Putins implizite Drohung eines Atomschlags setzt eine globale Aufrüstungsspirale in Schwung. Deutschland stellt der Bundeswehr für 2022 100 Milliarden Euro zur Verfügung, und sogar das «Tagblatt» fordert jetzt die rasche Beschaffung der neuen Kampfjets für die Schweizer Luftwaffe. (So etwa Stefan Schmid in Anlehnung an Roosevelts «Big-Stick»-Politik: «Lächle freundlich und halte stets einen Knüppel in der Hand»).
Da scheint es angezeigt, der allgemeinen Aufrüstungslogik ein Zeichen des Friedens entgegenzusetzen. Zum Beispiel in Heiden, wo sich am Mittwochabend gut 150 Personen eingefunden haben. Dort beim Henry-Dunant-Museum steht seit 2011 eine Kopie der Nagasaki Peace Bell, eine Glocke der ältesten christlichen Kirche Japans, die am 9. August 1945 die Detonation des «Fat Man» – die bisher letzte in einem Krieg gezündete Kernwaffe – praktisch unbeschadet überstanden hatte.
Atomare Gefahr
Den Reigen an Ansprachen in Heiden eröffnete Gemeindepräsident Gallus Pfister (FDP). Das Mitglied der «Mayors for Peace» gab sich ernüchtert und desillusioniert. Er habe in den letzten Tagen lernen müssen, dass selbst Friedensdiplomatie ohne militärische Stärke nicht viel auszurichten vermöge. Tausende Ukrainerinnen und Ukrainer hätten sich jetzt zu einem Widerstandsheer formiert. Auch der Westen müsse jetzt Farbe bekennen. Was er damit genau meinte, liess Pfister offen. Allerdings erwähnte er dann sogleich die deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine und die – wenn auch spät erfolgte – Übernahme der EU-Sanktionen gegen Russland durch die Schweiz.
Sein Glaube daran, dass Konflikte politisch gelöst werden können, sei tief erschüttert. Putins Unberechenbarkeit mache ihm Angst. Allerdings geben ihm die vielen Kundgebungen auf der ganzen Welt Hoffnung. «Kämpfen wir dafür, dass der ukrainischen Bevölkerung mit unserer Unterstützung geholfen wird», sagte Pfister, dessen Rhetorik im Rahmen dieser Friedensaktion doch stellenweise etwas befremdlich daherkam. Punkto Rüstungslogik wäre er mit seinen Nachredner:innen womöglich nicht einig gegangen.
Nach dem Politiker sprach Urs-Peter Frey, Arzt und Delegierter der IPPNW, englisch abgekürzt für die Ärztinnen und Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs. Die Organisation wurde 1980 von einem amerikanischen und einem russischen Arzt gegründet und erhielt 1985 den Friedensnobelpreis. Frey berichtete, wie er zehn Jahre nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl in der «verbotenen Zone» war und in den Spitälern die hilflosen Versuche erlebte, die Opfer der Langzeitwirkungen der Strahlenbelastung noch behandeln zu können. Die Risiken der zivilen Nutzung der Kernkraft sei hinlänglich bekannt, sagte Frey. Und jetzt sei die wunderschöne Stadt Kiew Hauptziel der russischen Aggression.
«Das Damoklesschwert der atomaren Verseuchung hängt über der Ukraine, dem grössten Land Europas mit seinen 15 AKW», sagte der Mediziner. Es würden aktuell Raketen auf Gelände, wo radioaktive Abfälle gelagert sind, abgefeuert. Und die Möglichkeit eines eigentlichen Atomschlags sei so gross wie letztmals während der Kubakrise, so Frey, der zum Schluss seiner Ansprache das offizielle Statement der IPPNW Schweiz verlas.
Toblers Eingeständnis
Die «Wiederherstellung der grossrussischen Völkergemeinschaft» sei erklärtes Ziel von Putins Eroberungszug in der Ukraine, sagte Friedensaktivist Ruedi Tobler. Dass sich der Krieg auf das Baltikum, Polen oder Moldawien ausweite, könne nicht a priori als Hirngespinst abgetan werden. Deren Nato-Mitgliedschaft könnte diesen Ländern ein solches Schicksal ersparen. Wenn diese Abschreckung allerdings nicht funktionieren sollte, dann stünde die Welt wohl wirklich im «dritten Weltkrieg». Es sei Ironie des Schicksals, dass er als langjähriger Friedensaktivist solche Überlegungen anstellen müsse.
Friedensaktivist Ruedi Tobler läutet die Friedensglocke.
«Wir Pazifistinnen und Pazifisten haben immer die Notwendigkeit der weltweiten Abrüstung und den Aufbau einer weltumspannenden Friedensordnung betont», sagte Tobler. «Sie war, ist und bleibt die einzige realistische Möglichkeit der Kriegsverhinderung.» Die realistischste Chance auf einen Abbruch des Kriegs auf die Ukraine sieht Tobler darin, dass sich unter den russischen Generälen ein Stauffenberg finde, der Putins Machtphantasien ein Ende bereitet.
«Ich muss zugeben: Die Hoffnung auf vernünftige russische Generäle ist ein Eingeständnis der Schwäche der Friedensbewegung.» Dennoch sei es wichtig, dass man heute – auch in Heiden – den Protest gegen Krieg zu Ausdruck bringe und die Solidarität mit dem weltweiten Widerstand gegen diesen Krieg bekunde. Ein Widerstand, der schon allein in Russland Tausende ins Gefängnis gebracht habe.
Glocken und Kerzen der Solidarität
Marlis Hörler Böhi, Präsidentin des Henry-Dunant-Museums, zeigte sich überwältigt davon, dass so viele Leute dem Aufruf nachgekommen sind, gemeinsam die Nagasaki-Friedensglocke zu läuten. Sie fühle sich wie viele im Moment hilflos, verunsichert, bestürzt, aber auch wütend. Sie gehöre zu einer Generation, die nie selber einen Krieg miterlebt habe und sich darum auch nicht richtig in die scheckliche Situation einfühlen könne, in der jetzt so viele Menschen in der Ukraine steckten. Wann sehe ich meine Familie wieder? Wann kann ich wieder zurück? Steht das Haus überhaupt noch? Wie geht es den Daheimgebliebenen?
Hörler Böhi schloss ihren Beitrag mit der geläufigen Metapher aus der Chaos-Theorie, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas verursachen könne. Sie drückte ihre Hoffnung aus, dass auch das gemeinsame Läuten der Friedensglocke ein solcher Flügelschlag sein könne, die in die Ukraine getragen würden und dort zum Baustein für einen neuen demokratischen Frieden werden können.
Zum Schluss der Friedensversammlung konnten sich alle eine Kerze nehmen und auf einem Tisch neben der Glocke, auf dem die Umrisse der Ukraine eingezeichnet waren, hinstellen und danach die Glocke läuten.
Friedenslichter für die Opfer des russischen Einmarschs in die Ukraine.
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