Seit Ende der 90er Jahre gibt es das Pariser Atelier-Stipendium der visarte.ost in Kooperation mit der Hedwig-Scherrer-Stiftung. 22 Ostschweizer Kunstschaffende konnten seitdem als Stipendiaten das rund 50 Quadratmeter grosse Wohnatelier in der französischen Hauptstadt nutzen, um dort während jeweils vier Monaten zu leben und zu wirken.
Für die aktuelle Schau im Nextex, dem St. Galler Ausstellungsraum der visarte.ost, haben die Kuratorinnen Beatrice Dörig und Annina Thomann die Paris-Reisenden der vergangenen fünf Jahre zusammengeholt. Unter dem Titel «Suisse Orientale 1431», der zugleich Name des Ateliers in Paris ist, zeigen sie sechs Künstlerinnen und Künstler und ihre Arbeitsansätze während ihrer Frankreichzeit.
Verlockend und irritierend
Den Auftakt macht eine grossformatige über Eck verlaufende Wandmalerei der in St. Gallen allgegenwärtigen Marianne Rinderknecht. Wie horizontal schaukelnde Schlingpflanzen wirken ihre in durchscheinendem Orange-Rosa gehaltenen Farbbahnen. Dass an den Enden jeweils Hasenfelle sitzen, irritiert. Und es verlockt zugleich, sich dem Reiz des Anfassens hinzugeben und über die flauschige Oberfläche zu streicheln.
Marianne Rinderknechts Wandmalerei.
Ebenso fliessend, ebenso verwirrend, doch diesmal zurückweisend kommen daneben die auf einer Art knöchelhohen Tisch-Bühne präsentierten Zeichnungen von Anna Hilti daher. Ausschnitthaft präsentiert sie dem Betrachter Motive, die Rätsel aufgeben. Dabei spielt sie mit wiederkehrenden Bildelementen: Mal zeigt sie etwas, das wie eine halbierte Avocado erscheint. Ein dunkler Fleck hockt wie ein Kern in der Mitte. Und auf dem Blatt daneben sitzt ein ebenso dunkler Fleck. Diesmal jedoch fungiert er als aufgerissener Mund in einem nur angedeuteten Gesicht.
«Suisse Orientale 1431», bis 23. November. Nextex im Kulturkonsulat, Frongartenstrasse 9, St.Gallen
nextex.ch
Linienhaft, manchmal fliessend, manchmal gitterhaft starr geht es an den Wandflächen zwischen den Fenstern mit grossformatigen Arbeiten von Beate Frommelt weiter. In ihnen thematisiert die Künstlerin den Konflikt zwischen Natur und Kultur, zwischen organischem Wachsen und dem Domestizieren desselben hinter regulierenden Zäunen und Gittern. Die Künstlerin hat dafür das Verfahren der Monotypie gewählt. Bei dieser Arbeitsweise wird das Motiv zunächst auf Glas- oder Metallplatten gemalt. Die noch feuchte Farbe wird im Anschluss mittels Handabreibung oder mit der Presse auf das Papier gedruckt.
Christian Hörler: «Drei Türme», dahinter Beate Frommelts «enclôturé».
Die dreiteilige skulpturale Arbeit von Christian Hörler, der 2015 mit der Ausstellung «KIT» erstmals im Nextex zu sehen war, spielt gekonnt mit der Oberfläche. Mal glatt, mal rau hat der Bildhauer im Wechsel Schicht um Schicht seiner Drei Türme aufgebaut und ihre Setzung an den im Ausstellungsraum vorhandenen Stahlträgern ausgerichtet.
Gegensätze, die sich guttun
Zu persönlichen Einblicken führt Sebastian Stadlers Video-Arbeit Vos travaux. Mit geheimer Kamera filmte er während seines Parisaufenthalts 2013/2014 das Schaufenster eines berühmten Fotolabors. Bei seinen Momentaufnahmen wurde er zum heimlichen Beschauer von Menschen, die ihrerseits in die stille Betrachtung von Bildern vertieft waren.
Filmstill aus «Fontaine de femme» von Lika Nüssli.
Ebenfalls Video serviert «Crowd Pleaser» Lika Nüssli: Im Juli 2018 entstand an unterschiedlichen Pariser Orten ihre Performancearbeit Fontaine de femme 1 + 2. Für diese bemalte die Künstlerin Tücher und wusch die Farben im öffentlichen Raum wieder aus. Dokumentiert wurde das von der belgischen Filmemacherin Isabelle Tollenaere. In beweglichen Bildern und in Gestalt eines überdimensionalen farbverwaschenen Tuchs findet Nüsslis Arbeit nun Eingang in «Suisse Orientale 1431».
Podiumsdiskussion über Notwendigkeit und Nutzen von Atelierresidenzen, mit Ursula Badrutt (Amt für Kultur Kanton St.Gallen), Wenzel A.Haller (Verein artists in residence ch) und den Kunstschaffenden Marianne Rinderknecht, Andy Storchenegger und Birgit Widmer.
8. November, 19.30 Uhr, Nextex im Kulturkonsulat St.Gallen
So verschieden die gezeigten Positionen und ihre Schöpfer sind: Diese Gegensätze tun sich gut und harmonieren gekonnt – durch ihr Changieren zwischen Fliessen und Erstarren, ihren Wechsel zwischen Weichheit und Härte, Entstehen und Vergehen, und durch ihren spannungsvollen Wandel zwischen den Materialien.
Die Frage, nach der Notwendigkeit und dem Nutzen unterschiedlicher Formen von Atelierresidenzen und Stipendien für Kunstschaffende sowie für die kunstinteressierte Öffentlichkeit beantwortet sich mit Blick auf diese Schau von selbst. Sie wird aber darüberhinaus thematisiert: in der Podiumsdiskussion diesen Donnerstag im Nextex.
Übrigens: Aktuell läuft die Ausschreibung fürs Pariser Atelierstipendium 2019/2020 der visarte.ost. Noch bis 1. Dezember können sich Kunstschaffende mit Ostschweizer Bezug bewerben.
Infos: visarteost.ch
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