Nicht nur Prospero, der Magier und Inselherrscher, kann zaubern, auch Joy Käser, Florian Nef, Silas Obertüfer, Cornelia Rach und Joanna Rohner können es. Ihr Zauberstab ist ihre Persönlichkeit und Präsenz, ihre Unbedingtheit im Hier und Jetzt. Und allem voran: ihr Ernst im Spiel.
Kaum vorstellbar, dass ein anderer so eindringlich «predigen» könnte wie Silas Obertüfer, wenn er mit aller Sorgfalt erklärt, dass alles im Leben seine Zeit hat, das Lieben, das Hassen, das Essen und Sterben und hoppla: auch das Patriarchat. Und ausgerechnet Prospero, den schlimmsten aller Patriarchen, nach seinem Tod von ganzem Herzen zu betrauern – wer könnte das inniger und selbstverständlicher tun als Joanna Rohner?
Joanna Rohner, Christian Hettkamp.
Erstmals gemeinsam auf der Bühne
Joy Käser, Florian Nef, Silas Obertüfer, Cornelia Rach und Joanna Rohner sind Mitglieder des Komiktheaters, der professionellen Bühne für Menschen mit einer geistigen, physischen oder Sinnesbeeinträchtigung. Jetzt stehen sie mit Tabea Buser, Christian Hettkamp und Pascale Pfeuti vom Schauspielenembles des Theaters St.Gallen gemeinsam auf der Bühne. Erstmals spannen das Komiktheater, 2017 gegründet und von der GHG Sonnenhalde St.Gallen getragen, und das Theater St.Gallen zusammen.
Ariel (Cornelia Rach), Prospero (Christian Hettkamp) und das Chörli: Silas Obertüfer, Florian Nef, Joy Käser, Pascale Pfeuti, Joanna Rohner, Tabea Buser (von links).
Dazu haben sie sich mit Michel Schröder einen Regisseur aus Zürich geholt, der viel Erfahrung in inklusiver Theaterarbeit hat. Er holt hervor, was die Spielerinnen und Spieler an Talenten mitbringen und welche Bilder rund um Prosperos Insel und das dort gestrandete Personal sie interessieren: Sehnsüchte, Wünsche, Alltägliches neben Weltverbesserungsideen, gutes Essen inklusive.
Daneben bieten Schröder und sein Team aber auch all das auf, was das «schöne grosse Stadttheater», wie Joy Käser in ihrer Begrüssung sagt, kann: Kostüme in Hülle und Fülle (Iva Ivanova), wandelbare Bühnenelemente (Damian Hitz), Windmaschine, Donnerblech, raumfüllende Videoprojektionen (Georg Lehndorff), Lichteffekte (Marek Lamprecht) und einen überwältigenden Soundtrack (Nico Fehr), teils ab Konserve, teils live gespielt vom Ensemble mit Klavier, Gitarre, Geige und bizarren Drum- und Soundmaschinen, dass es einen in den Fingern juckt, mitzujammen.
Silas Obertüfer, Florian Nef, Pascale Pfeuti.
Von der brisanten kolonialistischen Konstellation Prospero-Caliban bleibt dabei kaum etwas übrig. Ebensowenig vom politischen Machtkampf um Mailand und Neapel zwischen Herzog Prospero, seinem Bruder Antonio, König Alonso, dessen Sohn Ferdinand und ihren Höflingen: Figuren, die schon Shakespeare vor allem dazu dienten, seinen Prospero ein Maximum an Verwirrung stiften zu lassen. Wo alles drunter und drüber geht, kann nur noch das Theater, Zaubermedium par excellence, die Ordnung wieder herstellen.
Schöne neue Geschlechterwelt
Den Part, die Dinge vom Kopf auf die Füsse zu stellen, übernehmen im St.Galler Sturm die Spielerinnen und Spieler gleich selber. Zuerst thront Christian Hettkamp in Prospero-Pose auf seinem Thron, diszipliniert das Chörli seiner Untergebenen, schickt Ariel auf Zaubertour und hält eine Brandrede gegen die woke Kritik an toxischer Männlichkeit. Das kommt bei seiner Sklavin Caliban, die ihm mit Staubsauger den Dreck macht, und ihren Mitstreiterinnen jedoch schlecht an. Sie stürzen sich «unbeschreiblich weiblich» in die Revolte und Prospero in den Abgrund.
Joy Käser, Pascale Pfeuti.
Schöne neue Insel- und Geschlechterwelt – doch auch diese bekommt eine saftige Portion Ironie ab. Prosperos Töchterlein Miranda trägt Barbie-Rosa und himmelt ihren Bachelor-Ferdinand an. Und gemeinsam richtet man einen Schöner-Wohnen-Garten ein, mit Kunstrasen, Geranien und Gartenzwerg: eine witzige Persiflage auf den Traum vom privaten Paradies.
Weitere Vorstellungen bis 7. Februar Nachgespräche am 14. und 20. Januar nach der Vorstellung Lokremise St.Gallen
konzertundtheater.ch
Live gesprochene Texte wechseln ab mit Dialogen ab Band, Liveszenen erweitern sich um Videos aus der Probenarbeit, Rollen und Figuren purzeln durcheinander, so dass man als Zuschauer bald einmal nicht mehr Beeinträchtigungen, sondern nur noch Begabungen sieht. Und sich mitreissen lässt vom Sturm der Einfälle, vom Strudel der Aktualisierungen und Referenzen: Wagners Fliegender Holländer, Gustav Mesmers Flugobjekte, Bachkantate neben Nina Hagen, singender Schirm und lebensrettender Stöpsel, Mundart, Hochdeutsch, Englisch und Hallelujisch, «aber das ist noch nicht alles», um mit Florian Nef zu reden, sogar die Olma kommt vor, Shakespeare würde sich wundern.
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