In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 2019 verändert sich das Strassenbild von Rorschach: Die roten Strassenschilder tragen statt männlichen plötzlich weibliche Namen. «Iris von Roten» ist eine der Gassen beschriftet, sie und andere Frauen bekommen vorübergehend einen Ehrenplatz im Stadtbild.
Die Aktion bleibt symbolisch – dabei gäbe es tatsächlich zahlreiche Kandidatinnen für ein Strassenschild. Den Beweis liefert das neue, vom Kulturhistorischen Verein herausgegebene Rorschacher Heft No 6. Es ist aus aktuellem Anlass den «starken Frauen» der Stadt gewidmet.
Prominente und «namenlose» Frauen
Zum Beispiel Hedwig Stolz, 1972 zur ersten Stadträtin und überhaupt ersten Frau in einem Exekutivamt im Kanton gewählt. Oder Flüchtlingshelferin Gertrud Küng. Krankenschwester Olga Wieber, die in Lambarene beim «Urwalddoktor» Albert Schweitzer die Fäden in der Hand hatte. Juristin Hannelore Fuchs, Kämpferin gegen sture Innerrhoder Männer und für die Rechte von Geflüchteten. Oder Margrith Bigler-Eggenberger, erste Schweizer Bundesrichterin, deren Bedeutung mit jener der US-Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg zu vergleichen sei, wie Marcel Elsener in seinem Porträt der «Bundesrichterin aus der Blockwohnung» schreibt. Ihrer Wahl 1974 musste gemäss damals geltendem Familienrecht offiziell noch ihr Mann zustimmen, und im Vorfeld titelte die «Ostschweiz», weil sich Bigler-Eggenberger für den straffreien Schwangerschaftsabbruch einsetzte: «Eine Mörderin ins Bundesgericht». Lange her? Gerade einmal knapp fünfzig Jahre.
Margrith Bigler-Eggenberger. (Bild: Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz AFGO.060)
Nicht zu kurz kommt im Heft auch die Kultur. Tanzlehrerin Wanda Bentele, Uferlos-Gründerin Esther Widmer, Tänzerin Nicole Meier, Sängerin Elsa Cavelti oder Lyrikerin Elisabeth Heck werden in Porträts gewürdigt. Das Heft, bilderreich wie stets, erinnert aber auch an wenig bekannte oder «namenlose» Frauen, an die Wäscherinnen auf dem Kurplatz, an die Klosterfrauen, die am Spital Rorschach oder im Stella Maris wirkten, an die Arbeiterinnen in der Feldmühle, der Roco oder der Alcan.
Wäscherinnen auf dem Kurplatz am See in Rorschach.
Von «Narben» könnten wohl die meisten dieser Frauen erzählen – Narben ist der Titel der 1989 erschienenen Autobiographie von Frieda Köchli, deren hartes Schicksal Richard Lehner nacherzählt.
Frieda Köchli 1989, anlässlich der Veröffentlichung ihres Buchs Narben. (Bild: Familienarchiv)
Diese starken Frauen. Heft No 6, November 2020, hrsg. vom Kulturhistorischen Verein Region Rorschach. rorschachergeschichten.ch
In der Küche brodelt es nach wie vor
Der Buchtitel tönt harmlos: Gruss aus der Küche. Aber die darin versammelten Texte haben zum Teil scharf geschliffene Kanten und Ecken. Zum Beispiel Stefanie Grobs Litanei aller Länder von Äquatorialguinea bis Singapur, die es «vor üs gha hei»: das Frauenstimmrecht. Oder Irena Breznas sarkastischer «Gruss in die Küche», der den Spiess umkehrt und das Männerstimmrecht verweigert.
Weiter im Buch finden sich Texte zur nicht bezahlten Care-Arbeit, zu den Pionierinnen von damals und den Baustellen von heute, Thesen gegen die weiterhin dominierende Optik, «den Menschen als weissen heterosexuellen Mann zu denken», oder ein schlagend argumentiertes Plädoyer von Fabienne Amlinger für Frauenquoten in der Politik und gegen die «Männerquote, die schon seit einigen Jahrhunderten existiert und gar nicht als solche wahrgenommen wird».
Die Journalistinnen Rita Jost und Heidi Kronenberg haben die Texte zum Frauenstimmrecht gesammelt und herausgegeben, Nora Ryser hat sie illustriert. «In der Küche brodelt es nach wie vor», steht in der Einleitung.
Rita Jost/Heidi Kronenberg: Gruss aus der Küche, Texte zum Frauenstimmrecht, Rotpunktverlag Zürich 2020, Fr. 26.-
Die «junge Demokratie»
Etwas weniger brodelnd geht es im andern Sammelband zum Jubiläum zu und her. Die Herausgeberinnen Isabel Rohner und Irène Schäppi versammeln in 50 Jahre Frauenstimmrecht Stimmen von «bekannten und einflussreichen Frauen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Öffentlichkeit». Ehemalige und amtierende Bundesrätinnen sind darunter, Elisabeth Kopp und Viola Amherd, die frühere Bundesrichterin Margrith Bigler-Eggenberger, Filmemacherin Petra Volpe, Unternehmerin Bea Knecht, Ex-Miss-Schweiz Christa Rigozzi, Fernsehfrau Katja Stauber, Politologin Regula Stämpfli und viele mehr.
Man erfährt vieles über den langen Weg zum Frauenstimmrecht, auch in der Westschweiz, und über die heutigen Errungenschaften und Defizite der Geschlechter-Gleichstellung. Mit subtiler Ironie schreiben die Herausgeberinnen: das Buch wolle Leserinnen und Leser «für unsere junge Demokratie begeistern».
Isabel Rohner/Irène Schäppi: 50 Jahre Frauenstimmrecht. 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung, Limmat Verlag Zürich 2020, Fr. 35.90
(Bild: Richard Lehner, aus dem Rorschacher «Heft»)
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
Etwas gar still war es um Rorschach, seit Hafenbuffet und Mariaberg ihr Tore schlossen. Das «Treppenhaus» soll jetzt wieder Schwung in die Kulturszene der Hafenstadt bringen. Eröffnet wird das Lokal an der Kirchstrasse am 3. und 4. Januar.
Zum Beispiel Kevser, Andjela, Maria Rosa, Sissi und Aysha – ein Heft zum Einwandern. Ausserdem: Museumsdebatte, Margadant & Burroughs.
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.