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Kulturwandern bis ins Puschlav

Man kommt diesen Sommer kulturell nicht ums Bündnerland herum. Der St.Galler Theatermacher Oliver Kühn inszeniert in Poschiavo ein Stück über die Unwetterkatastrophe von 1987. Im Avers wird ein früheres Resortprojekt künstlerisch besichtigt. Und Origen baut nach dem roten einen weissen Turm.
Von  Peter Surber
Das St.Galler Theater Jetzt spielt ein Stück zur Unwetterkatastrophe von Poschiavo. (Probenbild: Regina Jäger)

Das Festival Origen in Graubünden hat seit jeher ein Flair für historische Stoffe. Rund um Burg und Clavadeira in Riom, den roten Turm auf dem Julierpass und weitere Schauplätze ist das Thema dieses Jahr weitläufig mit «Raum» umschrieben. Die Musiktheater-Produktion dreht sich um Henrico Zuccalli, einen legendären Baumeister aus Graubünden, der am Bayerischen Hof Karriere machte. Premiere von Zuccalli war am 8. Juli in Riom. Der Origen-Chor singt unter anderem Händels Oratorium Solomon in der St.Moritzer Reithalle, hinzu kommen Tanzproduktionen mit Gästen unter anderem aus St.Petersburg und Paris.

Origen Festival Cultural

Bis 14. August,
Riom und diverse Spielorte

origen.ch

Als neue Attraktion kündigt Origen-Impresario Giovanni Netzer den Weissen Turm an – ein Betongebäude mitten in Mulegns, das komplett aus dem 3D-Drucker entstehen soll. Ein erstes Stockwerk wird dieses Jahr eingeweiht, ab 2023 soll der digital-analoge Turm für fünf Jahre stehen, als Hommage an die Bündner Zuckerbäcker, die einst europaweit mit ihrer «weissen» Kunst Furore machten, und an die ETH Zürich, die den Bau realisiert.

Ebenfalls im kommenden Jahr hofft Origen das historische «Post Hotel Löwe» in Mulegns wieder eröffnen zu können, das dank Spenden vor dem Verfall gerettet wurde. Das vielstimmige Programm von Origen hat Mitte Juni begonnen und dauert bis Mitte August.

Grössenwahn im schmalen Tal

Ein Abstecher ins Avers bietet Diskussionsstoff rund um die alpine Vergangenheit und Zukunft. Der Aufhänger: Vor rund 60 Jahren wäre die einzigartige Landschaft fast unter Beton verschwunden. Genfer Investoren hatten ein Feriendorf mit 10’000 Gästebetten, 16 Liften, 4 Bahnen und einem Helikopterlandeplatz geplant.

Zeichnung des geplanten Resorts. (Bild: Gemeindearchiv Avers)

«Das Projekt war beispielhaft für den damaligen Zeitgeist – und ist aktueller denn je, schiessen doch heute Resorts wie Pilze aus dem Boden», schreiben die Projekt-Initiantinnen. Mangelnde Finanzen und Interessenkonflikte zwischen den Bauherren und der Bevölkerung führten schliesslich dazu, dass das Vorhaben 1987 nach fünfzehnjähriger Planungszeit beerdigt wurde.

Hexperimente im Avers

Bis 21. August,
Bim Nüwa Hus, Avers

hexperimente.ch

Die Ausstellung «Alpen Resort Avers. Das Scheitern eines tollkühnen Plans» zeigt Pläne und Skizzen von damals. Darüber hinaus locken künstlerische Interventionen: Auf witzige Weise demonstriert der eigens für die Ausstellung produzierte Experimentalfilm Fata Morgana von Anka Schmid den Widerstreit zwischen Mensch und Natur; zudem machen Installationen sowie eine Soundcollage die hochfliegende Vision sinnlich erfahrbar.

Hinter dem Projekt stehen die «Hexperimente», ein Festivalformat, das die Kulturwissenschafterin Ina Bösch und die Musikerin Corinne Holtz 2009 im Avers ins Leben gerufen haben. Ort der 24/7 geöffneten Ausstellung ist nicht wie in anderen Jahren das historische «Nüwa Hus», sondern ein nahegelegener Heustall in Avers-Platta.

Das Trauma von Poschiavo

Vom Avers lohnt sich unbedingt die Weiterreise nach Poschiavo – wenn auch entweder kurvenreich oder schweisstreibend. Der St.Galler Theatermacher Oliver Kühn, schon mehrfach mit Produktionen im Puschlav tätig, inszeniert dort ein Stück mit dramatischem historischem Hintergrund: Vor 35 Jahren, im Juli 1987 führten tagelange Unwetter zu einer Überschwemmung, die das Dorf Poschiavo teilweise zerstörte – im selben Regensommer, in dem auch der Bodensee über die Ufer trat oder das Urnerland unter Wasser stand.

Fünf Personen erinnern sich im Stück an die Ereignisse von damals, darunter Margherita Bondolfi, die im Dorf Poschiavo den Lebensmittelladen führt, Anna Zürcher, die im Ferienhaus auf ihren Mann und die Kinder wartet, oder Dr. Clemens Füglistaller, gespielt von Oliver Kühn selber, der sich im legendären Hotel «Croce Bianca» auf einen Vortrag über die Gefahren von Starkregen in den Schweizer Südtälern vorbereitet. Fünf Zeitreisende, wie sie im Projektbeschrieb angekündigt werden, «die vermuten: Eine Katastrophe ist genau das, was mensch daraus macht. Also nehmen sie die Schaufel in die Hand und graben im Schutt von damals nach Antworten auf Fragen wie: Ist das Puschlav von 1987 nicht auch irgendwie die Welt von heute? Und sollte man nicht gerade deswegen ein Fest auf das Leben feiern?»

Die Überschwemmung, l’alluvione, habe ihn seit seinem ersten Besuch im Puschlav vor mehr als zwanzig Jahren beschäftigt, sagt Oliver Kühn. Und sie sei auch in den Köpfen zumindest der mittleren und älteren Generation noch präsent.

Mit guten Gründen, wie ein Report des Tessiner Fernsehens von damals zeigt, den Kühn auf der Website seines Projekts aufgeschaltet hat: Der Bergbach riss durch die Gassen des Dorfs Steine und Stämme mit, beschädigte Häuser, deckte Autos bis zum Dach mit Kies und Felsbrocken zu – ein Wunder, dass es keine Opfer gab. Und bemerkenswert, wie das Dorf, dank Hilfe von allen Seiten, schöner als zuvor wiederhergestellt wurde.

 

Fenice.Poschiavo heisst das Stück denn auch: «Phönix Poschiavo». Kühn will darin nicht bloss Rückschau halten. Vielmehr geht es ihm um die heute genauso aktuelle, durch die Pandemie noch zugespitzte Frage nach unserem Umgang mit Krisen und Katastrophen. Aus der Distanz von inzwischen 35 Jahren könne man das damalige Unglück auch als Chance sehen. Und allgemeiner gesagt: Kultur habe die Kraft, gerade in Krisen andere Sichtweisen und Aspekte ins Spiel zu bringen. Bei allem Ernst des Stoffs soll es im Stück denn auch tröstliche und festliche Momente geben.

Theater Jetzt: Fenice.Poschiavo,
15. Juli bis 6. August,
12 Vorstellungen,
Punto rosso Poschiavo

theaterjetzt.ch

Am Werk ist ein deutschschweizerisch-italienisch-tessinerisch gemischtes Ensemble. Die Texte sind zweisprachig, und wie stets in den Stücken des Theater Jetzt spielen über das reine Schauspiel hinaus Bewegung und Musik eine grosse Rolle.

Ein Glücksfall sei der Aufführungsort: Punto rosso ist eine ehemalige Fabrikhalle, in der der Puschlaver Granit verarbeitet wurde. Seit einigen Jahren steht sie leer und soll zu einem Kulturzentrum umfunktioniert werden. Kühn und seine Truppe haben dort ideale Probe- und Aufführungsmöglichkeiten und, wie er sagt, alle Freiheiten.

Für das Tal soll umgekehrt auch etwas abfallen: Kühn hofft auf zahlreiches interessiertes Publikum aus der Deutschschweiz. Sommertheater darf für ihn auch ein Standortfaktor sein.

Der hier aktualisierte Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.

Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
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Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
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Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

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Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
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SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

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Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
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«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
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Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
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Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
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Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
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