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Achthaben auf Walser

Vier Tage lang, von Donnerstag bis Sonntag, steht das Appenzellerland im Bann von Robert Walser – mit Musiktheater, tönenden Spaziergängen, einem Kongress und der neuen Walser-Edition. Beteiligt ist alles, was Rang und Namen in der zeitgenössischen Klassik hat.
Von  Peter Surber

«Ich wünsche also unbeachtet zu sein. Sollte man mich trotzdem beachten wollen, so werde ich meinerseits die Achthabenden nicht beachten.» Punkt. Der kurze Text, in dem Robert Walser so ausdrücklich nicht beachtet werden will, heisst Walser über Walser, ist 1925 in der Prager Presse erschienen – und jetzt online wieder zu entdecken.

Walsers Werk wird in einer umfassenden Edition, der Kritischen Walser-Ausgabe KWA, erstmals vollständig publiziert, von handschriftlichen Entwürfen, Reinschriftmanuskripten und Einzeldrucken bis zu den Buchausgaben. Das Generationenprojekt, getragen von einer Stiftung, ist 2007 gestartet, soll etwa 2032 fertig werden und steckt jetzt bei Halbzeit. Die Edition ist sowohl in Buchform als auch elektronisch angelegt, letzteres mit Open Access. Bisher frei zugänglich ist unter diversem anderem der oben zitierte Text. Laufend kommen weitere Werke online und gedruckt hinzu.

Die «Halbzeit» der KWA wird in Herisau und Trogen gefeiert im Rahmen eines viertägigen Festivals (vom 16. bis 19. September), das ausschliesslich Robert Walser gewidmet ist. Und das, Ironie des Schicksals, deutlich macht: Walser wird «beachtet» wie kaum je zuvor.

Walser – ein Fall fürs Musiktheater

Organisator ist zum einen die Robert Walser-Gesellschaft, die ihre Jahrestagung 2021 seit langem in Herisau geplant hat und sie dem Thema «Walser und die Musik» widmet. Zum andern hat das Festival Neue Musik Rümlingen, das von seinem Standort im Baselland alle zwei Jahre «fremdgeht», seinerseits das Appenzellerland zum Aussenspielort gewählt. So kommt es quasi zum Heimspiel für Robert Walser, der Bürger von Teufen war und zwei Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1956 als Psychiatriepatient in Herisau verbracht hat.

Robert Walser unterwegs. (Bild: Festival Rümlingen)

Was dem passionierten Fusswanderer Walser zweifellos behagt hätte: Im Rahmen des Festivals stehen mehrere musikalisch-literarische Wanderungen auf dem Programm: am Samstag von Teufen nach Trogen, am Sonntag von Wald nach Heiden, mit jeweiligen Abendprogrammen in lokalen Sälen. Unterwegs kann man unter anderem Uraufführungen der St.Galler Komponisten Alfons K. Zwicker (mit dem Chor SinGallinas) und Charles Uzor (mit dem chorwald) hören, oder Ruedi Häusermann bietet Unterricht in der Kunst, die Fröhlichkeit nicht zu verlieren.

Schwerpunkt ist das experimentelle Musiktheater mit einer ganzen Reihe von weiteren Uraufführungen.

Walser und die Musik: An dem Thema arbeitet sich die Walser-Forschung seit Jahren ab und findet fast unerschöpfliches Material im Werk des Dichters. Die Texte sind für sich allein schon hochmusikalisch, die literarischen Verfahren erinnern an Modulationen, Cluster, enharmonische Verwechslungen oder Trugschlüsse, wie sie die Musik kennt. Über zweihundert Vertonungen von Walser-Texten sind bekannt; am Festival zu hören sind unter anderem Kompositionen von Roland Moser, Ruedi Häusermann, Carola Bauckholdt, Brigitta Muntendorf oder der hiesigen Komponisten Paul Giger oder Oliver Rutz, neben den bereits genannten.

Als einer der Höhepunkte wird Zeugen des griechisch-französischen Komponisten Georges Aperghis für Sopran, Sprecher und sieben Kasperle-Figuren von Paul Klee angekündigt – ein Werk, das seit 2007 unter anderem an der Biennale Venedig und in Paris zu sehen war und jetzt szenisch ergänzt erstmals in die Schweiz kommt.

International und regional

Für die Ur- und Neuaufführungen mobilisiert das Festival Spezialisten für zeitgenössische Klassik aus Nordrhein-Westfalen, einer Region, mit der Rümlingen schon früher kooperiert hat, neben klingenden Schweizer Namen wie Ueli Jäggi und Jörg Kienberger, die Geigerin Helena Winkelmann oder den Akkordeonisten Herwig Ursin. Zudem bezieht es zahlreiche regionale Ensembles mit ein – die künstlerischen Fäden dafür zog der in Gais lebende Bassist Patrick Kessler.

16. bis 19. September, diverse Orte in Appenzell Ausserrhoden

neue-musik-ruemlingen.ch

Kessler selber stellt zusammen mit Francisco Obieta ein Kontrabass-Orchester auf die Beine und spielt mit ihm am 19. September auf dem Kaienspitz die Uraufführung Gradus ad Kaienspitzum. Ebenfalls von Kessler ist am Vortag eine Vertonung des Mikrogramms 400 von Robert Walser zu hören, umgesetzt für einen «Makrographen», einen Gross-Vinylplattenspieler. Weiter sind das Trio Anderscht, Akkordeonist Goran Kovacevic, Choreografin Gisa Frank, Blasmusiken, Hackbrettensembles und zahlreiche weitere Musikerinnen und Musiker an den diversen Aufführungen beteiligt.

Mikrogramm 460 von Robert Walser.

Spielorte sind der Krombachsaal im Psychiatrischen Zentrum Herisau, der Rösslisaal in Trogen, die Linde Heiden und allerhand Plätze in der Landschaft. Den Auftakt macht eine Installation im Museum Appenzell, die alle vier Tage zu besichtigen ist, Finale ist die Musiktheater-Uraufführung Tobold von Anda Kryeziu in Heiden.

«Literaturwissenschaft trifft auf experimentelle Wandermusik, trifft auf Walser-Klänge im Musiktheater und endet wie bei Walser bei einem Kalbskopf oder einer Bratwurst in der Beiz», schreiben die Veranstalter:innen in ihrem Projektpapier. Der Dichter hätte sich über den Grossaufmarsch in seinem Namen vermutlich sehr gewundert – aber wohl noch mehr gefreut. Das Motto der vier Tage lautet, echt walserisch: «Ich sitze da, als wäre ich nicht vorhanden».

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