«Rümp» und Horst vor ungewisser Zukunft
Das Rümpeltum in St.Gallen und der Horst-Klub in Kreuzlingen sind zwar keine Clubs im eigentlichen Sinn. Als autonome Kulturlokale sind sie aber unverzichtbar, weil solche Freiräume aus Städten immer mehr verdrängt werden. Beide blicken in eine ungewisse Zukunft: Während das «Rümp» in finanzielle Schieflage geraten ist, weiss der Horst nicht, wie lange er in den jetzigen Räumen bleiben kann.
Bilder: Laurin Bleiker, Collage: DOME. Die Bilder von Laurin Bleiker stammen aus verschiedenen Fotoreportagen aus dem St.Galler Nachtleben.
«Das Rümpeltum befindet sich in einer finanziellen Notlage und benötigt Unterstützung zur Deckung seiner Fixkosten.» So beginnt eine Medienmitteilung, welche die Betreiber:innen des autonomen St.Galler Freiraums Ende November verschickt haben. Sie liest sich wie ein Hilferuf – kein Wunder, denn dem Kollektiv steht das Wasser bis zum Hals: «Wir verfügen derzeit nicht über genügend finanzielle Mittel, um unsere Fixkosten, darunter die Miete an die Stadt, zu decken.»
Die Probleme bestünden schon länger, sagen die beiden Kollektivmitglieder Maurice und Leo im Gespräch. Auch das «Rümp» spüre die Teuerung, als nicht-profitorientierter Ort, der einen niederschwelligen Zugang zu Kultur ermöglichen wolle, habe man jedoch selber auf Preiserhöhungen lange verzichtet. «Wir verstehen uns nicht nur als Club, sondern vor allem auch als sozialer Raum», sagt Leo.
Das Rümpeltum wurde 2001 in einer Abbruchliegenschaft bei der St.Leonhardbrücke eröffnet – dort, wo heute der «St.Leopard» steht. Zwei Jahre später erfolgte der Umzug an die Haldenstrasse. Als sich abzuzeichnen begann, dass auch jenes Gebäude einem Neubau weichen würde, suchte das Kollektiv mit der Hilfe der Stadt ein neues Zuhause. 2018 zog es in ein Provisorium am Platztor, gleich bei der Offenen Kirche. Dies war allerdings bloss eine Notlösung, denn aufgrund mangelhafter Isolation waren nur Akustik-Konzerte erlaubt. Im Frühling 2021 konnte das Rümpeltum schliesslich einen alten SBB-Schuppen beim Bahnhof St.Fiden beziehen, in den es eigentlich schon 2016 hätte ziehen sollen, was aber wegen Problemen mit der Wasserleitung damals nicht klappte.
Am neuen Standort hat das «Rümp» eine gute Heimat gefunden, einen Ort, der den autonomen Geist atmet. Er hat aber einen Nachteil: Hier fehlt die Laufkundschaft. Es sei schwierig, die Leute aus dem Stadtzentrum hierhin zu locken, sagt Maurice. «An der Haldenstrasse kam morgens um drei, wenn die meisten Bars schlossen, die halbe Stadt zu uns.» Die Jungen müsse man heute aber anders mobilisieren. Ein paar Flyer in der Stadt verteilen, das reiche nicht.
Sinkende Besucher:innenzahlen haben auch insofern negative Auswirkungen, weil das Rümpeltum sämtliche Einnahmen für die Fixkosten durch den Getränkeverkauf erwirtschaftet, vor allem mit Bier; die Einnahmen aus den Eintritten für Konzerte gehen –abzüglich der Suisa-Gebühren – vollumfänglich an die Musiker:innen. Je weniger Gäste, desto weniger Geld fliesst in die Kasse. Aufgrund der finanziellen Situation hat das Kollektiv deshalb entschieden, alle Getränkepreise bis auf eine Biersorte und Cola zu erhöhen. «Wir haben 15 Jahren lang unsere Bierpreise nicht angepasst. Nicht, weil wir Alkoholiker:innen züchten wollen, sondern weil die Löhne unserer Besucher:innen auch nicht gestiegen sind», sagt Maurice. Harten Alkohol, mit dem sich wohl mehr Geld verdienen liesse, gibt es im Rümpeltum nicht – «als Selbstschutz vor zu stark alkoholisierten Gästen und zur Suchtprävention», wie Leo sagt. «Die letzten 20 Jahre ging es mit Bier, also wird es auch die nächsten 20 mit Bier gehen.»
«Wenn du hier bist, bist du nicht nur Gast, sondern Teil einer Gemeinschaft.»
Maurice und Leo sind überzeugt, dass der Weg zur finanziellen Gesundung über ein stärkeres Kollektiv führt. Der harte Kern bestehe aus rund zehn Personen. Das sei eigentlich zu wenig, um die ganze Arbeit zu erledigen, die anfällt. Deshalb wollen sie vor allem daran arbeiten, mehr aktive Mitglieder zu finden, dann seien auch mehr Anlässe möglich. «Auch deswegen haben wir die Medienmitteilung verschickt: Um zu zeigen, dass dieser Raum nicht nur etwas gibt, sondern auch fordert», sagt Leo. «Wenn du hier bist, bist du nicht nur Gast, sondern Teil einer Gemeinschaft.»
Gewissermassen das Thurgauer Pendant zum Rümpeltum ist der Horst-Klub in Kreuzlingen. Seit der Eröffnung 2014 hat er sich als alternative Kulturnische etabliert. Hier finden Konzerte, aber auch Lesungen und andere kulturelle Anlässe sowie ein wöchentlicher Skate-Workshop statt – oder sonst einfach ein Barbetrieb. Auch dank seiner zentralen Lage hat das Lokal kaum mit einem Besucher:innenrückgang zu kämpfen – und trotz der zentralen Lage kaum Konflikte mit Anwohner:innen. In den Anfangsjahren gab es regelmässig Lärmklagen, eine Schallschutzwand beim Innenhof, die Verlegung des Eingangs und der Dialog mit Betroffenen halfen, die Probleme zu entschärfen.
Im vergangenen Sommer machte die Ankündigung des selbstverwalteten Musikclubs für die jährliche Soliparty stutzig. Darin hiess es: «Trotz 100 % DIY-Kultur und vollem Einsatz der aktiven Vereinsmitglieder wird es dieses Jahr wirklich eng für die Veranstalter, die laufenden Kosten zu decken. Alle Einnahmen an Kasse, Flohmi, Bar, Cocktailbar und Tombola dienen also dazu, den Sommer zu überbrücken und auch im Winter wieder die Tore öffnen zu können.» Die finanzielle Situation sei jedoch ganz okay, sagt Méline. Die Französin kam wegen des Studiums nach Konstanz und stiess vor fünf Jahren zum Horst-Team. Sie ist eines von rund 40 Mitgliedern und sitzt im zwölfköpfigen Vorstand. Die Idee sei, dass jedes Mitglied pro Monat zwei Schichten übernimmt, was trotz der stattlichen Zahl der Mitglieder nicht immer einfach sei.
Die Hierarchien im Horst sind flach, die Teilnahmemöglichkeiten vielfältig. Wenn jemand einen Anlass organisieren möchte, kann er das an der monatlich stattfindenden Mitgliederversammlung zur Diskussion stellen. Méline hätte Lust, den Horst künftig auch tagsüber zu beleben, erzählt sie. Mit kreativen Aktivitäten, Workshops, solchen Dingen. Um ein solches Zusatzprogramm stemmen zu können, müssten allerdings mehr Mitglieder mitmachen.
Das Finanzierungsmodell im – selbstredend nichtsubventionierten – Horst ist gleich wie im Rümpeltum: «Mit den Getränkeeinnahmen bezahlen wir die Miete, mit Eintrittseinnahmen die Konzertgagen», sagt Méline. Eine Rechnung, die meistens aufgeht. Die Sommermonate seien halt schwierig, weil weniger Gäste kämen, der Horst aber trotzdem Konzerte veranstalte. Deswegen brauche es Aktionen wie die Soliparty, um das Loch zu überbrücken. Sie diente auch schon dazu, Geld zu sammeln, um andere Löcher zu flicken, etwa jene im Dach. Das Kollektiv würde auch mehr Zeit und Geld in die Aufbesserung gewisser Dinge im verwinkelten Gebäudekomplex investieren, wenn es eine langfristige Perspektive hätte.
Die grösste Bedrohung für den Horst seien demnach nicht die Finanzen, sondern der drohende Wegfall der Räumlichkeiten, sagt Méline. Das Areal dürfte irgendwann neu überbaut werden. Wann, weiss das Horst-Team nicht. «Ich hoffe, ich wohne dann nicht mehr hier. Es würde mir das Herz brechen.»
Nachtleben
Viele Clubs in der Schweiz kämpfen ums Überleben, mehrere haben in den vergangenen paar Jahren geschlossen, auch in der Ostschweiz. Die Aktuer:innen im Nachtleben sehen viele Gründe dafür, insbesondere das vielzitierte veränderte Ausgehverhalten, aber auch mehr Konkurrenz. Sie schöpfen jedoch neue Hoffnung.
Clubsterben
Viele Clubs und Konzertlokale kämpfen mit finanziellen Problemen. Die Leute gehen weniger aus, die Kosten steigen, die Einnahmen sinken. Saiten hat vier Akteur:innen aus dem St.Galler Nachtleben zum Gespräch getroffen: Party- und Konzertveranstalter Rouven Hörler, Lidija Dragojević vom Kulturlokal Palace, Morgan Knöpfler alias Morgan Button von der Eventagentur Schwarzmatt und Anouk van Grinsven vom Jugendkulturraum Flon.
Nach jahrelanger Arbeit hat Sonart im Mai die Honorarrichtlinien für professionelle Musiker:innen veröffentlicht. Was diesen die Existenzgrundlage sichern soll, verschärft für Veranstalter:innen und Konzertlokale die finanziellen Probleme – mit entsprechenden Rückkopplungen auf das Booking.
Der Horst Klub in Kreuzlingen ist noch jung, hat aber bereits Kultstatus. Bekannt ist er für seine Live-Konzerte, vor allem für Garagen-Punk. Dieses Wochenende wird das zweijährige Bestehen mit einem Festival gefeiert.
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
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Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
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Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
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