Christina Daletska, wie kam es zu Ihrem Engagement als Menschenrechts-Botschafterin für Amnesty International?
Christina Daletska: Ich bin seit zehn Jahren Amnesty-Botschafterin. Ein Kollege in Salzburg hat mich damals dazu gebracht. Mich für Menschenrechte einzusetzen, ist aus meiner Sicht das selbstverständlichste und naheliegendste Engagement überhaupt. Gerade wenn man ein so unglaublich privilegiertes Leben führen kann wie wir alle hier in Europa, und weiss, wie schlimm die Bedingungen anderswo sind.
In der Klassikszene ist es selten, dass sich Musiker:innen politisch äussern oder positionieren. Wie erleben Sie das?
In der Popmusik sind öffentliche Stellungnahmen gang und gäbe, in der Klassik aber tatsächlich selten. Ich glaube, das liegt zum einen daran, dass Pop ein Massenphänomen ist, wo man als Musikerin die Möglichkeit hat, Botschaften an ein breites Publikum zu bringen. Und zum andern ist es eine Frage der Konventionen. In der Klassik sind wir uns schlicht nicht gewöhnt, uns zu anderen als musikalischen Fragen zu äussern. Viele Musiker:innen konzentrieren sich ganz auf die eigene Karriere und die künstlerische Qualität ihrer Arbeit. Gesellschaftliche Themen fallen dabei weg.
Historisch war das anders: Verdi oder Mozart haben ihre Opern für ihre Zeitgenossen und mit klaren politischen Bezügen geschrieben. Beethoven hatte hohe humanistische Ideale. Klassik war in diesem Sinn nicht von jeher «klassisch», sondern tagesaktuell.
Das trifft für viele Komponisten zu, auch Schostakowitsch könnte man nennen oder Luigi Nono und einige weitere. Aber für viele heutige Interpret:innen steht ihre eigene Karriere im Vordergrund – eine Rolle spielt dabei sicher, dass klassische Musik an ihre Ausführenden gewaltige Ansprüche stellt, denen man gerecht werden muss. Aber das ist keine Ausrede.
Sind Sie für Ihren Einsatz auch schon kritisiert worden?
Es gab solche Situationen, vor allem in den ersten Jahren meines Engagements. Aber heute und insgesamt überwiegen die erfreulichen Reaktionen. Wenn Anfeindungen kommen, hilft nur eines: miteinander reden. Und dranbleiben.
Das Konzert
Ludwig van Beethoven: Missa solemnis. Mit Nathalie de Montmollin (Sopran), Christina Daletska (Alt), Achim Schulz (Tenor), Manuel Walser (Bass), Tablater Konzertchor St.Gallen und Motettenchor Region Basel, Leitung: Ambros Ott.
25. September 17 Uhr Kirche St.Laurenzen St.Gallen
tablater.ch
Wie verknüpft sich für Sie Beethovens Werk und seine Missa solemnis mit dem Thema Menschenrechte?
Beethoven ist d e r Menschenrechts-Komponist schlechthin. Für mich ist sein Werk seit jeher zentral, die Emotionen, die es hervorruft, die Welt, die er uns auftut, das dringt tief in alle Schichten ein und berührt bis heute. Die Missa solemnis ist mein absolutes Lieblingswerk. Vor inzwischen 14 Jahren habe ich sie zum ersten Mal gesungen. Es gibt ja bloss wenige Chöre, die sich an das Werk heranwagen – viele Jahre klappte es daher mit einer Wiederholung nicht. Und dann kam Corona. Entsprechend glücklich bin ich, dass die Aufführungen jetzt zustande kommen – allerdings in einer Situation mit dem Krieg gegen die Ukraine, die sich vor kurzem niemand hätte vorstellen können. Das ist schrecklich, so schrecklich wie nie mehr seit dem Zweiten Weltkrieg. Ich versuche mit dieser Situation zu leben, aber es ist schwierig.
Was wissen Sie von der Situation der Musiker:innen in der Ukraine?
Ich werde Anfang Oktober an einem Konzert in der Philharmonie in Lemberg, meiner Heimatstadt singen. Wir planen, als ob alles normal wäre, aber niemand weiss, ob die Philharmonie dann noch steht. Im bisher vom Krieg mehr oder weniger verschonten westlichen Teil des Landes geht das Musikleben weiter, sogar besonders intensiv nach dem Unterbruch durch Corona. Die Menschen bleiben dran, als ob nichts wäre. Es gibt keinen anderen Weg. Und Konzerte können ein bisschen Balsam für die Psyche sein.
Es wird viel über die Frage diskutiert, ob man russische Musiker:innen boykottieren soll. Was ist Ihre Haltung?
Bei Künstlern, die eine Nähe zum Regime haben und sich nicht aktiv gegen den Krieg aussprechen, gibt es für mich nur eine Antwort. Man würde auch nicht mit jemanden zusammenarbeiten, der sich zu Hitler bekennt. Aber russische Kultur insgesamt zu boykottieren, ist falsch und macht es den russischen Künstler:innen, für die dieser Krieg selber herzzerreissend ist, noch schwerer.
Die St.Galler Festspiele haben die Tschaikowski-Oper Orleanskaja Deva abgesagt. Zu recht?
Das ist für mich eine Grauzone. In jedem Fall ist es richtig, genau hinzuschauen, in welchem Kontext ein Werk steht und entstanden ist, und jeden Komponisten einzeln anzuschauen. Im Grunde genommen kann man aber Musik gar nicht von Menschenrechten trennen – Musik zu machen, ist menschlich und bringt Menschen respektvoll zusammen.
Amnesty International hat Anfang August kritisch über Menschenrechtsverletzungen durch die ukrainische Kriegsführung berichtet. Gegen den Bericht gab es lautstarke Proteste. Wie sehen Sie das?
Amnesty hat inzwischen ein offenes Statement dazu publiziert. Und ich kann sagen: Nur die wirklich Grossen sind es, die auch eigene Fehler einräumen und sich dadurch verbessern. Amnesty ist jetzt ein Muster an Krisenmanagement und richtigem Handeln. Im Allgemeinen möchte ich ergänzen: Die althergebrachten Begriffe, die wir für Menschenrechte haben, auch für Neutralität oder für die Regeln des Kriegsrechts, taugen im jetzigen Krieg nicht mehr. Mit einem Beispiel illustriert: Sie werden zuhause überfallen, vergewaltigt, gefoltert. Die Angreifer bleiben, foltern immer weiter. Irgendwann schlagen Sie zurück – und werden danach verurteilt, weil Sie die Menschenrechte verletzt hätten. Genau das passiert mit der Ukraine.
Sie setzen sich mit Benefizkonzerten, auf Podien und mit Hilfsaktionen für die Ukraine ein – haben Sie noch die Kraft dazu nach inzwischen sechs Monaten Krieg?
Ich habe keine andere Wahl, genau wie all die Menschen, die das Land an den Fronten verteidigen. Jetzt – noch viel mehr als vorher – gilt: nicht aufgeben! Die Hilfs- und Spendenbereitschaft sinkt von Tag zu Tag, der Krieg ruft meistens kein Entsetzen mehr hervor – er ist zur Normalität geworden. Man hat genug… aber Russland tötet und verstümmelt und zerstört weiter. Pausenlos. Und ich befürchte, dass der Krieg noch lange dauert und noch katastrophaler werden kann (man denke z.B. an das AKW Saporischschja!), wenn Russland nicht ganz bald gestoppt wird.
Was sind Ihre nächsten musikalischen Projekte?
Ich singe neben der Missa solemnis auch Beethovens «Neunte», in Milano und Torino. In Brüssel, Strassburg, Hamburg, Köln und Dresden führen wir Migrants II des griechischen Komponisten Georges Aperghis auf, die Fortsetzung einer ersten Komposition zum Thema Migration. Die Zusammenarbeit mit ihm ist mir besonders wichtig, weil ihn die selben Themen beschäftigen. Zudem bin ich an einem Projekt unter dem Arbeitstitel «Requiem für die Ukraine» beteiligt. Manourys Vier Lieder aus Kein Licht (für mich arrangiert) singe ich in Paris mit dem Ensemble Intercontemporain, Mahlers Lied von der Erde, inszeniert von Philippe Quesne, in Paris und Dijon. Das Werk ist auf seine Weise auch ein Statement für die Gegenwart. Es freut mich, dass meine musikalischen Aufgaben oft gut zusammenpassen mit meinem Menschenrechts-Engagement.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.