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Urschrei in Japan, Eribon im Thurgau

An den Solothurner Filmtage feierten auch zwei Dokumentarfilme von Ostschweizer Filmschaffenden ihre Weltpremiere: Sound and Silence von Thomas Lüchinger und Klassenverhältnisse am Bodensee von Ariane Andereggen. 

Von  Geri Krebs , 
Szene aus Thomas Lüchingers Sound of Silence. (Bilder: pd)

Noch nie sei er sich so sehr bewusst geworden, dass Filmen immer auch ein Wettlauf gegen die Zeit sei. Das sagte Thomas Lüchinger, sichtlich bewegt, anlässlich der Premiere von Sound and Silence am vergangenen Sonntag in Solothurn.

Der Ostschweizer Regisseur, der dieses Jahr 70 wird, macht seit über dreissig Jahren Filme – und vor einem Vierteljahrhundert hatte er mit Schritte der Achtsamkeit einen der erfolgreichsten Schweizer Dokumentarfilme realisiert. Mit Sound and Silence habe er es nun das erste Mal erlebt, dass er ein angefangenes Projekt verlassen musste, betonte Lüchinger bei der Präsentation seines in Japan gedrehten Films.

Sound and Silence ist ein in kontrastreichem Schwarz-Weiss gehaltenes Porträt der beiden Improvisationsmusiker:innen Shizuko und Toshio Orimo und ihres Sohnes Sabu. «Wenn wir früher Musik machten, explodierten wir», erzählt zu Beginn die 1944 geborene Shizuko. Und ihr Mann Toshio, Jahrgang 1947, fügt lachend hinzu, seine Frau habe dabei stets mehr Wildheit und ungestümes Temperament gezeigt als er, wenn sie gemeinsam auf der Bühne standen.

Ostschweizer am anderen Ende der Welt

In den 1980er Jahren provozierten die beiden mit einem hochenergetischen Mix aus Punk, elektronischer Musik und Freier Improvisation, wobei, wie einige farbige Archivaufnahmen nahelegen, Shizuko als Voice-Artistin sich gelegentlich die Seele aus dem Leib zu schreien schien.

Regisseur Thomas Lüchinger

Das ist heute längst vorbei, die Energie ihrer Musik haben sie gewissermassen verinnerlicht, wenn sie zusammen mit ihrem Sohn Sabu (Jahrgang 1990), der die traditionelle japanische Holzflöte Shakuhashi spielt, mit Bass, Klavier und Stimme meditative Klänge erzeugen, die sich in ihrer zeitlosen Schönheit ganz im Geist früherer Filme Thomas Lüchingers bewegen.

Mit Lüchingers Sohn Ephrem, der als Musiker noch zusätzliche Klänge beisteuert und dem aus St. Gallen stammenden, seit 25 Jahren in Japan lebenden Rorschacher Kameramann und Toningenieur Roger Walch, ist Sound and Silence ein Gipfeltreffen von Ostschweizer Künstlern am anderen Ende der Welt.

Von der Illusion des Aufstiegs durch Fleiss

Ganz in heimischen Gefilden bewegte sich in Solothurn dagegen ein Film einer Ostschweizerin, der in verspielter Weise soziale Ungleichheit anprangerte und dabei doch immer wieder auch zum Lachen reizte: Klassenverhältnisse am Bodensee von Ariane Andereggen.

Die 1969 geborene Künstlerin und Performerin, die heute in Basel lebt, legt mit diesem Essayfilm ihren ersten Kinofilm vor. Erklärtermassen inspiriert von den französischen Autoren Didier Eribon, Edourd Louis oder Annie Ernaux, die in ihren autofiktionalen Romanen in den letzten Jahren das marxistische Konzept der Klasse wiederbelebten, versucht nun auch Ariane Andereggen, zusammen mit ihrem Partner, dem Musiker Ted Gaier, etwas Ähnliches.

Aufgewachsen in Ermatingen und anderen Thurgauer Ortschaften am Bodensee («meine Mutter liebte es umzuziehen», heisst es an einer Stelle im Film), erlebte sie in den 1970ern und 1980ern provinzielle Langeweile und Enge in der damals noch industriell geprägten Region. Und lernte als Tochter eines Fabrikarbeiters und einer Sekretärin schon früh die Unterschiede zwischen «denen da unten und denen da oben» kennen – allerdings ohne dass man darüber sprach.

Szene aus Ariane Andereggens Klassenverhältnisse am Bodensee.

«Es ist auch heute ungefähr noch so wie wenn man mit den Enten auf dem See reden würde», scherzte Ariane Andereggen bei der Filmpräsentation, als sie von den Schwierigkeiten sprach, mit Leuten in ihrer Heimatregion ein Gespräch über soziale Klassen zu führen. Alle glaubten an den sozialen Aufstieg durch Fleiss – das sei es, was das Denken auch in ihrer Familie geprägt habe.

Regisseurin Ariane Andereggen

Zwar lief der Film in Solothurn unter dem Etikett «Experimentalfilm», doch er war in keinem Moment und in keiner Weise kryptisch oder elitär. Vielmehr ist Klassenverhältnisse am Bodensee als originelle und eigenwille Collage von Interviews, Found Footage, Homevideos und Animationen eine lustvolle und wilde Reise in erster Person.

Dabei erfährt man viel über die Vergangenheit und Gegenwart einer Region, wo heute «überdurchschnittlich viele Leute wohnen, die viel Geld haben und nicht gerne Steuern zahlen.» (Ariane Andereggen) Hier gäbe es noch ganz viele unerzählte Geschichten zu entdecken und zu erzählen, meinte die Regisseurin am Ende einer angeregten Publikumsdiskussion in Solothurn.

Sound and Silence von Thomas Lüchinger wird im Laufe des Jahres auch in die Ostschweizer Kinos kommen, ebenso wie Klassenverhältnisse am Bodensee von Ariane Andereggen.

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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

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Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

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