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Versuch über die Immunität

Immunium® Akut #18: Ueli Vogt sinniert über Immun-Literatur von verstorbenen Literaten. Und empfiehlt zum Schluss eine Portion weibliche Gegenwartsimpfung.
Von  Gastbeitrag , 

Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat: So lautet der wunderbar selbsterklärende und sich quasi selbst in den Schwanz beissende Titel eines Buchs von Pierre Bayard. Für Fortgeschrittene in dieser Kunst habe ich noch ein eingeschweisstes Exemplar dauernd neben dem Sofa aufliegen.

Nun, wie soll man über Bücher schreiben, die man gelesen, aber längst vergessen hat und doch immer wieder für wichtig erachtet? Soll man die Vergesslichkeit beklagen? Oder das Glück des Vergessenkönnens feiern? Ich spreche von Hugo Lötschers 1986 erschienenem Buch Die Papiere des Immunen.

Diesem Buch gelang, was wenigen meiner Belletristik-Büchern gelingt: Es hat viele Zügeleien überlebt und steht ganz einsam, aber wichtig im kleinen Torso des Belletristik-Regals, das von Namen wie Hermann Burger oder Ludwig Hohl dominiert wird.

Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad

Die Papiere des Immunen ist eigentlich ein zweiter Band eines elf Jahre früher erschienenen Buchs, das schlicht Der Immune heisst. Über dieses könnte ich nur mit Pierre-Bayard-Kenntnissen sprechen – ich habe es nie gelesen und möchte mich nicht erinnern, das je behauptet zu haben.

Aber Die Papiere des Immunen habe ich in einer signierten Ausgabe bei mir stehen. Dieses Autogramm habe ich nicht selber abgeholt, es wurde mir beim Schwärmen über das Buch vor wenigen Jahren geschenkt (danke Ruth! – dass ich mich daran erinnern mag, hängt sicher mit dir zusammen).

Aber der Inhalt war schon wichtig. Er besteht, wenn ich mich richtig erinnere respektive nun darin blättere, aus einer lose aufeinanderfolgenden Sammlung von kurzen Geschichten, kleinen Berichten. Es soll sich dabei um den Nachlass des Immunen handeln, also so etwas wie die Negativ-Form des Immunen: das, was bleibt, wenn der Besitzer weggetragen wird. Die Beschreibung dieser Szene des fehlenden Immunen wechselt sich ab mit den Inhalten seiner Zettel – oder der Zettel des Autors?

Vielleicht hat man damals schon von experimentellem Roman gesprochen, vielleicht würde es sich lohnen, dieses Buch im Kontext zeitgenössischer Autorinnen zu lesen. Diese Struktur jedenfalls könnte mit ein Grund für das Vergessen sein. Keine durchgehende Handlung hilft einem als Grundgerüst, die Fragmente darin festzumachen. Sie bleiben lose, machen den Lesenden frei und vergesslich. Und vielleicht ist das eine Form von Immunität: immun zu werden gegenüber der Vergangenheit (Urs Widmers Paradies des Vergessens wäre mir präsenter, aber kommt mir banaler vor).

Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.

Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.

Hugo Loetscher hat 1975 die Idee der Immunität als Überlebensstrategie ersonnen und so beschrieben: «Immun werden heisst lernen, in widriger Umgebung zu überleben. Der Immune will nicht unempfindlich und stumpf werden, aber er muss sich gegen die eigene Empfindlichkeit schützen, um an der Welt nicht zugrunde zu gehen.»

Elf Jahre später folgten dann die Papiere, eben der Abdruck des Immunen. Erinnert das nicht an die Infografiken, die uns die Funktion von Impfungen zu erklären versuchen? Ein Abdruck der bösen Viren wird gespritzt und macht uns immun gegen das Böse. Mich nähme es wunder, wie Hugo Loetscher unsere Zeit kommentieren würde respektive ob er überhaupt etwas dazu sagen würde.

Vielleicht lohnt es sich, das Buch nochmals zu lesen. Wobei ich zugeben muss: Beim kurzen Reinschmökern in das signierte Exemplar bekam ich Hemmungen, denn was sich bei mir positiv in der Erinnerung abgelegt hat und mich dadurch möglicherweise auch etwas immun gemacht hat, könnte aus heutiger Sicht vielleicht in sich zusammenfallen.

Mutig solle man es wagen, vielleicht aber zuerst eine Portion Gegenwartsimpfung versuchen und sich an den neuen Romanen von Anna Stern und Dorothee Elmiger versuchen, um sie so ins Denken zu integrieren und dadurch vergessen zu können.

Ueli Vogt, 1965, ist Gärtner und Architekt und leitet das Zeughaus Teufen.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter