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Ein Fass für Unfassbares

Seit drei Jahren gibt es das Pilotprojekt «Kulturagent-innen für kreative Schulen». Künstlerisches Tun ist hier nicht Dekoration, sondern eine zentrale Lernmethode – zum Beispiel in St.Margrethen und Flawil. Was «kulturelle Bildung» heissen könnte, behandelt im September auch eine Konferenz in Rorschach.
Von  Peter Surber

Gewusst, dass es rote Musik gibt? Madleen jedenfalls habe «sehr gut rote Musik gespielt», schreibt Senad von der 4. Klasse des Schulhauses Wiesenau St.Margrethen in der Schulzeitung. Diese ist vollständig von den Kindern selber geschrieben worden, trägt den Titel «Häää» und ist ein bisschen verrückt – so wie das ganze künstlerische Projekt, das die Schule dieses Jahr vorantreibt: «Spinnerei» ist es betitelt. Im September gibt es an einem Tag der offenen Tür Einblick in die Ergebnisse.

Aber um fixe Ergebnisse gehe es gerade nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern um Erfahrungen, Prozesse, Experimente, sagt Barbara Tacchini. Sie ist als Kulturagentin für das künstlerische Programm in der Wiesenau verantwortlich. «Kulturagent.innen für kreative Schulen» nennt sich das mehrjährige Pilotprojekt, das die Stiftung Mercator Schweiz 2018 angestossen hat und finanziert.

17 Schulen machen schweizweit mit, in der Ostschweiz sind es neben der Wiesenau die Primarschule Eichbühl in Bazenheid, die Schule Gais, die Heilpädagogische Schule Flawil und die Schulen Bernegg und Remisberg in Kreuzlingen.

Verwandeln, experimentieren

In St.Margrethen heisst das Oberthema «Verwandlungen». Naheliegend zum ersten, weil das Schulhaus einen Neubau bekommt. Unfreiwillig zum zweiten, weil mitten in das laufende Projekt 2020 die Corona-Pandemie platzte. Aber vor allem, zum dritten: für viele ungewohnt, sagt Barbara Tacchini. Es brauche eine Umstellung im Denken, weg von der Fixierung auf ein Endprodukt, hin zu Offenheit, was immer im künstlerischen Tun entstehen werde – oder auch misslingen darf.

Das Schulzimmer als Klang-Experimentierraum an der Wiesenau St.Margrethen. (Bild: Roman Rutishauser)

So kam auf den Schulhausplatz in St.Margrethen ein Container, alle Klassen hatten dort ihren Containermorgen und experimentierten unter Anleitung von Kunstschaffenden mit Verwandlungen aller Art. Musiker Roman Rutishauser liess kurzerhand sein Klavier per Kran auf ein Vordach hieven und regte die Schüler:innen zu eigenen Klang-Spinnereien an. Neben ihm sind auch Schauspieler und Filmer Tobias Stumpp, die Tänzerin Alena Kundela, Jazzsängerin Miriam Sutter und Tonmeister Reto Knaus beim Projekt engagiert.

«Wir nehmen uns Zeit zum Experimentieren», sagt Barbara Tacchini. Und: «Es gibt nicht richtig oder falsch.» Von dieser künstlerischen Grundhaltung sollen sich auch die Eltern anstecken lassen; am Tag der offenen Tür werden sie Einblick in Entstehungsprozesse bekommen und in Ateliers selber ins Verwandeln hineinverstrickt werden. Ein Lied, das Rutishauser für die «Spinnerei» komponiert hat, heisst denn auch: «Es isch nonig fertig».

Klingende Einhörner

Wie in der Wiesenau, geht es auch an der HPS Flawil um Elementares. Auf einen «Gruselfilm», den die Schüler:innen der Mittelstufe 2019 gedreht hatten, folgte ein Tanz-Klang-Projekt der Unterstufe. Der Akkordeonist Goran Kovacevic, Tänzerin Gisa Frank und Kostümbildnerin Eva Butzkies brachten mit den Kindern «Elfen, Trolle und Einhörner» zum Klingen und in Bewegung.

Klangerkundung in Flawil. (Bild: pd)

Jetzt ist die Oberstufe dran und baut mit dem Arboner Klangtüftler Stefan Philipp einen Klangweg rund um das Schulhaus. Entscheidend sei auch da, dass die Profis auf Augenhöhe mit den Kindern zusammenarbeiten und gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen, sagt Barbara Tacchini.

kulturagent-innen.ch

Veranstaltung «Kulturvermittlung an Schulen» der PHSG mit den Kulturagentinnen Barbara Tacchini und Bettina Eberhard u.a.:
20. September Mariaberg Rorschach (mit Anmeldung)

phsg.ch

Vorerst war das Pilotprojekt auf vier Jahre beschränkt, jetzt hat die Stiftung als Reaktion auf die Pandemie ein fünftes Jahr zugesichert. Wie es mit den Kulturagent:innen und den mit ihnen verbundenen Schulhäusern danach weitergeht, sei noch offen. Eigentlich müssten sich alle Schulen für ein solches Programm begeistern lassen. Denn mit bildnerischem Gestalten, mit Musik, Tanz und Bewegung erreiche man Kinder auf einer elementaren, weniger vom Kopf gesteuerten Ebene. «Kunst», sagt Barbara Tacchini, «kann ein modellhafter Raum sein, um Integration und Inklusion zu leben.»

Künstlerisches Tun mache den Blick auf die Welt weit und fördere das selbständige Tun und Denken. Forschen, experimentieren, fragen statt antworten, eigene Schlüsse ziehen: All das entspreche zudem den Zielen des Lehrplans 21. In St.Margrethen steht dafür schon einmal das passende Lernobjekt: Roman Rutishausers «Fass für Unfassbares».

 

Das Bundesamt für Kultur hat einen Leitfaden zur Förderung der kulturellen Teilhabe herausgegeben: https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/68162.pdf

 

 

 

 

 

 

 

 

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