Dass Walter Benjamin brillant über Barockliteratur, über Pariser Passagen, Geschichte oder den städtischen Alltag schreiben konnte, ist bekannt. Hildegard Keller aber klärt uns auf, dass auch das Essen bei ihm ein Thema war. 1930 etwa schrieb er in Zeitungsbeiträgen über Feigen, Café crème, Stockfisch, Borschtsch oder Maulbeer-Omelette, berichtete von den «ebenen Strassen des Appetits», aber auch vom «Urwald des Frasses».
Passend zur überraschenden Lese-Entdeckung ist Christof Burkards Rezept im Buch: «Omelette surprise», ein in einen Tortenmantel eingebackener Glacé-Block, zum Backen vermutlich ähnlich anspruchsvoll wie die Benjamin-Lektüre.
Maulhelden unter sich
Dieses und zehn weitere kulinarisch-literarische Porträts versammelt das Buch Frisch auf den Tisch, das Keller und Burkart in ihrem eigenen Maulhelden-Verlag herausgegeben haben. Es ist eine Auswahl von Kolumnen, die über drei Jahre hinweg im (diesen Sommer eingestellten) «Literarischen Monat» erschienen sind, ergänzt um ein launiges Gespräch der beiden «Maulhelden».
Hildegard Keller und Christof Burkard. (Bild: pd)
Literatur packend zu vermitteln ist das Lieblingsgeschäft von Hildegard Keller, der aus St.Gallen stammenden Uniprofessorin und Jurorin beim Bachmann-Preis – und das klappt besonders gut, wenn die Liebe über den Magen geht. Für letzteres ist ihr Mann Christof Burkard zuständig, laut Autorenzeile Jurist, Mediator und Kulinariker.
Kellers Devise: Wer mit Autorinnen und Autoren ins Gespräch komme, auch mit toten, sorge dafür, dass sie lebendig bleiben und nicht altern.
Klösse, Würste, Kapern…
Zum Beispiel Alfonsina Storni: Die argentinisch-tessinerische Autorin kommt im Buch mit einer ihrer Farcen zu Wort, in der sie eine Köchin über das Sterben sinnieren lässt – während das Stubenmädchen trocken sagt: «Mir ist ein Marmeladenbrot lieber.» Statt Marmelade oder eine Tessiner Polenta serviert Christof Burkard dann aber eine Eigenkreation, «Malfatti» genannte Ricottaklösschen.
Hildegard Keller, Christof Burkard: Frisch auf den Tisch. Weltliteratur in Leckerbissen. Edition Maulhelden Zürich 2020, Fr. 28.90
maulhelden.ch
Oder Robert Walser: Vom unermüdlichen Spaziergänger und grossen Esser Walser zitiert Hildegard Keller aus dem Prosastück Die Wurst. Darin beschreibt Walser wortreich, welche Trauer über die Flüchtigkeit der Welt ihn packt, nachdem er die prächtige Wurst aufgegessen hat, dieses Wunderwerk mit seinen «entzückenden Speckmocken», dem «bestrickenden» Duft und dem appetitlichen Krachen beim Dreinbeissen.
Die Wurst als «Zipfel der Ewigkeit»: Auf diesen Text hin kann es an nichts anderes als ans Wursten gehen. Burkard liefert eine inspirierte Anleitung, samt dem nötigen Instrumentarium: Wurstfüllgerät, Schweinsdünndarm sowie Inhalt je nach Aktualität – für das Buch entstand unter anderem, gewürzt mit Schwarztee, Toastbrot und Whisky, eine Brexit-Wurst.
Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Hannah Arendt, Gottfried Keller oder Hildegard von Bingen sind weitere weltliterarische Stimmen, die Keller und Burkard «frisch auf den Tisch» bringen. Im abschliessenden Zwiegespräch verrät Burkard dann auch, wie man auf neue Rezepte kommt in einer Welt, in der vermeintlich alles schon fertig erfunden und gekocht ist.
Lesung Frisch auf den Tisch: Mittwoch, 28. Oktober, 19 Uhr, Raum für Literatur St.Gallen
gdsl.ch
Das Hinzufügen mache den Unterschied, betont Burkard, das Experimentieren mit ungewohnten Kombinationen, wie den Kapern, die er für Hannah Arendt mit Königberger Klopsen kombiniert. Und Spieltrieb brauche es auch zur Beschäftigung mit Literatur, ergänzt Hildegard Keller.
Das bestätigt sich zumindest in diesem Buch: Es eröffnet verspielte und erst noch schmackhafte neue Zugänge zu Küche und Lesesofa. Parallel dazu ist ein weiteres literarisches Porträt des Autorenduos erschienen: In Lydias Fest erzählt Hildegard Keller von einer Einladung, die Lydia Welti-Escher zum Geburtstag von Gottfried Keller in ihrer Villa Belvoir ausrichtet. Und Christof Burkard serviert dazu unter anderem Herdöpfelstock Belvoir.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.