traumwandlerischer Sicherheit intus und bringt darüber hinaus ihre Musikalität zum Klingen. Diese bliebe allerdings Stückwerk ohne Claire Pasquier am Flügel. Die St.Galler Pianistin spielt Beethovens schwierige Partitur nicht minder souverän, auswendig und mit einer Ruhe, die eher den grübelnd-spekulativen als den «schaurig-majestätischen» Zug Beethovens betont.

Wenn Pasquier spielt, trillert Flückiger innerlich geladen mit zuckenden Fingern im Zuhören mit. Wenn Flückiger spricht, hört Pasquier mit freundlicher Neugier zu. Musikerin und Schauspieler sind eine Einheit, so wie Musik und Text im ganzen Stück zu einem grossen Ganzen werden, dank dem man den Mann-Text wie die Beethoven-Partitur neu hören und ein Stück weit verstehen lernt.

Das ist, nochmal mit Thomas Mann gesagt, vermutlich auch für jene Zuhörerinnen und Zuhörer bereichernd, denen «die in Rede stehende Sonate bis dato ganz unbekannt gewesen war». Programmiert sind im Oktober und November noch rund zehn weitere Vorstellungen.

Neustart mit Corona-Verspätung

Flückiger gibt damit, pandemiebedingt ein Jahr verspätet, einen vielversprechenden Einstand als Parfin-Leiter und Nachfolger von Arnim Halter und Regine Weingart, die das Kleintheater im früheren Atelier von Max Oertli vor über zwanzig Jahren begründet haben. Einige weitere Klippen stehen ihm bevor, so eine Reihe von Renovationen im der Stadt gehörenden Haus, sagt Flückiger. Unter anderem fehlt eine barrierefreie Toilette.

Wegen der Planungsunsicherheit fiel auch die geplante Eröffnungsproduktion, ein Mehrpersonenstück von Yasmina Reza, vorerst ins Wasser. Der «Ersatz» entschädigt jedoch reichlich.

 

 

Jetzt mitreden: 2 Kommentare
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Andrea Martina Graf,  

Bin hellbegeistert. Beethoven + Thomas Mann/ Claire Pasquier + Matthias Flückiger ist es gelungen, einen ca. 70’ lang zu fes-seln. Beethoven einmal mehr verblüffend. Eine Passage: was höre ich da?! Jazz pur. Nein, keine Parodie, die sich Claire Pasquier da leistete, sondern Original Beethoven. Dieses Jazzige so rauszuschälen ist der Verdienst von Claire Pasquier. (Hab mir einige Aufnahmen anderer Musiker angehört, nicht bei allen kommt dieses Jazzige so gut zum Ausdruck wie bei C.P.) Eine Aufführung, bei der wirklich Wort + Musik im Mittelpunkt stehen (was ich bei StadttheaterAufführungen leider zunehmend vermisse).

Hermann Ambuehl,  

Endlich ein würdiger Kommentar zu einem schlichtweg grossartigen Theaterabend. Wo war wohl die übrige St.Galler-Presseclique? Vielleicht beim Brodworscht-Verteilen?

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