Das Festival Origen in Graubünden hat seit jeher ein Flair für historische Stoffe. Rund um Burg und Clavadeira in Riom, den roten Turm auf dem Julierpass und weitere Schauplätze ist das Thema dieses Jahr weitläufig mit «Raum» umschrieben. Die Musiktheater-Produktion dreht sich um Henrico Zuccalli, einen legendären Baumeister aus Graubünden, der am Bayerischen Hof Karriere machte. Premiere von Zuccalli war am 8. Juli in Riom. Der Origen-Chor singt unter anderem Händels Oratorium Solomon in der St.Moritzer Reithalle, hinzu kommen Tanzproduktionen mit Gästen unter anderem aus St.Petersburg und Paris.
Origen Festival Cultural
Bis 14. August, Riom und diverse Spielorte
origen.ch
Als neue Attraktion kündigt Origen-Impresario Giovanni Netzer den Weissen Turm an – ein Betongebäude mitten in Mulegns, das komplett aus dem 3D-Drucker entstehen soll. Ein erstes Stockwerk wird dieses Jahr eingeweiht, ab 2023 soll der digital-analoge Turm für fünf Jahre stehen, als Hommage an die Bündner Zuckerbäcker, die einst europaweit mit ihrer «weissen» Kunst Furore machten, und an die ETH Zürich, die den Bau realisiert.
Ebenfalls im kommenden Jahr hofft Origen das historische «Post Hotel Löwe» in Mulegns wieder eröffnen zu können, das dank Spenden vor dem Verfall gerettet wurde. Das vielstimmige Programm von Origen hat Mitte Juni begonnen und dauert bis Mitte August.
Grössenwahn im schmalen Tal
Ein Abstecher ins Avers bietet Diskussionsstoff rund um die alpine Vergangenheit und Zukunft. Der Aufhänger: Vor rund 60 Jahren wäre die einzigartige Landschaft fast unter Beton verschwunden. Genfer Investoren hatten ein Feriendorf mit 10’000 Gästebetten, 16 Liften, 4 Bahnen und einem Helikopterlandeplatz geplant.
Zeichnung des geplanten Resorts. (Bild: Gemeindearchiv Avers)
«Das Projekt war beispielhaft für den damaligen Zeitgeist – und ist aktueller denn je, schiessen doch heute Resorts wie Pilze aus dem Boden», schreiben die Projekt-Initiantinnen. Mangelnde Finanzen und Interessenkonflikte zwischen den Bauherren und der Bevölkerung führten schliesslich dazu, dass das Vorhaben 1987 nach fünfzehnjähriger Planungszeit beerdigt wurde.
Hexperimente im Avers
Bis 21. August, Bim Nüwa Hus, Avers
hexperimente.ch
Die Ausstellung «Alpen Resort Avers. Das Scheitern eines tollkühnen Plans» zeigt Pläne und Skizzen von damals. Darüber hinaus locken künstlerische Interventionen: Auf witzige Weise demonstriert der eigens für die Ausstellung produzierte Experimentalfilm Fata Morgana von Anka Schmid den Widerstreit zwischen Mensch und Natur; zudem machen Installationen sowie eine Soundcollage die hochfliegende Vision sinnlich erfahrbar.
Hinter dem Projekt stehen die «Hexperimente», ein Festivalformat, das die Kulturwissenschafterin Ina Bösch und die Musikerin Corinne Holtz 2009 im Avers ins Leben gerufen haben. Ort der 24/7 geöffneten Ausstellung ist nicht wie in anderen Jahren das historische «Nüwa Hus», sondern ein nahegelegener Heustall in Avers-Platta.
Das Trauma von Poschiavo
Vom Avers lohnt sich unbedingt die Weiterreise nach Poschiavo – wenn auch entweder kurvenreich oder schweisstreibend. Der St.Galler Theatermacher Oliver Kühn, schon mehrfach mit Produktionen im Puschlav tätig, inszeniert dort ein Stück mit dramatischem historischem Hintergrund: Vor 35 Jahren, im Juli 1987 führten tagelange Unwetter zu einer Überschwemmung, die das Dorf Poschiavo teilweise zerstörte – im selben Regensommer, in dem auch der Bodensee über die Ufer trat oder das Urnerland unter Wasser stand.
Fünf Personen erinnern sich im Stück an die Ereignisse von damals, darunter Margherita Bondolfi, die im Dorf Poschiavo den Lebensmittelladen führt, Anna Zürcher, die im Ferienhaus auf ihren Mann und die Kinder wartet, oder Dr. Clemens Füglistaller, gespielt von Oliver Kühn selber, der sich im legendären Hotel «Croce Bianca» auf einen Vortrag über die Gefahren von Starkregen in den Schweizer Südtälern vorbereitet. Fünf Zeitreisende, wie sie im Projektbeschrieb angekündigt werden, «die vermuten: Eine Katastrophe ist genau das, was mensch daraus macht. Also nehmen sie die Schaufel in die Hand und graben im Schutt von damals nach Antworten auf Fragen wie: Ist das Puschlav von 1987 nicht auch irgendwie die Welt von heute? Und sollte man nicht gerade deswegen ein Fest auf das Leben feiern?»
Die Überschwemmung, l’alluvione, habe ihn seit seinem ersten Besuch im Puschlav vor mehr als zwanzig Jahren beschäftigt, sagt Oliver Kühn. Und sie sei auch in den Köpfen zumindest der mittleren und älteren Generation noch präsent.
Mit guten Gründen, wie ein Report des Tessiner Fernsehens von damals zeigt, den Kühn auf der Website seines Projekts aufgeschaltet hat: Der Bergbach riss durch die Gassen des Dorfs Steine und Stämme mit, beschädigte Häuser, deckte Autos bis zum Dach mit Kies und Felsbrocken zu – ein Wunder, dass es keine Opfer gab. Und bemerkenswert, wie das Dorf, dank Hilfe von allen Seiten, schöner als zuvor wiederhergestellt wurde.
Fenice.Poschiavo heisst das Stück denn auch: «Phönix Poschiavo». Kühn will darin nicht bloss Rückschau halten. Vielmehr geht es ihm um die heute genauso aktuelle, durch die Pandemie noch zugespitzte Frage nach unserem Umgang mit Krisen und Katastrophen. Aus der Distanz von inzwischen 35 Jahren könne man das damalige Unglück auch als Chance sehen. Und allgemeiner gesagt: Kultur habe die Kraft, gerade in Krisen andere Sichtweisen und Aspekte ins Spiel zu bringen. Bei allem Ernst des Stoffs soll es im Stück denn auch tröstliche und festliche Momente geben.
Theater Jetzt: Fenice.Poschiavo, 15. Juli bis 6. August, 12 Vorstellungen, Punto rosso Poschiavo
theaterjetzt.ch
Am Werk ist ein deutschschweizerisch-italienisch-tessinerisch gemischtes Ensemble. Die Texte sind zweisprachig, und wie stets in den Stücken des Theater Jetzt spielen über das reine Schauspiel hinaus Bewegung und Musik eine grosse Rolle.
Ein Glücksfall sei der Aufführungsort: Punto rosso ist eine ehemalige Fabrikhalle, in der der Puschlaver Granit verarbeitet wurde. Seit einigen Jahren steht sie leer und soll zu einem Kulturzentrum umfunktioniert werden. Kühn und seine Truppe haben dort ideale Probe- und Aufführungsmöglichkeiten und, wie er sagt, alle Freiheiten.
Für das Tal soll umgekehrt auch etwas abfallen: Kühn hofft auf zahlreiches interessiertes Publikum aus der Deutschschweiz. Sommertheater darf für ihn auch ein Standortfaktor sein.
Der hier aktualisierte Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.