Auf einmal war es da: das winzige, für unser Auge unsichtbare Virus, das seither umso sichtbarer unser Leben bestimmt. Wir gehen auf Distanz zueinander, tragen Masken, meiden Menschenansammlungen und feiern keine Feste mehr. Einige trifft die Epidemie besonders hart, andere etwas weniger – aber sie setzt uns allen zu.
Seit wir dazu angehalten worden sind, Abstand zu halten, ist dieser zwischen manchen Freunden, Arbeitskolleginnen oder Familienmitgliedern weit grösser geworden als die vorgeschriebenen 1,5 Meter. Ihre Meinungen zum angemessenen Umgang mit dieser Pandemie liegen so weit auseinander, dass sie sich verwundert die Augen reiben und sich fragen: Habe ich mein Gegenüber wirklich so gut gekannt?
Doch wie umgehen mit solchen Dissonanzen? Bei Twitter, dem Social-Media-Kanal, auf dem ich regelmässig mitlese und -schreibe, hat sich in diesem Jahr eine Tendenz noch verstärkt, die schon seit Jahren zu beobachten ist: Die Stimmung ist deutlich aggressiver geworden und auf einen kurzen Schlagabtausch – oft nur mit Reizwörtern – folgt schnell einmal der rigorose «Kontaktabbruch».
Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad
Diese Brüche zwischen Menschen, die sich bis anhin gut verstanden und in vielen anderen Punkten durchaus übereinstimmen, beschäftigt mich mindestens so sehr wie das Virus selbst. Die zunehmende Unversöhnlichkeit und Diskursverweigerung machen mich betroffen. Wohin wird das noch führen?
Warum fühlen wir uns von entgegengesetzten Ansichten essenziell angegriffen? Wie lässt sich mit diesen Spannungen umgehen? Denn spätestens, wenn sie im eigenen Umfeld angekommen sind, lassen sie sich eben nicht mehr so einfach beiseite schieben wie eine Zeitung, die man niemals lesen würde. So stellten sich auch mir in diesem Jahr ganz neue Fragen:
Soll ich mich an meinem Geburtstag wirklich mit der Freundin aus Kindertagen treffen, obwohl wir auf einmal «zwei verschiedenen Lagern» angehören?
Werden wir das Thema, das uns seit Monaten auf so vielen Ebenen beschäftigt, einfach ausklammern oder stellen wir uns trotz Geburtstag den Diskussionen?
Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.
Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.
Mag ich mit der Bekannten aus dem Quartier weiterhin Spaziergänge unternehmen, wenn sie mir zwischendurch von abstrusen Theorien erzählt?
Hat eine noch recht neue Freundschaft überhaupt eine Chance, wenn wir bei diesem Thema jetzt schon aneinandergeraten?
Die Möglichkeiten, sich zu informieren, haben seit der Erfindung des Internets unendlich zugenommen. Das macht es – gerade auch in diesem schwierigen Jahr – nicht einfacher. Wir Laien wurden geradezu überhäuft mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, und was an einem Tag noch richtig war, galt schon am nächsten wieder als falsch. Das versteht, wer weiss, dass wissenschaftliche Ergebnisse immer vorläufig sind. Dennoch kann es ermüdend und irritierend sein – besonders in unsicheren Zeiten. Meinem Wissensdrang hat dies zum Glück nicht geschadet, und das Aushalten dieser (scheinbaren) Widersprüche hat im besten Fall meine Ambiguitätstoleranz erhöht.
Ich habe übrigens beschlossen, mich den Diskussionen im Freundeskreis zu stellen. Das ist oft unbequem und anstrengend. Doch es bringt auch Vorteile: Ich habe gelernt, mir eine andere Sichtweise anzuhören, ohne sie teilen zu müssen. Und ich habe festgestellt, dass man sich noch verstehen kann, auch wenn man in diesen Fragen sehr weit auseinanderliegt.
2020 hat mir gezeigt, dass nichts sicher ist. Sicher ist hingegen: Es hat meine Resilienz gestärkt und meine Ambiguitätstoleranz erhöht. Das nehme ich gerne mit ins nächste Jahr, ich werde es brauchen können!
Claudia Vamvas, 1968, ist Kurzprosa-Schreiberin, Musikerin und Korrektorin.
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.