Der Lauf der Themse ist an den Bildrändern knapp zu erkennen; auf drei Seiten umfliesst sie die Isle of Dogs, jene charakteristische Halbinsel im Osten der Stadt. Hingetupfte bläuliche Flecken sind über das Gelände gestreut, senkrecht halbiert durch eine gestrichelte Linie und eine kleine Schere – als Hinweis, so erklärt es Ausstellungsmacherin Nina Keel, auf die soziale Schere, die sich in dem Londoner Stadtteil auftut.
Isle of Dogs ist eines von vier grossformatigen Bildern, die der Topographie Londons nachempfunden sind, der Stadt, in der die deutsche Künstlerin Paula Baader mit Jahrgang 1988 lebt und arbeitet. «London Strolling», der Titel der Ausstellung, macht Baaders Zugriff klar: Sie flaniert durch die Stadt, erkundet Strassen und Plätze, Lichtverhältnisse, Proportionen, Wasserläufe und so weiter. Und entwickelt daraus eine Art individuelle Topographie, die auf keinem Stadtplan zu finden ist.
Paula Baader: Isle of Dogs.
So sind die Farbspuren in Isle of Dogs den Reflexionen eines Lichterfests im Wasser der Themse nachempfunden, die die Künstlerin dort erlebt hat. In die Strukturen und Impressionen vom Blumenmarkt im Ostteil der Stadt schreibt sie die Konturen eines Mantels ein, samt Kragen und Taschen; die Stadt wird zum East Body. Und im Lauf der drei Stadtflüsse im Süden der Stadt, Quaggy, Ravensbourne und Pool, findet die Künstlerin auf dem Bild Wrist Rivers Parallelen zu den Adern an ihrem Handgelenk.
Stadtkörper und Menschenkörper überlagern sich in einem langsamen Forschungs-Prozess. In Paula Baaders künstlerischer Praxis geht es, so Nina Keel, «um nichts Geringeres als das Einverleiben von London».
Solche Stadterkundung hat Tradition, von der Figur des Flaneurs im Passagen-Werk von Walter Benjamin über den unentwegten Spaziergänger Robert Walser bis zu Lucius Burckhardts Spaziergangs-Wissenschaft, der Promenadologie. Bei Benjamin war allerdings nicht London, sondern Paris noch die Hauptstadt der «Stroller».
Paula Baader: East Body, Wrist Rivers, Paul Smith Handkerchief II (von links).
Man kann die im Format mächtigen, aber dennoch luftig wirkenden Gemälde, 170 auf 150 Zentimeter, als Einladung betrachten, das individuelle London kennen zu lernen, in dem sich die Künstlerin bewegt und das sie biografisch auflädt. Man kann sich aber auch ohne die im Beiblatt zur Ausstellung erläuterten Details begeistern an der Feinheit und Präzision der nur scheinbar flüchtig gesetzten Wegmarken, am flimmernden Farbauftrag, an den hier und dort wie zufällig eingestreuten Glimmerstücken.
Baaders Bilder sind von einer Intensität und Tiefe, die sich nicht aufdrängt, sondern erst beim gleichsam meditativen Betrachten erschliesst. Das gilt ebenso für die Reihe von Kleinformaten, die die Ausstellung komplettieren und die sich an einzelnen Beobachtungen im Stadtbild entzünden, einer Brücke, einem Stück Moos, einem Vorhang.
Paula Baader: «London Strolling» bis 24. September, Espace Nina Keel, Linsebühlstrasse 25, St.Gallen. Do 17-19, Fr 12-18, Sa 11-13 Uhr
ninakeel.com
Eine Zufallsbegegnung stand am Anfang: Ausstellungsmacherin Nina Keel und Künstlerin Paula Baader kamen in London in der Galerie ins Gespräch, in der Keel damals arbeitete. Das Ergebnis, Jahre später, ist jetzt die Ausstellung im Espace Nina Keel.
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