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Fenster auf – oder Türen zu für die Freien?

Die freie Kulturszene ist in Not – Corona stoppt Anlässe und Publikum gleichermassen. Trotzdem will der St.Galler Stadtrat die freien Kredite für 2021 kürzen. Die GPK sträubt sich dagegen. Und auch die Lokremise reagiert: Sie macht im Advent ein «Fenster» für Freie auf.
Von  Peter Surber
Die (noch leere) Kunstzone in der Lokremise. (Bild: Lokremise)

Die Nachfrage sei gross, vor allem von Musikerinnen und Musikern, sagt Sarah Fuhrmann von der Lokremise St.Gallen. Kein Wunder bei dem Angebot: Bis Weihnachten öffnet die Kunstzone der Lokremise ihre Tore täglich für ein neues «Lok-Fenster». Interessierte Kunstschaffende aller Sparten konnten und können sich melden und ihr Konzert, ihre Ausstellung, ihre Lesung, ihre Diskussion dort veranstalten.

Erstes fixes «Lok-Fenster» ist die Installation «Wellen» (Vernissage am 5. Dezember, Ausstellung bis 10. Dezember).
Weitere Infos: lokremise.ch

Vom 1. bis 24. Dezember kündigt das Lok-Fenster unter anderem ein Figurentheater-Stück für Kinder, eine Ausstellung, eine Performance und diverse Konzerte (Soli, Bands, Kammerorchester) an. Die Lokremise stellt den Raum, eine Tonanlage, Beamer, Licht sowie die Betreuung und Werbung für den Anlass kostenlos zur Verfügung.

Der Hintergrund: Die Kunstzone der Lokremise wird im Advent normalerweise für Weihnachtsessen, Firmenanlässe, Galadinners etc. freigehalten. Im Coronajahr ist alles abgesagt – jetzt ist für einmal Platz für die freie Kulturszene.

Diese hat den Goodwill denn auch nötig. Den «Freien» geht es in der zweiten Welle der Pandemie besonders hart an die Existenz. Die Unterstützungsmassnahmen des Covid-19-Gesetzes greifen in erster Linie für Kulturunternehmen und -institutionen, die bei den Kantonen Ausfallentschädigung oder Transformationsbeiträge beantragen können. Das gilt aber nicht für freischaffende Künstlerinnen und Künstler; vielen bleibt nur der Griff zum Ersparten, falls vorhanden, oder die Nothilfe via Suisseculture Sociale.

«Gerade jetzt nötiger denn je»

Umso unverständlicher findet der St.Galler Stadtparlamentarier Etrit Hasler, dass der Stadtrat im Budget 2021 ausgerechnet bei der freien Kulturförderung sparen will. Die Kürzungen, die in der Budgetsitzung vom 8. Dezember zur Debatte stehen, betreffen die Kredite für freie Veranstaltungen und für das aktuelle Kulturschaffen, die um 10 bzw. 16 Prozent gekürzt werden sollen. Zwei Werkbeiträge werden gestrichen, zudem wird die Werbung für Kulturanlässe zurückgefahren.

Gespart werde damit genau an jenem Ort, wo die Coronakrise am stärksten spürbar sei, sagt Hasler. «Wir reden von akuten Notlagen. Menschen müssen zur Sozialhilfe, Selbständige gehen konkurs.» Er weiss, wovon er spricht: Bei Suisseculture Sociale leitet Hasler das Projekt Nothilfe für Kulturschaffende im Auftrag des Bundes.

Dieser Ansicht war letzte Woche auch die Geschäftsprüfungskommission des Stadtparlaments, deren Mitglied Hasler ist: Eine Mehrheit der GPK beantragt, auf die Zehnprozent-Kürzung der freien Kredite und die Reduktion der Zahl der Werkbeiträge zurückzukommen und diese Beiträge im Budget 2021 wieder einzustellen.

Dass in Coronazeiten die Kantone die von ihnen geförderten Institutionen unterstützen und damit die Strukturen erhalten wollen, findet Hasler korrekt. Aber umso mehr müsste auf der kommunalen Ebene für die Einzel-Kulturschaffenden gesorgt werden – St.Gallen würde mit den vom Stadtrat vorgeschlagenen Kürzungen oder Verzichten hingegen ein Signal in die falsche Richtung aussenden. Gerade Werkbeiträge seien eine Möglichkeit, Kunstschaffenden trotz Corona die Weiterarbeit zu ermöglichen. «Wann, wenn nicht jetzt war dieses Instrument nötiger denn je?», fragt Hasler.

IG Kultur Ost appelliert an die «Kulturstadt St.Gallen»

Ähnlich sieht dies auch die IG Kultur Ost. In einer Medienmitteilung von heute Dienstag protestiert sie ihrerseits gegen den Plan, ausgerechnet bei den freien Krediten und dem Geld für Werkbeiträge zu sparen. «Vielen Künstlerinnen und Künstlern steht das Wasser bis zum Hals. Und die Aussichten sind mehr als ungewiss – Engagements für 2021 bleiben aus, Projekte werden aufgeschoben, Veranstalter halten sich zurück.» Vor diesem Horizont seien die Kürzungen, die der St.Galler Stadtrat vorschlägt, fatal, schreibt die IG.

Die Beträge fielen im gesamten Haushalt der Stadt finanziell kaum ins Gewicht – «für diverse Projekte könnten sie aber das Aus bedeuten. Denn Kulturfördergeld bedeutet in erster Linie: Löhne.»

Das vollständige Communiqué der IG Kultur Ost hier.

Als beispielhaft nennt die IG die Stadt Zürich: Sie stocke den Kredit für die freie Szene um 2,5 Millionen Franken auf und ermögliche so Autorinnen, Filmern, Musikern, Künstlerinnen etc., trotz Corona weiterzuarbeiten und ihre Projekte und Programme zu entwickeln. «Die IG Kultur Ost fordert Stadtrat und Stadtparlament auf, St.Gallen als Kulturstadt ernst zu nehmen und in der Coronakrise ebenfalls ein positives Zeichen zu setzen – statt dort zu sparen, wo viele Kleine betroffen sind und der Protest entsprechend leise bleibt», heisst es in der Medienmitteilung.

Auch im Kanton Baselland wird vorwärts gedacht. Im dortigen Landrat, dem Parlament kommt im Dezember ein Antrag für einen Sonderkredit zur Abstimmung: 50’000 Franken sollen als Covid-19-Sofortmassnahme zur Unterstützung der bildenden Kunst mit zusätzlichen Ankäufen und Projektgeldern eingesetzt werden.

Kulturförderung hilft

So grosszügig die St.Galler Lokremise auf die Misere der veranstaltenden Kultur reagiert, so kulant gibt sich übrigens auch die Kulturförderung der Stadt St.Gallen: Wer in der Lok eines der adventlichen «Fenster» plant, hat die Möglichkeit, dafür bei der Kulturförderung eine Defizitgarantie zu beantragen. Die Gesuche würden auch kurzfristig behandelt, heisst es bei der Lokremise.

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