«Man kann fast in allen Artikeln über Regeln lesen, die Regeln gelten aber nicht für alle. Die Artikel sind für die Leute auf der Welt, die Geld haben. Und an einem sicheren Ort leben. Leute haben schöne Worte geschrieben, sie dann aber wieder gebrochen. Politiker brechen die Regeln, die sie selber aufgestellt haben. Solange es Grenzen gibt, gibt es keine Menschenrechte. Solange es Waffen gibt, gibt es keine Menschenrechte. Solange die Reichen von den armen Menschen Kraft, Zeit, Gesundheit, Arbeit und Wissen stehlen, solange es Ausbeutung gibt und Imperialismus stattfindet, gibt es keine Menschenrechte.»
Das ist die Antwort einer geflüchteten Person auf die Frage, was die Menschenrechte für sie bedeuten, nachzulesen auf der Rückseite des diesjährigen Nachtasylplakats.
2017: Weniger ist mehr
Menschenrechte. Was bringen sie? Wem nützen sie? Welche Potenziale haben sie? Und wie geht die Schweiz mit ihnen um. Das sind die zentralen Fragen der mittlerweile vierten Nachtasyl-Veranstaltungsreihe, die diesen Freitag im Palace startet und am 21. Oktober im Schwarzen Engel endet.
Letztes Jahr, als sich das Nachtasyl dem ergiebigen Thema Widerstand widmete, bestand die Reihe aus insgesamt zwölf Veranstaltungen. Dieses Jahr sind es nur noch sechs.
«Wenn man will, dass die Leute mehrmals kommen, kann man nicht jeden zweiten Abend eine Veranstaltung anberaumen, das ist zu viel», erklärt Alice Weniger vom Nachtasyl-Kollektiv. «Also haben wir dieses Jahr weniger Anlässe geplant, sie dafür aber mit einem klareren Fokus versehen. Und alles möglichst so geplant, dass sich das Thema Menschenrechte wie ein roter Faden durch jede Veranstaltung zieht.»
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Dem Kollektiv geht es nicht darum, die Menschenrechte abzufeiern oder sie zu verklären, wie manche vielleicht denken. «Wir wollen die Vielschichtigkeit und Chancen der Menschenrechte beleuchten, aber auch deren Widersprüche thematisieren», sagt Alice Weniger. «Zum Beispiel den Fakt, dass wir in Europa automatisch davon ausgehen, dass die Menschenrechte alle Menschen schützen – was aber in keinster Weise der Fall ist, sondern nur eine Illusion, auf der wir uns gerne ausruhen. Europäerinnen und Europäer geniessen umfassende Bürgerrechte und fast weltweite Bewegungsfreiheit, während die Rechte von Geflüchteten ständig beschnitten und in Frage gestellt werden. Unter anderem deshalb haben wir dieses Jahr auch versucht, die Geflüchteten noch stärker miteinzubeziehen.»
Nachtasyl 2017: 6. bis 21. Oktober, verschiedene Orte in St.Gallen
So gesehen sind Anfang und Ende der diesjährigen Nachtasyl-Reihe auch ein Statement: Den Soundtrack der Disco Diaspora am Freitag liefern junge Leute, die aus Eritrea geflüchtet sind. Die Mitglieder den Nachtasyl-Kollektivs trifft man im Palace also vor allem feiernd und tanzend an. Ähnliches gilt für das Schlussfest im Schwarzen Engel, das in Zusammenarbeit mit Leuten aus dem Solihaus entstanden ist.
Bewegungsfreiheit, Morddrohungen und Landesrecht
Nicht zu vergessen: Menschenrechte sind immer auch Frauenrechte. Um diese geht es am zweiten Nachtasyl-Abend im Kinok. The Poetess handelt von Hissa Hilal, der ersten Frau in Saudi-Arabien, die sich im Fernsehen kritisch zu den dort herrschenden Verhältnissen äussert und für ihre Gedichte Morddrohungen kassiert.
Der dritte Abend steht im Zeichen der Bewegungsfreiheit. Tülay Korkmaz erklärt, was Bewegungsfreiheit für Eingewanderte in der Schweiz konkret bedeutet, danach stellt Andreas Cassee sein Plädoyer für globale Bewegungsfreiheit bzw. offene Grenzen vor. Dabei geht es auch um die Frage, ob Staaten aus moralischer Sicht dazu berechtigt sind, Zuwanderung aufgrund der Interessen ihrer Bürgerinnen und Bürger zu beschränken. Dazu passt der vierte Nachtasyl-Abend: SP-Vizepräsidentin Barbara Gysi und Julia Meier von der Operation Libero diskutieren in der Grabenhalle über die jüngste SVP-Initiative «Landesrecht vor Völkerrecht».
In der Woche darauf schliesslich steht ein «kritischer Durchgang zur Idee und zum Inhalt des Menschenrechts» auf dem Programm. Im Cabi-Antirassismustreff wird darüber diskutiert, was hinter der Konstruktion der sogenannten Menschenrechte steht und welche Erfolge sie zu verbuchen haben. Zudem geht es um die Frage, was die Menschenrechte im Bezug auf Migration und Bleiberecht leisten (können).
Wie immer gilt: Halt auf eigenes Verlangen, es hat noch Plätze frei und kein Mensch ist illegal. Der Soli-Button ist an jeder Station erhältlich und kostet 15 Franken.
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