Inklusiver Sturm in der Lok

So einen «Sturm» hat das Theater St.Gallen noch nicht gesehen: Shakespeares Stück wird vom St.Galler Komiktheater und Mitgliedern des Schauspielensembles in der Lokremise so heftig durchgeschüttelt, dass vom Original wenig und von Lebenskunst umsomehr übrig bleibt.
Von  Peter Surber
Theater als Elementarereignis: Joy Käser, Joanna Rohner, Silas Obertüfer und Florian Nef vom Komiktheater. (Bilder: Jos Schmid)

Nicht nur Prospero, der Magier und Inselherrscher, kann zaubern, auch Joy Käser, Florian Nef, Silas Obertüfer, Cornelia Rach und Joanna Rohner können es. Ihr Zauberstab ist ihre Persönlichkeit und Präsenz, ihre Unbedingtheit im Hier und Jetzt. Und allem voran: ihr Ernst im Spiel.

Kaum vorstellbar, dass ein anderer so eindringlich «predigen» könnte wie Silas Obertüfer, wenn er mit aller Sorgfalt erklärt, dass alles im Leben seine Zeit hat, das Lieben, das Hassen, das Essen und Sterben und hoppla: auch das Patriarchat. Und ausgerechnet Prospero, den schlimmsten aller Patriarchen, nach seinem Tod von ganzem Herzen zu betrauern – wer könnte das inniger und selbstverständlicher tun als Joanna Rohner?

Joanna Rohner, Christian Hettkamp.

Erstmals gemeinsam auf der Bühne

Joy Käser, Florian Nef, Silas Obertüfer, Cornelia Rach und Joanna Rohner sind Mitglieder des Komiktheaters, der professionellen Bühne für Menschen mit einer geistigen, physischen oder Sinnesbeeinträchtigung. Jetzt stehen sie mit Tabea Buser, Christian Hettkamp und Pascale Pfeuti vom Schauspielenembles des Theaters St.Gallen gemeinsam auf der Bühne. Erstmals spannen das Komiktheater, 2017 gegründet und von der GHG Sonnenhalde St.Gallen getragen, und das Theater St.Gallen zusammen.

Ariel (Cornelia Rach), Prospero (Christian Hettkamp) und das Chörli: Silas Obertüfer, Florian Nef, Joy Käser, Pascale Pfeuti, Joanna Rohner, Tabea Buser (von links).

Dazu haben sie sich mit Michel Schröder einen Regisseur aus Zürich geholt, der viel Erfahrung in inklusiver Theaterarbeit hat. Er holt hervor, was die Spielerinnen und Spieler an Talenten mitbringen und welche Bilder rund um Prosperos Insel und das dort gestrandete Personal sie interessieren: Sehnsüchte, Wünsche, Alltägliches neben Weltverbesserungsideen, gutes Essen inklusive.

Daneben bieten Schröder und sein Team aber auch all das auf, was das «schöne grosse Stadttheater», wie Joy Käser in ihrer Begrüssung sagt, kann: Kostüme in Hülle und Fülle (Iva Ivanova), wandelbare Bühnenelemente (Damian Hitz), Windmaschine, Donnerblech, raumfüllende Videoprojektionen (Georg Lehndorff), Lichteffekte (Marek Lamprecht) und einen überwältigenden Soundtrack (Nico Fehr), teils ab Konserve, teils live gespielt vom Ensemble mit Klavier, Gitarre, Geige und bizarren Drum- und Soundmaschinen, dass es einen in den Fingern juckt, mitzujammen.

Silas Obertüfer, Florian Nef, Pascale Pfeuti.

Von der brisanten kolonialistischen Konstellation Prospero-Caliban bleibt dabei kaum etwas übrig. Ebensowenig vom politischen Machtkampf um Mailand und Neapel zwischen Herzog Prospero, seinem Bruder Antonio, König Alonso, dessen Sohn Ferdinand und ihren Höflingen: Figuren, die schon Shakespeare vor allem dazu dienten, seinen Prospero ein Maximum an Verwirrung stiften zu lassen. Wo alles drunter und drüber geht, kann nur noch das Theater, Zaubermedium par excellence, die Ordnung wieder herstellen.

Schöne neue Geschlechterwelt

Den Part, die Dinge vom Kopf auf die Füsse zu stellen, übernehmen im St.Galler Sturm die Spielerinnen und Spieler gleich selber. Zuerst thront Christian Hettkamp in Prospero-Pose auf seinem Thron, diszipliniert das Chörli seiner Untergebenen, schickt Ariel auf Zaubertour und hält eine Brandrede gegen die woke Kritik an toxischer Männlichkeit. Das kommt bei seiner Sklavin Caliban, die ihm mit Staubsauger den Dreck macht, und ihren Mitstreiterinnen jedoch schlecht an. Sie stürzen sich «unbeschreiblich weiblich» in die Revolte und Prospero in den Abgrund.

Joy Käser, Pascale Pfeuti.

Schöne neue Insel- und Geschlechterwelt – doch auch diese bekommt eine saftige Portion Ironie ab. Prosperos Töchterlein Miranda trägt Barbie-Rosa und himmelt ihren Bachelor-Ferdinand an. Und gemeinsam richtet man einen Schöner-Wohnen-Garten ein, mit Kunstrasen, Geranien und Gartenzwerg: eine witzige Persiflage auf den Traum vom privaten Paradies.

Weitere Vorstellungen bis 7. Februar
Nachgespräche am 14. und 20. Januar nach der Vorstellung
Lokremise St.Gallen

konzertundtheater.ch

Live gesprochene Texte wechseln ab mit Dialogen ab Band, Liveszenen erweitern sich um Videos aus der Probenarbeit, Rollen und Figuren purzeln durcheinander, so dass man als Zuschauer bald einmal nicht mehr Beeinträchtigungen, sondern nur noch Begabungen sieht. Und sich mitreissen lässt vom Sturm der Einfälle, vom Strudel der Aktualisierungen und Referenzen: Wagners Fliegender Holländer, Gustav Mesmers Flugobjekte, Bachkantate neben Nina Hagen, singender Schirm und lebensrettender Stöpsel, Mundart, Hochdeutsch, Englisch und Hallelujisch, «aber das ist noch nicht alles», um mit Florian Nef zu reden, sogar die Olma kommt vor, Shakespeare würde sich wundern.

Durch all diese Geschichten hindurch erzählt der St.Galler Sturm vor allem eine Geschichte: jene von der Unwiderstehlichkeit des gemeinsamen Tuns und der Verwandlungskraft der Fantasie. Da kann auch ein Happy End nicht fehlen. Stürmischer Beifall.

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw

Co­ver­cock­tail von Team Ne­gro­ni

Die Ost­schwei­zer Band Team Ne­gro­ni hat ei­ne Vi­nyl-Plat­te mit Co­ver­songs her­aus­ge­bracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gal­li­schen Gra­ben­hal­le ge­tauft.

Von  Jeremias Heppeler
01 4 2

Die Ab­sur­di­tät des War­tens

Pu­re Zeit­ver­schwen­dung oder end­lich mal ei­ne Pau­se im durch­ge­tak­te­ten Rhyth­mus der Ta­ge? Drei Per­for­mer:in­nen nä­hern sich dem Phä­no­men des War­tens künst­le­risch-wis­sen­schaft­lich an.

Von  Judith Schuck
Nummer ziehen Christoph Luchsinger Micha Stuhlmann Thomas Kessler web

Al­tern muss kein De­fi­zit sein

Das Kol­lek­tiv Dance Me to the End setzt sich für die Sicht­bar­keit von Al­tern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai prä­sen­tiert es zwei ver­schie­de­ne Tanz­stü­cke in der St.Gal­ler Lok­re­mi­se. Sai­ten hat mit drei Kol­lek­tiv­mit­glie­dern ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Kopie von Dance me to the end 25 neu 14

Ein be­weg­tes Le­ben

Pan­kraz Vors­ter war der letz­te Fürst­abt von St.Gal­len. Sein Ta­ge­buch lie­fert wert­vol­le Er­kennt­nis­se zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft. Das Stifts­ar­chiv St.Gal­len hat die Hand­schrift als Edi­ti­on ver­öf­fent­licht und ver­gan­ge­nen Mitt­woch ei­nen Ein­blick ge­ge­ben.

Von  Tanja Scherrer
1 H5 A2709

Wut als Treib­stoff

In ih­ren Songs ver­ar­bei­tet die Win­ter­thu­rer Band An­ger Mgmt. die psy­chi­schen Pro­ble­me ih­res Sän­gers. Heu­te er­scheint ihr zwei­tes Al­bum, das er­neut in die in­ne­ren Ab­grün­de führt. Es ist ein dunk­ler Mo­no­lith – mit ei­nem Licht­blick am Schluss. 

Von  David Gadze
Anger mgmt Dave Honegger 3

«Die gröss­te Be­dro­hung? Kli­ma­wan­del und po­li­ti­sche Ra­di­ka­li­sie­rung»

Das Kin­der­dorf Pes­ta­loz­zi fei­ert sein 80-jäh­ri­ges Be­stehen. Mit wel­chen Her­aus­for­de­run­gen Kin­der heut­zu­ta­ge kon­fron­tiert sind und wie die Stif­tung da­ge­gen­hält, er­klärt Pro­gramm­lei­te­rin Ber­tha Ca­ma­cho.

Von  Daria Frick , Bilder:  Sara Spirig
2604 Redeplatz Bertha Camacho Sarah Spirig