Kategorie
Autor:innen
Jahr

Räuchle

Was hat pinker Rauch mit Martin Luther King und dem Frauenstimm- und Wahlrecht zu tun? Und was der 27. November mit dem 7. Februar? Antworten in der Blackbox von Karin K. Bühler.
Von  Gastbeitrag

Im Rahmen der von Roland Scotti initiierten Gruppenausstellung APP’N’CELL NOW werde ich am 27.11.2020 anlässlich des 30jährigen Jubiläums des Appenzeller Frauenstimmrechts am Schlot der Ziegelhütte ein Zeichen setzen – ein Rauchzeichen.

So hatte ich die Aktion im Newsletter an meine Freund*innen angekündigt. Im Tagblatt vom 14. November ergänzte Christina Genova vorausschauend:

Bühler wird am Jahrestag aus dem Schornstein der ehemaligen Ziegelei rosafarbenen Rauch aufsteigen lassen und damit verkünden: «Habemus Frauenstimmrecht», nicht nur als Referenz an die Papstwahl, sondern auch an die Tradition des «Räuchle» in Appenzell Innerrhoden.

Ja, für einmal werden nicht Haus und Stall «gräuchlet», sondern das ganze Dorf. Weil vor 30 Jahren die Appenzeller Frauen auch auf kantonaler Ebene die Stimm- und Wahlberechtigung erhielten und dies 2020 nicht gefeiert wurde. Schämt Mann sich? Oder ist bereits alles vergessen? Verdrängt? Erledigt?

Es drängten sich Fragen auf, die ich zu beantworten suchte. Zuerst habe ich mich in der Bibliothek Wyborada, der perfekten Fundgrube für Gesellschaftsthemen mit Fokus Frau*, verschanzt und danach mit diversen Personen telefoniert. Auch hier sondierte ich zuerst in die Breite, grenzte dann das Themenfeld ein, bohrte in die Tiefe. Meine Arbeitsweise basiert auf Recherchen und der Auseinandersetzung mit dem lokalhistorischen Hintergrund ebenso wie auf dem Erforschen von Worten und ihren Bedeutungen und Assoziationen. Schrift und Sprache sind denn auch meine bevorzugten Arbeitsmittel, mit der sich die Idee materialisiert. Der Rauch steht hier als Chiffre wie ein Buchstabe, ist eine einfache Form der Fernübermittlung. Die Kunstaktion «Räuchle» ist ein Rauchzeichen an die Gesellschaft.

Die Journalistin Monica Dörig war beim «Räuchle» dabei und beschreibt die Aktion so:

Dass das Thema Frauenstimmrecht «noch nicht «gegessen ist», zeigte der Aufmarsch von fünfzig Frauen, ein paar Männern und Kindern am Freitag kurz nach Mittag bei der Ziegelhütte in Appenzell – exakt zu der Zeit als vor dreissig Jahren in Lausanne das Urteil verkündet wurde, Innerrhoden müsse seine Verfassung ändern. Es herrschte eine leicht aufgekratzte Stimmung im raureifüberzogenen Schatten des Gebäudes. Anekdoten flogen hin und her, Gelächter, «weisch no?». Jemand zeigte alte Fotos herum, auf denen die Männer und Frauen der politischen Gruppierungen am Wirtshaustisch Schlachtpläne entwarfen, im Zug nach Lausanne sassen und auf der herrschaftlichen Treppe vor Bundesgericht posierten.

Das Ereignis wurde gefilmt – von zwei Standorten aus – und anschliessend das Material vor Ort zusammengeschnitten und online gestellt. Der Atem des Filmers verrät die sportliche Leistung zum Standortwechsel, und der Applaus am Ende lässt die Menge der Anwesenden erahnen.

Übrigens scheint das Thema in der Tat noch nicht von allen «gegessen». Im Vorfeld der Aktion habe ich mit Theresia Rohner telefoniert, die sich damals für die Sache exponiert hatte, bedroht wurde und später das Appenzellerland verliess. Beiläufig erwähnte sie am besagten Telefongespräch, dass sie als Gastrednerin zur Landsgemeinde 2020 eingeladen gewesen wäre, worauf sie tatsächlich erneut eine anonyme Drohung erhielt. Sie sei dann froh gewesen, dass die Landsgemeinde wegen Corona gar nicht stattgefunden habe.

Damit diese Aussage eingeordnet werden kann, muss ich ein bisschen ausholen. Aktuell, am 7. Februar 2021, erinnern wir uns: Die Schweiz hatte ihren Bürgerinnen 1971, das Stimm- und Wahlrecht gegeben – als einer der letzten Staaten in Europa. Weiter bekannt mag sein, dass die Ausserrhoder Männer an der Landsgemeinde 1989 zustimmten, den Frauen auch auf kantonaler Ebene alle politischen Rechte zu gewähren. Möglicherweise weniger bekannt ist diese Geschichte:

Die Innerrhoder Männer lehnten es an der Landsgemeinde 1990 zum dritten Mal ab, ihren Frauen und Töchtern die vollen Bürgerrechte zuzugestehen. Eine von der Opposition GfI (Gruppe für Innerrhoden) vorgeschlagene ausserordentliche Landsgemeinde, um über die Frage nochmals zu befinden, wurde von der Kantonsregierung nicht gewährt, worauf Theresia Rohner, trotz Anfeindungen und Drohungen, unterstützt von der St.Galler Anwältin Hannelore Fuchs, den Kanton am Bundesgericht verklagte. Zwei Gruppen von Männern und Frauen verliehen der Klage mit einer Petition Nachdruck. Das Bundesgericht zwang Appenzell Innerrhoden am 27. November 1990, seine Kantonsverfassung zu ändern. Seither sind die Innerrhoderinnen mitgemeint bei den «Mitlandleuten».

Es geht also. So ist denn auch meine zweite (oder erste) Arbeit am Giebel der Ziegelhütte mit «Räuchle» verbandelt. In Pink steht dort geschrieben: I ha en Tromm. Die Aussage in Appenzeller Dialekt verweist nicht nur auf den amerikanischen Menschenrechtsaktivisten Martin Luther King, sondern eben auch auf die Frauen* und Männer*, die seit Jahrzehnten für das Frauenstimmrecht gekämpft haben.

Roland Scotti, Direktor der Kunsthalle Ziegelhütte und Initiator von «App’n’cell now», träumt übrigens noch ganz was anderes. Im Zug der Ausstellung hatte er sein Haus kurzerhand zu «Kunsthalle Appenzell» umbenannt, um auf das Fehlen eines öffentlichen Hauses für zeitgenössische Kunst hinzuweisen. Hoffentlich wird das Haus für die hiesigen Künstler*innen eine rege genutzte Plattform – und bleibt nicht nur ein Traum!

Ein Sonderregal mit Büchern zum Frauenstimmrecht ist in der Bibliothek Wyborada in St.Gallen zu besichtigen und zu benutzen (Mi-Fr 13:30-18 Uhr, Sa 13-16 Uhr).

Die Rubrik Blackbox ist im März 2020 als Antwort auf die Corona-Krise entstanden, als der Kulturbetrieb stillgelegt worden ist. Für das Publikum ist das schade, für viele Kulturschaffende weit mehr: eine existentielle Bedrohung. Die Saiten-Blackbox macht drum eine Bühne auf für Bilder, Texte, Filmbeiträge, Songs, Debatten und anderes. Kein Streamen um jeden Preis, sondern Originale sind hier zu sehen und zu hören, kurz kommentiert, erklärt oder einfach so.

(Bilder: Claude Bühler)

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01