«Das Rümpeltum befindet sich in einer finanziellen Notlage und benötigt Unterstützung zur Deckung seiner Fixkosten.» So beginnt eine Medienmitteilung, welche die Betreiber:innen des autonomen St.Galler Freiraums Ende November verschickt haben. Sie liest sich wie ein Hilferuf – kein Wunder, denn dem Kollektiv steht das Wasser bis zum Hals: «Wir verfügen derzeit nicht über genügend finanzielle Mittel, um unsere Fixkosten, darunter die Miete an die Stadt, zu decken.»
Die Probleme bestünden schon länger, sagen die beiden Kollektivmitglieder Maurice und Leo im Gespräch. Auch das «Rümp» spüre die Teuerung, als nicht-profitorientierter Ort, der einen niederschwelligen Zugang zu Kultur ermöglichen wolle, habe man jedoch selber auf Preiserhöhungen lange verzichtet. «Wir verstehen uns nicht nur als Club, sondern vor allem auch als sozialer Raum», sagt Leo.
Das Rümpeltum wurde 2001 in einer Abbruchliegenschaft bei der St.Leonhardbrücke eröffnet – dort, wo heute der «St.Leopard» steht. Zwei Jahre später erfolgte der Umzug an die Haldenstrasse. Als sich abzuzeichnen begann, dass auch jenes Gebäude einem Neubau weichen würde, suchte das Kollektiv mit der Hilfe der Stadt ein neues Zuhause. 2018 zog es in ein Provisorium am Platztor, gleich bei der Offenen Kirche. Dies war allerdings bloss eine Notlösung, denn aufgrund mangelhafter Isolation waren nur Akustik-Konzerte erlaubt. Im Frühling 2021 konnte das Rümpeltum schliesslich einen alten SBB-Schuppen beim Bahnhof St.Fiden beziehen, in den es eigentlich schon 2016 hätte ziehen sollen, was aber wegen Problemen mit der Wasserleitung damals nicht klappte.
Dank grösserem Kollektiv raus aus der Krise
Am neuen Standort hat das «Rümp» eine gute Heimat gefunden, einen Ort, der den autonomen Geist atmet. Er hat aber einen Nachteil: Hier fehlt die Laufkundschaft. Es sei schwierig, die Leute aus dem Stadtzentrum hierhin zu locken, sagt Maurice. «An der Haldenstrasse kam morgens um drei, wenn die meisten Bars schlossen, die halbe Stadt zu uns.» Die Jungen müsse man heute aber anders mobilisieren. Ein paar Flyer in der Stadt verteilen, das reiche nicht.
Sinkende Besucher:innenzahlen haben auch insofern negative Auswirkungen, weil das Rümpeltum sämtliche Einnahmen für die Fixkosten durch den Getränkeverkauf erwirtschaftet, vor allem mit Bier; die Einnahmen aus den Eintritten für Konzerte gehen –abzüglich der Suisa-Gebühren – vollumfänglich an die Musiker:innen. Je weniger Gäste, desto weniger Geld fliesst in die Kasse. Aufgrund der finanziellen Situation hat das Kollektiv deshalb entschieden, alle Getränkepreise bis auf eine Biersorte und Cola zu erhöhen. «Wir haben 15 Jahren lang unsere Bierpreise nicht angepasst. Nicht, weil wir Alkoholiker:innen züchten wollen, sondern weil die Löhne unserer Besucher:innen auch nicht gestiegen sind», sagt Maurice. Harten Alkohol, mit dem sich wohl mehr Geld verdienen liesse, gibt es im Rümpeltum nicht – «als Selbstschutz vor zu stark alkoholisierten Gästen und zur Suchtprävention», wie Leo sagt. «Die letzten 20 Jahre ging es mit Bier, also wird es auch die nächsten 20 mit Bier gehen.»
«Wenn du hier bist, bist du nicht nur Gast, sondern Teil einer Gemeinschaft.»
Maurice und Leo sind überzeugt, dass der Weg zur finanziellen Gesundung über ein stärkeres Kollektiv führt. Der harte Kern bestehe aus rund zehn Personen. Das sei eigentlich zu wenig, um die ganze Arbeit zu erledigen, die anfällt. Deshalb wollen sie vor allem daran arbeiten, mehr aktive Mitglieder zu finden, dann seien auch mehr Anlässe möglich. «Auch deswegen haben wir die Medienmitteilung verschickt: Um zu zeigen, dass dieser Raum nicht nur etwas gibt, sondern auch fordert», sagt Leo. «Wenn du hier bist, bist du nicht nur Gast, sondern Teil einer Gemeinschaft.»
Der Horst im Schwebezustand
Gewissermassen das Thurgauer Pendant zum Rümpeltum ist der Horst-Klub in Kreuzlingen. Seit der Eröffnung 2014 hat er sich als alternative Kulturnische etabliert. Hier finden Konzerte, aber auch Lesungen und andere kulturelle Anlässe sowie ein wöchentlicher Skate-Workshop statt – oder sonst einfach ein Barbetrieb. Auch dank seiner zentralen Lage hat das Lokal kaum mit einem Besucher:innenrückgang zu kämpfen – und trotz der zentralen Lage kaum Konflikte mit Anwohner:innen. In den Anfangsjahren gab es regelmässig Lärmklagen, eine Schallschutzwand beim Innenhof, die Verlegung des Eingangs und der Dialog mit Betroffenen halfen, die Probleme zu entschärfen.
Im vergangenen Sommer machte die Ankündigung des selbstverwalteten Musikclubs für die jährliche Soliparty stutzig. Darin hiess es: «Trotz 100 % DIY-Kultur und vollem Einsatz der aktiven Vereinsmitglieder wird es dieses Jahr wirklich eng für die Veranstalter, die laufenden Kosten zu decken. Alle Einnahmen an Kasse, Flohmi, Bar, Cocktailbar und Tombola dienen also dazu, den Sommer zu überbrücken und auch im Winter wieder die Tore öffnen zu können.» Die finanzielle Situation sei jedoch ganz okay, sagt Méline. Die Französin kam wegen des Studiums nach Konstanz und stiess vor fünf Jahren zum Horst-Team. Sie ist eines von rund 40 Mitgliedern und sitzt im zwölfköpfigen Vorstand. Die Idee sei, dass jedes Mitglied pro Monat zwei Schichten übernimmt, was trotz der stattlichen Zahl der Mitglieder nicht immer einfach sei.
Die Hierarchien im Horst sind flach, die Teilnahmemöglichkeiten vielfältig. Wenn jemand einen Anlass organisieren möchte, kann er das an der monatlich stattfindenden Mitgliederversammlung zur Diskussion stellen. Méline hätte Lust, den Horst künftig auch tagsüber zu beleben, erzählt sie. Mit kreativen Aktivitäten, Workshops, solchen Dingen. Um ein solches Zusatzprogramm stemmen zu können, müssten allerdings mehr Mitglieder mitmachen.
Das Finanzierungsmodell im – selbstredend nichtsubventionierten – Horst ist gleich wie im Rümpeltum: «Mit den Getränkeeinnahmen bezahlen wir die Miete, mit Eintrittseinnahmen die Konzertgagen», sagt Méline. Eine Rechnung, die meistens aufgeht. Die Sommermonate seien halt schwierig, weil weniger Gäste kämen, der Horst aber trotzdem Konzerte veranstalte. Deswegen brauche es Aktionen wie die Soliparty, um das Loch zu überbrücken. Sie diente auch schon dazu, Geld zu sammeln, um andere Löcher zu flicken, etwa jene im Dach. Das Kollektiv würde auch mehr Zeit und Geld in die Aufbesserung gewisser Dinge im verwinkelten Gebäudekomplex investieren, wenn es eine langfristige Perspektive hätte.
Die grösste Bedrohung für den Horst seien demnach nicht die Finanzen, sondern der drohende Wegfall der Räumlichkeiten, sagt Méline. Das Areal dürfte irgendwann neu überbaut werden. Wann, weiss das Horst-Team nicht. «Ich hoffe, ich wohne dann nicht mehr hier. Es würde mir das Herz brechen.»