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Welche unserer Fehler müssen zukünftige Generationen ausbaden? Was braucht es zur enkeltauglichen Welt? Und warum ist «keep smiling» nicht die Lösung? Der Philosoph und Präsident des Wiler Forums für Nachhaltigkeit (Wifona), Beat Steiger, gibt Antworten. von Jonas Frehner
Von  Gastbeitrag , 
Zeichnung von Beni Bischof

Jonas Frehner: «Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen», sagte Luther. Sollten wir einfach versuchen, so entspannt wie möglich unterzugehen?

Beat Steiger: Ob Luther das gesagt hat, ist zweifelhaft. Dahinter aber steckt einerseits die stoische Haltung der Unerschütterlichkeit und Gelassenheit für schreckliche Zeiten, anderseits eine Gesinnungsethik, nach der man das Bestmögliche für sich und andere tut, selbst wenn der Erfolg des Tuns sehr unsicher ist. Also quasi nach dem Credo leben: «Wenn die Welt schon in ein Desaster reinrasselt, dann sieh zu, dass du fit bleibst, indem du dir und anderen gute Dinge tust, die du nicht bereuen wirst».

Eine Aussage, an der es auch heute nichts auszusetzen gibt.

Wenn der Satz als Aufforderung verstanden wird, sich individuell nicht einschüchtern zu lassen von pessimistischen Zukunftsaussichten, ist das gut und richtig. Doch sind wir wirklich verlorene, einsame Individuen, die alle nur für sich eine Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart zu finden haben? Heute reicht es nicht mehr, als Einzeltäterin oder Einzeltäter individuell eine tolle Sache zu machen.

Was würde denn helfen?

Zwar sind der individuelle Verzicht auf Flugreisen oder Fleischkonsum und andere Handlungsweisen eines nachhaltigen Lebensstils lobenswert und können von allen sofort umgesetzt werden. Ohne strukturelle Änderungen aber ist das nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Politisches Engagement, strukturelles Denken und Networking sind zwingend.

Beat Steiger, 1953, studierte mit der idealistischen Vorstellung, «den Hunger in der Welt zu bekämpfen», Agronomie. Ernüchtert über den Misserfolg von Entwicklungsprojekten brach er das Studium ab, wechselte in die Philosophie und wurde über Umwege Lehrer für Philosophie und Ethik an den Kantonsschulen am Burggraben und in Wil. Seit kurzem pensioniert, setzt er heute mit dem Verein WIFONA bei der «Plattform Agenda 2030», mit dem lokalen Projekt «NANU – Netzwerk Alter Nachhaltig Unterwegs» und in der Telefonseelsorge kleine Impulse. Daneben betreibt er die philosophische Praxis Philobes.

Es scheint reichlich spät, dass wir grundlegende Probleme wie die Klimaerwärmung, die Ausbeutung des Planeten oder den Welthunger ernst nehmen. Gibt es überhaupt noch etwas zu retten?

Irgendwann soll unser Planet laut astronomischen Kalkulationen für Menschen und andere Lebewesen unbewohnbar werden, doch im Vorfeld des «Weltuntergangs» oder der «Nicht-mehr- Bewohnbarkeit» geht es darum, Leiden zu verhindern, unnötiges und menschengemachtes Leiden bei sich selber und bei anderen. Aus Liebe zu sich, aber auch aus Liebe zu anderen.

Ist der christliche Grundsatz der Nächstenliebe noch zeitgemäss?

Das Prinzip der Selbst- und Nächstenliebe ist gültig, ganz gleich ob man in die Kirche geht oder nicht. Schliesslich ist es egal, ob ein grundlegendes Prinzip des Zusammenlebens von Religionen offeriert wird oder aus dem Internet kommt.

Internet und Religion scheinen aber nicht wirklich gegen den fortschreitenden Wertezerfall anzukommen. Was kann da helfen?

Ich glaube, Bildung kann grundsätzlich viel bewirken, Philosophie als Ethik sollte in allen Staaten von der Oberstufe bis zum Lehrabschluss oder bis zur Matura unterrichtet werden und Teil jedes Studiums sein. Früher war das «Philosophicum » an vielen europäischen Universitäten obligatorisch, um einen akademischen Abschluss zu erhalten. Damals lernten vom Ingenieur bis zur Ärztin alle nicht nur, etwas fachlich «perfekt» zu machen, sondern auch zu hinterfragen, ob, wofür und weshalb dies auch «gut» ist.

Also Philosophie für alle?

Ja, damit man nicht bloss einem Aktivismus verfällt und sich von morgens bis abends von To-Do-Listen oder Pflichtenheften rumhetzen lässt, sondern überlegt, inwiefern und für wen die täglichen Handlungen kurz- und langfristig auch gut sind. Philosophie allein genügt aber nicht: Auch in den Familien, in der Öffentlichkeit und in den Medien sollten vermehrt Wertedebatten stattfinden und bestmögliche Lösungen für lokale, nationale und globale politische Probleme partizipativ erarbeitet werden.

Ist es realistisch, dass die Menschen sich auf solche Angebote einlassen?

Realistisch ist, dass die Leute reihenweise ins Burnout reinsausen oder sich unglücklich und sinnentleert im grauen Alltag kaputtkrampfen. Tragende Werte aber geben jedem Tag einen Sinn. Alle sollten in ihrem Aktionsfeld als Strassenmusikerin, Koch oder Akademikerin wissen, was wichtige Werte sind, an denen sie sich orientieren können. Klar unterscheiden sich die Handlungsspielräume in den verschiedenen Berufen, und doch stehen alle vor derselben Herausforderung: sich innerhalb ihres Wirkungsfeldes für das Wohlergehen der Betroffenen bestmöglich einzusetzen und sich selbst zu verwirklichen. Und das unter Berücksichtigung ökologischer Standards und Gerechtigkeitsprinzipien.

Ist also doch Arbeit der Schlüssel zum Glück?

Natürlich nicht! Schon Marx sah ein, dass sinnentleertes Malochen, Geldverdienen und Streben nach materiellen Werten nicht nachhaltig befriedigen. Vielmehr ist der Einsatz fürs Gemeinwohl in einer sinnstiftenden, nicht entfremdenden Arbeit wichtig für alle, vom Strassenwischer bis zur Profifussballerin.

Um vom Einzelnen auf die Gemeinschaft zu kommen: Was müsste auf weltpolitischer Ebene verändert werden?

Mit der Gründung des Bundesstaates legte die Schweiz 1848 fest, dass die grossen politischen Probleme nicht mehr kommunal und kantonal gelöst werden können. Die heutige Staatengemeinschaft sollte denselben Schritt machen und in absehbarer Zeit Probleme, die nicht mehr national gelöst werden können, auf eine globale Ebene verlagern.

Die Schattenagenda
17 Ziele für nachhaltige Entwicklung haben die Uno-Mitgliedsstaaten 2015 mit der «Agenda 2030» verabschiedet. Bis 2030 sollen unter anderem weltweit Armut und Hunger beendet, der Planet vor Schädigung geschützt und Frieden hergestellt werden. Hohe Ziele, die von den Mitgliedsländern viel abverlangen. Im Juli legte der Bundesrat einen Bericht über die Umsetzung der Ziele in der Schweiz vor. Einen höchst lückenhaften Bericht, wie der Zusammenschluss «Plattform Agenda 2030» findet. Der Verbund von 40 NGOs hat deshalb einen Schattenbericht zur Umsetzung der Agenda 2030 vorgelegt. Mit eigenen Schwerpunkten – und eigenen Lösungsvorschlägen. So wird die eigenbrötlerische Umsetzung in Departementen und Ämtern kritisiert, von denen keines wirklich die Verantwortung trage. Vielmehr müsse ein Gremium die Führungsrolle übernehmen und eine zentrale Ansprechstelle für alle Akteurinnen geschaffen werden. Denn ohne enge Zusammenarbeit von staatlichen und privaten Akteuren sei die Umsetzung der hohen Ziele kaum realistisch.

Woran denken Sie?

Zu den Problemen gehören bekanntlich die globale Ungerechtigkeit mit einem die reiche Welt beschämenden Welthungerproblem, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die zukünftige Generationen vor Rohstoffprobleme stellen wird, die teilweise irreversible Verschmutzung des Planeten und die vielen Kriege weltweit.

Brauchen wir zur Lösung dieser Probleme einen «Weltstaat»?

Als Föderalist bin ich selbstverständlich dafür, dass man politische Probleme auf der tiefstmöglichen politischen Ebene löst. Kriege, das Welthungerproblem, die grossen Migrationsbewegungen der Gegenwart als Ausdruck der globalen Ungerechtigkeit und die Verschmutzung des Planeten sind meines Erachtens aber nicht alleine durch eine freiwillige Zusammenarbeit der Staatengemeinschaft zu beheben.

Wie dann?

Zwar versucht die Uno diese Probleme mit ihrem Einsatz für die Menschen- und Völkerrechte oder durch die Verabschiedung von Nachhaltigkeitsagenden wie der Agenda 2030 (siehe Box) anzugehen. Solange die Staaten aber «souverän» sind, die Zusammenarbeit unter ihnen zum guten Ton gehört – letztlich aber freiwillig ist – und einige Handlungsfelder des globalen Wirtschaftens staatlichen Zugriffen enthoben scheinen, ist eine Prognose für die Lösung der genannten Probleme sehr schlecht.

Was heisst das konkret?

Ein Umdenken ist nötig, zunächst einmal wirtschaftlich. Ein kapitalistisches Wirtschaftsmodell, das auf Wachstum basiert, ist auf einem begrenzten Planeten nicht mehr haltbar. Zwar gibt es ökologische Entwürfe wie «green economy» oder Kreislaufwirtschaft und soziale Korrekturvorschläge wie ein Grundeinkommen, gerechtere Steuersysteme und Regeln für den globalen Handel, aber diese Vorschläge werden kaum wirksam umgesetzt. Zudem sollten an Universitäten und in der Politik Formen eines postkapitalistischen Wirtschaftens mit viel mehr Ernsthaftigkeit diskutiert werden.

Kann es sein, dass es uns zu gut geht, um etwas an der aktuellen Situation zu ändern?

In den hochindustrialisierten Ländern des Westens und einigen Schwellenländern ist der Wohlstand so hoch wie noch nie. Die Privilegierten profitieren jeden Tag davon, leben materiell unbeschwert und erreichen bei guter Gesundheit oft ein hohes Alter. Was will man mehr, könnte man meinen… Aber auch die Privilegierten wissen, dass unser Wohlstand global nicht teilbar ist. Die Geschichte lehrt uns zudem, dass Privilegierte schon immer ihre Privilegien verteidigten. Die reichen Staaten versuchen also weiterhin reich zu bleiben – auf Kosten armer Staaten und des Planeten.

Blenden wir also einfach die Realität aus?

Absolut, viele reiche Staaten befinden sich in einem Wohlstandsbunker und blenden die reale, verheerende Weltlage aus. Zukünftige Generationen werden sich kopfschüttelnd fragen, wie es möglich war, so herzlos zu sein. Ironischerweise kommt hinzu, dass sich in der Wohlstandsgesellschaft zwar viele als zufrieden bezeichnen, glücklich aber sind nur wenige. Denn egal wie es uns geht: «Keep smiling».

Denken Sie, dass sich daran mal was ändern wird?

Dinge ändern sich nur durch Druck – oder durch Leiden. Erst wenn die Menschen in Peking schlechte Luft einatmen und die Babys zu husten beginnen, erhält die Reinhaltung der Luft politische Priorität. Wenn die Migrationsströme weltweit wegen Kriegen und ungerecht verteilten Lebenschancen zunehmen, ergibt sich ein politischer Kampf zwischen Abschottern, Mauerbauerinnen, Nationalisten und Populistinnen einerseits und denen, die sich für menschenwürdige Verhältnisse eines jeden Menschen auf diesem Planeten einsetzen.

Und die Lösung wäre?

Vernünftige Lösungen sind und waren immer einfach, werden aber als «utopisch» und «naiv» abgeschmettert. Für mich gibt es drei grosse Ziele: Erstens Garantie des Weltfriedens durch die Abschaffung aller nationalen Armeen und unter Führung der Weltstaatengemeinschaft. Zweitens ein Wirtschaften, das ökologische Grenzen achtet, zukünftigen Generationen einen schönen Planeten überlässt, sozialverträglich ist und Gewinne lokal und global gerecht verteilt. Drittens eine Öffnung des Denkens und Handelns für das, was lebenswert ist und nicht bloss für das, was Geld bringt.

Warum soll das utopisch oder naiv sein?

Weil nicht die Vernunft, sondern die Macht regiert, und Macht wird zwar gelegentlich zum Schutz der Würde aller Menschen und des Planeten eingesetzt, allzu oft aber missbraucht für eigennützige wirtschaftliche und politische Zwecke, ohne Rücksicht auf Schwache und zukünftige Generationen. Der Missbrauch von Macht auf lokaler bis globaler Ebene müsste viel stärker nicht nur durch einen Aufschrei in den Medien und sozialen Netzwerken kritisiert werden, sondern auch unmissverständlich vom Gesetzgeber verfolgt werden. Auch auf internationaler und globaler Ebene, wo bisherige nationalstaatliche und internationale Vereinbarungen nicht greifen.

Das scheint wirklich utopisch, wenn man die aktuellen Ziele der politischen Parteien ansieht.

Tatsächlich sind von national ausgerichteten Parteien von links bis rechts keine Lösungen für globale Probleme zu erwarten. Sie meinen, nur attraktive Problemlösungsvorschläge für ihre lokale Wählerschaft bringen zu müssen und sich immer für den eigenen (Wirtschafts-)Standort einsetzen zu müssen.

Wer könnte denn noch helfen?

Meine Hoffnung setze ich in Menschen, die sich auf unserem dank Mobilität und Internet klein gewordenen Planeten für ein Leben in Würde eines jeden Menschen engagieren. Sei dies in internationalen NGOs, in staatenübergreifendenden, nachhaltigen Projekten traditioneller Parteien oder vor Ort, wo immer man auch ist.

Dieser Text ist in der Septemberausgabe von Saiten erschienen.
Jonas Frehner ist freier Journalist, Texter und Student der Kulturpublizistik an der ZHdK.

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