Der Anonymität halber sage ich jetzt, dass der Anlass nicht Weihnachten war, sondern Ostern. Es war auch nicht die Verwandtschaft meiner Partnerin, bei der ich zu Gast war, sondern, sagen wir, ein Geschäftsessen.
Gut. Es war also ein Oster-Geschäftsessen, wir sassen alle bei Tisch nach dem Hauptgang, und der Gastgeber und sein Gegenüber lieferten sich ein Duell. Es war das harte Duell zweier Männer über 50, die sich so ambitioniert gegenseitig die offenen Türen einrennen, dass wir genauso gut eine Drehtüre hätten installieren können.
«Nichts darf man mehr sagen!», sagte der eine. «Nichts mehr!», bekräftigte der andere, während sie das beide ja sagen durften, lautstark sogar, denn wir anderen sassen mehr oder weniger still da in der Hoffnung, dass die Drehtür von allein zum Stehen kommt. Kam sie nicht. Es war eine regelrechte Turbo-Drehtüre. «Ich sage weiter Schokoküsse!», skandierte der eine und verwendete dabei nicht den Begriff Schokoküsse, «und kulturelle Aneignung ist Blödsinn!», rief der andere, was sich ja prima in die Weisse Kultur einfügt, «und das mit dem Gendern ist auch völliger Gugus!».
Rosa Buch: Anna Rosenwassers gesammelte Kolumnen erscheinen im März beim Rotpunkt-Verlag in Kooperation mit Saiten.
Vernissage in St.Gallen: 10. März, 19:30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen
Da machte ich dann den Fehler des Abends und schaltete mich ein. Weil ja bekannt ist, dass ältere Herren, die gegen «politische Korrektheit» – oder wie es meine Freund:innen und ich gern nennen: Respekt und Anstand – wettern, sicher einer jungen Frau zuhören werden. Ohweh. Jedenfalls schaltete ich mich mit dem Lächeln ein, das ich seit Jahren trainiere, weil Frauen eher zugehört wird, wenn sie nicht wütend wirken. Ich mache Weightlifting und Yoga und HIIT, aber mein härtestes Training ist dieses Lächeln.
Lächelnd wie eine linksextreme Version von Pamela Reif brachte ich also an, dass ich zum Thema gendersensible Sprache arbeite, Referate gebe, Texte schreibe und politisiere. Die psycholinguistische Forschung nehme ja schon länger an, dass Gendern einen positiven Einfluss auf unser Weltbild haben könne.
Anna Rosenwasser, 1990, ist in Schaffhausen aufgewachsen und wohnt in Zürich. Sie ist freischaffende Journalistin. (Bild: pd)
Die beiden Herren der Wortschöpfung hörten mir nur sehr ungern zu. Ein Argument war ihnen dann bereits eines zu viel. «Als hätten wir keine anderen Probleme», grummelte der eine, «wir haben ganz andere Probleme!», rief der andere aus. Das ist lustig, weil sie in ihrer Aufzählung von Problemen das Gendern eigenständig auf den Tisch gebracht hatten.
Wäre es wirklich so unwichtig, ob wir nun ein Sternli, einen Doppelpunkt oder ein Palmenemoji in unsere Wörter einarbeiten (mit Emojis haben sie übrigens keinerlei Probleme, die stören den Sprachfluss nicht und sind ästhetisch 😉🤣), dann könnten wirs ja einfach lassen, darüber zu reden. Dann wärs ja eben egal. Dann hätten wir andere Probleme. Weil: Probleme, die gibt es nur einzeln. Probleme kommen immer nur eines nach dem anderen, zum Glück, wäre ja mega mühsam, wenn mehrere Probleme gleichzeitig existieren würden. Gott, wäre das anstrengend.
Wir müssten über inklusive Sprache diskutieren und über Rassismus. Über Sozialabbau und darüber, dass die Pasta versalzen ist. Stellt euch vor, die Probleme würden dann auch noch zusammenhängen! Vielleicht nicht grad die Pasta und der Sozialabbau (obwohl… 😜😜😜), aber vielleicht Machtverhältnisse innerhalb und ausserhalb unserer Sprache! Das wäre anstrengend. Phu.
Zum Glück aber wussten die beiden Herren: Wir haben andere Probleme. Sie haben diese an diesem Oster-Geschäftsessen zwar nicht gelöst. Aber ganz sicher verstanden.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.