«Daran nagt St.Gallen bis heute» 

Am Dienstag war Marina Widmer im Ersten Fernsehen der Erfreulichen Universität im Palace zu Gast. Thema: 50 Jahre Frauenstimmrecht und dessen Vorkämpferinnen. Und der schwierige Kanton St.Gallen.
Von  Corinne Riedener
Illustration: Armanda Asani

Schätzaufgabe: Wie viele Frauenorganisationen gab es in der Schweiz um 1900? Marina Widmer, die Leiterin des Ostschweizer Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz gab am Dienstagabend im Ersten Fernsehen der Erfreulichen Palace-Universität die Antwort. Kleiner Tipp: Schätzt grosszügig.

Aufhänger des 20-minütigen Gesprächs zwischen Marina Widmer und Palace-Host Julia Kubik war einerseits das 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts in der Schweiz diese Woche und andererseits die Ausstellung «Klug und kühn – Frauen schreiben Geschichte», die Widmer mit anderen auf die Beine gestellt hat und die am 5. März im Historischen und Völkermuseum öffnen soll – so Corona will. Mehr dazu hier.

Der Einführung des Frauenstimmrechts ging ein langer Kampf voraus. Bereits um 1848 forderten einige Zürcherinnen das volle Stimm- und Wahlrecht für die Frauen, erzählt Widmer. Unterschrieben haben sie die Eingabe aber nicht mit ihren Namen, «weil sie sich vor dem Gespött schützen wollten». Es folgen etliche ähnliche Petitionen und Eingaben in weiteren Städten.

Ungeachtet der undemokratischen Zustände engagierten und organisierten sich die Frauen in der Schweiz all die Jahre über. Richtig begonnen hat es etwa um 1860, sagt Widmer, zuerst in Genf, dann in der Deutschschweiz. 1896 fand der erste Frauenkongress statt. Auch zwei «Ausstellungen zur Frauenarbeit» wurden organisiert, 1928 und 1958. «Um zu zeigen, was die Frauen alles leisten für den Staat.»

Die bewegten Frauen früher waren laut Widmer oft «bürgerlich-fortschrittlich». Daneben gab es die Arbeiterinnenvereine, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielten. Als junge feministische Frau um 1900 konnte man sich also zum Beispiel im Lehrerinnenverein oder bei der Union für Frauenbestrebungen engagieren. Oder für die Arbeiterinnenzeitung «Die Vorkämpferin» schreiben.

Im 20. Jahrhundert, als die Europäischen Frauen rundum teils schon seit Jahren das Stimmrecht hatten, kam das Thema in der Schweiz immer wieder auf. So auch in den 1950er-Jahren, als Mann noch Nein gesagt hat.

Damals fühlte sich der Bundesrat bemüssigt, im Abstimmungsbüchlein auf mehreren Seiten gegen das Essay Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes von Julius Paul Möbius zu argumentieren, erzählt Widmer. Möbius vertrat die These, dass Frauen «von Natur aus» eine geringere geistige Kapazität hätten als Männer. Der schwachsinnige Text war damals zwar bereits um die 50 Jahre alt, aber die Positionen waren immer noch populär.

Bestimmt gab es im Kanton St.Gallen auch 1971 noch Männer, die so dachten. 53 Prozent der Stimmberechtigten hier lehnten nämlich das Frauenstimmrecht noch ab. Widmer war damals 15 und in der Sek. Sie erklärt sich dieses miese Resultat vor allem mit dem Stadt-Land-Graben im Kanton – «daran nagt St.Gallen bis heute».

Eine tatsächliche Demokratie ist die Schweiz zwar immer noch nicht, aber in den letzten 50 Jahren hat sich einiges verändert, gesellschaftlich und auch auf gesetzlicher Ebene. «Es ist viel gelaufen, aber auch sehr viel nicht gelaufen», sagt Widmer mit Blick in die Zukunft.

Geht es nach ihr, muss die Carearbeit anders verteilt und entlöhnt werden. Sie müsse ins Zentrum der Gesellschaft gehievt werden, auch auf der wirtschaftlichen Ebene. Ausserdem seien die Frauen nach wie vor benachteiligt in den Sozialversicherungen – eine weitere Baustelle.

Hier das ganze Gespräch:

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