Kategorie
Autor:innen
Jahr

In der Voyeurismus-Falle

Als europäische Erstaufführung startet der neue Operndirektor Jan Henric Bogen am Theater St.Gallen mit «Breaking The Waves» der amerikanischen Komponistin Missy Mazzoli. Der Filmvorlage von Lars von Trier halten die Mittel der Oper nicht ganz stand, trotz ausgezeichneter Solist:innen. Die Kritik von Charles Uzor.
Von  Gastbeitrag
Bess (Wuvu Mpofu, vorne) und der Mob der Männer unter David Maze. (Bilder: Edita Dufay)

Vor fast 60 Jahren forderte Pierre Boulez, man müsse alle Opernhäuser in die Luft sprengen. Damals war der Satz skandalös, heute entlockt er kaum ein müdes Schulterzucken, obwohl sich hinsichtlich staatstragender Betriebsamkeit in der Oper wenig verändert hat.

Die Oper konnte über 400 Jahre ihre gesellschaftliche Relevanz als Staatskunst, als religiöses Ritual bewahren. Sie repräsentiert die teuerste Freizeit einer Gesellschaft, und gleichzeitig wahrt sie als vornehme Gesellschaftskritik den Drang nach Freiheit und Individualität. Immer kämpft das Individuum gegen die Gesellschaft, gegen kirchliche und systemische Machenschaften, und fast immer endet es in Kartharsis und Tod.

Wenn Adorno und Boulez die Süffisanz solcher Gesellschaftskritik als Unterwerfungsgeste entlarven, gehen sie von einer Ernsthaftigkeit aus, die in der Kunst seit der Postmoderne nicht mehr gegeben ist. Oper reduziert sich auf Unterhaltung, ein Spiel mit der Langeweile, nicht anders als Komödie und Musical. Mit diesem Subtext bietet der Besuch von Breaking the Waves ein schönes Anschauungsmaterial der Moderne.

Unvermindert anstössige Story

Zur Vorlage: Das Libretto (von Royce Vavrek) basiert auf dem Skript von Lars von Triers gleichnamigen Film von 1996, einer Geschichte, die bis heute nichts von ihrer Anstössigkeit eingebüsst hat. Als Liebesbeweis zu ihrem schwer verunfallten und impotent gewordenen Mann prostituiert sich eine Frau den Kerlen vom Dorf und wird schliesslich von ihnen zu Tode vergewaltigt – ein Plot, der den Prämissen eines klassischen Opernlibrettos nicht wirklich entspricht. Mit filmischen Mitteln kann die Identifikation mit den Darsteller:innen gelingen, aber in traditionellen Opern – wozu Breaking the Waves im Grunde gehört – sind es die melodischen und harmonischen Kräfte, die das innere Drama am Laufen halten.

Wuvu Mpofu.

Robin Adams.

Trotz wundervollem Gesang, grosser stimmlicher und darstellerischer Präsenz vermag Vuvu Mpofu die verquere Unschuld der Bess Mc Neill nicht ganz zu verkörpern. Melodisch und harmonisch gibt die Partitur von Missy Mazzoli einfach zu wenig her. Statt motivischer Entwicklung: viel Wiederholung und eingängige Effekte. Auch Robin Adams‘ gesangliche und schauspielerische Leistung als Jan Nyman ist beeindruckend, aber sein widersprüchlicher Charakter wirkt so wenig komplex wie die Gründe der unendlichen Liebe von Bess.

Beide können nichts dafür, dass sie mehr Figuren als Charaktere bleiben, verschwommen und ohne Entwicklung. Bei der wüsten Sex-Szene auf dem Klo sieht man, wer Jan ist, aber seine Gemeinheit wie auch die Hingabe von Bess wirken oberflächlich und unglaubwürdig, jedenfalls nicht abgründig wie bei Lars von Trier.

So bleibt man in Melly Stills Inszenierung etwas ratlos gegenüber dem Narrativ, das wie eine Aufzählung von Episoden ohne innere Verbindung zügig vorangeht. Der rote Faden wiederkehrender Symbole funktioniert gut, das entschlackte Bühnenbild (Ausstattung: Ana Inés Jabares-Pita) ermöglicht den Fokus auf sie: die englische Telefonbox als Festplatte der fernen Liebe, die vertikale Pritsche als Symbol der Kreuzigung Jans.

Sich immerzu wandelnde Seil-Muster (die sowohl Liebesbande und Verstrickung, als auch die Fesseln der Ehe und einer heuchlerischen Gesellschaft symbolisieren), gekonnt manipuliert von drei Tänzerinnen (Swane Küpper, Emily Pak, Elenita Queiroz) bleiben in Erinnerung. Schade, dass die Choreographie nicht grössere Bewegungsräume zulässt.

Sanfte Moderne

Die Musik wabert zwischen Benjamin Britten, Jean Sibelius und Minimal à la Philip Glass. Sowohl in ihrer Harmonik als auch in der formalen Gestaltung ist sie dem neoromantischen Duktus verpflichtet und wirkt als Bühnenmusik sehr illustrativ. Wo sie zeitgenössisch sein will, wirkt sie eher wie Musik über Musik, etwa am Ende des 2. Akts, wo die Klischees der Neuen Musik mit Streicherglissandi, Instrumentalgeräuschen und harten, repetierten Schlägen in der Perkussion bedient werden.

Erstaunlich, wie freimütig die Komponistin aus der Trickkiste schöpft: Wenn Bess auf ihren Geliebten wartet, wiederholt sie (und der Chor) fünf Minuten lang den Satz «His name is Jan», wenn sie sich aus den gesellschaftlichen Zwängen befreit, heult die E-Gitarre, wenn beerdigt wird, erklingen Orgelklänge, und wenn sie stirbt, kippt ihr Gesang ins Flüstern wie beim Belcanto.

Gut gelungen ist die Inszenierung der Kleiderschlacht der Herren auf der Bohrinsel. Da spürt man britischen Witz. Im dritten Akt kommt grössere Dramatik auf, die in der Katastrophe endet, wobei hier die Katharsis als Dehnung des Erlösungsmoments nicht richtig verfängt. Sie wirkt eher wie eine Wiederholung, da äusserlich alles schon erzählt ist und musikalisch nichts mehr zu sagen übrig scheint.

Breaking the Waves: 26. und 29. September, 24. Oktober, 5. November, Umbau Theater St.Gallen

theatersg.ch

Das Orchester unter Chefdirigent Modestas Pitrenas begleitet auf hohem Niveau, dynamisch kraftvoll und differenziert. Manche Passagen der Holzbläser und Streicher in den hohen Lagen sind nicht immer schön intoniert, aber die satten Klangfarben kommen gut durch. Die Solist:innen überzeugen durchwegs, in erster Linie Vuvu Mpofu und Robin Adams, aber auch Claude Eichenberger (Mutter) und Christopher Sokolowski (Dr. Richardson). Der Herrenchor (Einstudierung Franz Obermair) singt dynamisch und treffsicher.

Doppelt geopfert

Lars von Triers Filme sind abstossend, schlecht durchdacht und oft nur Provokation. Aber in ihrer Provokation laden sie zum Weiterdenken ein – und sie sind gut gemacht. Diese Filme schaut man gebannt, obwohl nicht viel passiert. Lange Einstellungen eines Gesichts, die Drehung eines Körpers, die Wechsel einer Stimmung werden zur Hochspannung.

Die optische Distanz und dramaturgische Langsamkeit einer Oper verunmöglicht diese Art von Spannung. Action-Szenen wirken plump (so z.B. der Moment des fatalen Unfalls Jans), und die vielen Monologe der Bess als Opfer der projizierten gesellschaftlichen Schizophrenie wirken gestellt.

Als Zuschauer ist man in der Gemengelage von bürgerlicher Entrüstung, Sentimentalität und Gewaltkonsumation längst in der Pornofalle. Während Lars von Trier den unmöglich schlechten Geschmack bis zum äussersten treibt und so tatsächlich ein subversives Statement gegen Tabus abgibt, schreckt die Inszenierung Melly Stills davor zurück und lädt ein zum Voyeurismus im sicheren Soft-Bereich eines biederen Etablissements. Bess wirkt doppelt entwürdigt, doppelt geopfert, als Figur der Geschichte gegenüber den vergewaltigenden Männern und als konkrete Frau und Sängerin.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42