Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat: So lautet der wunderbar selbsterklärende und sich quasi selbst in den Schwanz beissende Titel eines Buchs von Pierre Bayard. Für Fortgeschrittene in dieser Kunst habe ich noch ein eingeschweisstes Exemplar dauernd neben dem Sofa aufliegen.
Nun, wie soll man über Bücher schreiben, die man gelesen, aber längst vergessen hat und doch immer wieder für wichtig erachtet? Soll man die Vergesslichkeit beklagen? Oder das Glück des Vergessenkönnens feiern? Ich spreche von Hugo Lötschers 1986 erschienenem Buch Die Papiere des Immunen.
Diesem Buch gelang, was wenigen meiner Belletristik-Büchern gelingt: Es hat viele Zügeleien überlebt und steht ganz einsam, aber wichtig im kleinen Torso des Belletristik-Regals, das von Namen wie Hermann Burger oder Ludwig Hohl dominiert wird.
Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad
Die Papiere des Immunen ist eigentlich ein zweiter Band eines elf Jahre früher erschienenen Buchs, das schlicht Der Immune heisst. Über dieses könnte ich nur mit Pierre-Bayard-Kenntnissen sprechen – ich habe es nie gelesen und möchte mich nicht erinnern, das je behauptet zu haben.
Aber Die Papiere des Immunen habe ich in einer signierten Ausgabe bei mir stehen. Dieses Autogramm habe ich nicht selber abgeholt, es wurde mir beim Schwärmen über das Buch vor wenigen Jahren geschenkt (danke Ruth! – dass ich mich daran erinnern mag, hängt sicher mit dir zusammen).
Aber der Inhalt war schon wichtig. Er besteht, wenn ich mich richtig erinnere respektive nun darin blättere, aus einer lose aufeinanderfolgenden Sammlung von kurzen Geschichten, kleinen Berichten. Es soll sich dabei um den Nachlass des Immunen handeln, also so etwas wie die Negativ-Form des Immunen: das, was bleibt, wenn der Besitzer weggetragen wird. Die Beschreibung dieser Szene des fehlenden Immunen wechselt sich ab mit den Inhalten seiner Zettel – oder der Zettel des Autors?
Vielleicht hat man damals schon von experimentellem Roman gesprochen, vielleicht würde es sich lohnen, dieses Buch im Kontext zeitgenössischer Autorinnen zu lesen. Diese Struktur jedenfalls könnte mit ein Grund für das Vergessen sein. Keine durchgehende Handlung hilft einem als Grundgerüst, die Fragmente darin festzumachen. Sie bleiben lose, machen den Lesenden frei und vergesslich. Und vielleicht ist das eine Form von Immunität: immun zu werden gegenüber der Vergangenheit (Urs Widmers Paradies des Vergessens wäre mir präsenter, aber kommt mir banaler vor).
Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.
Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.
Hugo Loetscher hat 1975 die Idee der Immunität als Überlebensstrategie ersonnen und so beschrieben: «Immun werden heisst lernen, in widriger Umgebung zu überleben. Der Immune will nicht unempfindlich und stumpf werden, aber er muss sich gegen die eigene Empfindlichkeit schützen, um an der Welt nicht zugrunde zu gehen.»
Elf Jahre später folgten dann die Papiere, eben der Abdruck des Immunen. Erinnert das nicht an die Infografiken, die uns die Funktion von Impfungen zu erklären versuchen? Ein Abdruck der bösen Viren wird gespritzt und macht uns immun gegen das Böse. Mich nähme es wunder, wie Hugo Loetscher unsere Zeit kommentieren würde respektive ob er überhaupt etwas dazu sagen würde.
Vielleicht lohnt es sich, das Buch nochmals zu lesen. Wobei ich zugeben muss: Beim kurzen Reinschmökern in das signierte Exemplar bekam ich Hemmungen, denn was sich bei mir positiv in der Erinnerung abgelegt hat und mich dadurch möglicherweise auch etwas immun gemacht hat, könnte aus heutiger Sicht vielleicht in sich zusammenfallen.
Mutig solle man es wagen, vielleicht aber zuerst eine Portion Gegenwartsimpfung versuchen und sich an den neuen Romanen von Anna Stern und Dorothee Elmiger versuchen, um sie so ins Denken zu integrieren und dadurch vergessen zu können.
Ueli Vogt, 1965, ist Gärtner und Architekt und leitet das Zeughaus Teufen.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.