Am 29. Mai fiel mein Entscheid. Mimi war mir von einer Frau durch mein Fenster gereicht worden. Sie hatte draussen an meine Scheibe geklopft und mir ohne zu fragen die zwei grossen gelben Augen in einem Hämpfelchen Hund reingereicht. Zauberhaftes Geschöpf. Eine Räubertochter. Ich stand da, diesen kleinen Welpen in den Händen, Homer und Pluto in heller Aufregung neben mir mit langgestreckten Hälsen und bebenden Nasen.
Die Frau hatte mich offenbar mit meinen Hunden gesehen, und hatte das Gefühl, Mimi hätte es gut bei mir, bei uns. Sie hatte etwas zu Mimi geschaut. Ich stand da, den «qviteli Dzaghli», den gelben Hund in der Hand. Die Frau war weg.
Beschnüffeln. Ich beruhigte meine beiden Samtnasen und brachte Mimi zurück. Was kein einfaches Ding war. Ich wusste nicht, wo die Frau wohnte. Suchte und suchte. Im Klopfen hier, Klopfen da traf ich eine junge Frau, die mir schliesslich zeigte, wohin.
Eine graue Tür mit einem Vorhängeschloss, neben einem Treppenhaus. Ich klopfe. Niemand öffnet. Die junge Frau machts auf Georgisch. Klopft im Öffnen und ruft gleichzeitig. Eine nicht-tiefgelegte Kellerkammer empfängt uns. Darin ein Bett, ein Kühlschrank, ein Gasherd und ein Lavabo. Über allem Schnüre gespannt, als Wäscheleinen. Ein Tisch, zwei Hocker, ein Stuhl, zwei Regale und ein Schrank, der den Raum etwas unterteilt. Am Ende ein vergittertes Fenster.
Die Frau winkt uns rein, wir sollen uns setzen. Macht einen Kaffee. Ich sage via die junge Frau, dass die kleine Maus bezaubernd sei, dass sie aber dringend mehr zu essen brauche. Mimi kriegt ein Stück Brot und etwas Käse. Ich frage, ob Mimi ihr gehöre. Die Frau schaue zu ihr, übersetzt die junge Frau. Sie könne ihr nicht mehr geben. Sie lebe hier. Da könne sie Mimi nicht beherbergen. Hier seien die Menschen arm. Ich sage ihr, dass ich Futter rüberbringe. Mache es. Und entwurmt müsse sie werden, sonst frisst sie für fremde Verdauer. Ich organisiere, dass wir gemeinsam zum Infobüro im Zentrum gehen, frage nach einem Veterinär. Es gibt eine, ohne Praxis, aber Impfung und Entwurmen, das könne sie machen. Am Folgetag können wir hin. Ich scheuche halb Qeda auf beim Suchen, wer Mimi Heimat geben könnte. Eine Frau, deren Tochter Mimi sofort heiss liebt, sagt: höchstens geimpft, Klein-Mimi schlägt ihre Milchzähnchen überall rein. Hier ist Tollwut ein Riesenthema. Viele Menschen haben deswegen Angst vor den Streunern. Ich sage, ich zahl die Impfung und lasse sie machen. Und 20 Kilo Futter gibts dazu. Zumindest bis sie aus dem Babyalter raus ist, muss für sie gesorgt werden. Als Mimi drinnen bellt, ist die Option hin. Und dann pinkelt sie auch noch auf einen Teppich.
«Das Leben hat immer recht»
Ich kann, ich kann doch, das geht doch einfach nicht, ich finde hier jemanden…! Ich wandere nach Osten. Sie würde gut versorgt übernommen werden können. Wie Don Quixote komm ich mir vor im Zurückschauen.
Als sie entwurmt und der Impftermin vorveranschlagt ist – für den Fall, dass sie gut zunimmt bis dahin – hat sie eine Gewitternacht, die ihresgleichen sucht, alleine draussen verbracht. Trotz Zusage von jemandem. Nun, wo ich Mimi kenne, kann ich mir vorstellen, welch ein Graus das für sie gewesen sein muss. Sie kriecht unters Bett bei Unwetter. Und das war kein normales. Ich hätte die Leute wahllos um eine Fahnenstange wickeln können, so wütend war ich. Seit da darf sie nachts zu uns rein, rollt sich sofort auf der kleinen Decke neben dem Bett zusammen und schläft tief. Homer ignoriert sie freundlich, Pluto findet sie super.
Ich erzähle Lauretta von Mimi. Sie fragt nach: «In die Hand gedrückt?» Und gibt mir einen Impuls, dem sie selber folgt. «Das Leben hat immer recht.» Mimi wurde mir in die Hand gedrückt.
Ich habe noch nie erlebt, dass ein Impuls, den ich von ihr erhalten habe, nicht zu Wachstum und ins volle Leben geführt hätte. Habe kurz Waschmaschinengang. Und dann ist klar: Ich nehme die Einladung vom Leben an. Mimi darf bleiben. Es folgen noch ein paar Tage auf und ab. Geldsehnsüchte kommen auf bei der Frau. Sie hat gesehen, was ich für das Futter bezahlt habe, und mittlerweile weiss ich, dass das bei schlechtestbezahlten Stellen ungefähr ein halber Monatslohn ist hier. Und sie, die die Schule putzt, gehört in diese Lohn-Kategorie. Ich habe mächtig damit zu tun damit, zu sortieren und zu befrieden, was sie alles triggert bei mir. Dass ich mich nicht freuen dürfte. Dass ich schuld sei…
Ich bin bereit, Mimi loszulassen, falls sie sie doch nicht weggeben möchte. Ich erhebe keinen Anspruch auf Mimi. Aber ich nehme die Einladung vom Leben an, wenn sie zu mir soll.
Mimi selber entscheidet sich, wohl an die 90 Prozent der Tage mit uns zu verbringen. Geht die Frau immer mal wieder besuchen, tippselt dann aber zu uns zurück, kratzt an der Tür und fordert Einlass. Rollt sich bei uns ein. Stubenrein innert einiger Tage, sobald ich raushab, welchen Rhythms die Welpenblase hat. Ich hab das Futter bei der Frau gelassen, es soll nicht ums Futter gehen. Mimi kriegt bei ihr dasselbe Futter, wenn sie sie besucht, wie bei mir.
Ich gehe rüber, als ich selber mit Klarheit spüre, dass Mimi bei uns ein besseres Leben hat. Suche das Gespräch mit der Frau. Sage ihr, dass Mimi einen Pass kriegen wird und mit uns leben wird, wenn sie ihr Ja dazu gibt. Sie stimmt zu, dass Mimi bei uns bleibt. Sie habe Mimi gern und sehe, dass sies gut habe mit uns, meine Rabauken möge. Ich füge bei: Und ihnen sowas von das Wasser reiche.
Man redet über «die Frau mit den Hunden»
Es folgen noch einmal Wellen an Geldwünschen. Aber diese hören auf, als ich den letzten Rest an Themen, die sie bei mir hochschwemmt, durchgearbeitet hab. Und Mimi ist nicht mehr Spielball dafür, auch von ihrer Seite nicht.
Ich bastle eine improvisierte Traglösung für unsere Spaziergänge am Fluss. Mimi geht, soweit sie mag. Wird sie müde, sacke ich sie im wahrsten Sinne des Wortes in meinem Tragtuch ein, und Mimi beschaut sich die Welt von oben. Sie hats faustdick hinter den Ohren. Von Verschupftheit keine Spur. Sie ist mitten im Getümmel, Pluto und sie albern eh um die Wette, Homer ignoriert sie weiter freundlich, beharrt aber klar auf seinem Raum. Muss konsterniert aufsitzen, wenn sie sich ihm nähert. Armer Prinz, so schwimmen ihm die Felle weg. Ich sitze eine Runde mit ihm und erkläre ihm noch einmal, dass Mimi wirklich bei uns bleibt. Wir einigen uns, dass ich nicht hinschaue, wenn er ihr zeigt, dass er sie mag. Mein Herzensego!
Als ich eines Abends aus der Dusche komme, hat Mimi sich zu Pluto in dessen Bettchen gewanzt und die beiden schlafen aneinandergerollt. Und wenn ich am Fluss mit Pluto Stöckchen erschwimmen spiele, dann liegen Homer und Mimi bei einander im Sand. Mimi mag Homer. Erschleicht sich sein Herz schamlos. Und letzthin hat Homer sich in Mimis Nähe gelegt, nicht umgekehrt – ich habs nicht gesehen. Mein Wort gilt.
Und so bleiben wir ein Gespann, das in halb Qeda täglich Thema ist. Als wir hier ankamen, war es «die Frau, die alleine reist mit den zwei Hunden mit Rucksäcken». Nun ist es «die Frau, die die Hunde lobt fürs Pinkeln, überhaupt, die mit den Hunden redet, und die Mimi im Tragtuch mitträgt, wenn sie mit ihren Hunden unterwegs ist».
Qeda. Das liegt erst 40 Kilometer von Batumi. Im West-Ost-Tal, das zum Godertzi-Pass hinter Chulo führt. Da, wo ich das Gefühl hatte, könnte die Region sein, von der ich geträumt habe vor bald zwei Jahren. Ein Seitental mündet hier von Süden her ein in unser Tal mit dem breiten, lehmigen Fluss, schafft einen Raum, in den der Ort gebettet liegt.
Links und rechts und vorne und hinten, erheben sich die beurwaldeten Hügel, die eigentlich schon fast zu steil für Hügel sind. Qeda ist eine «town», eine kleine Stadt, kein Dorf. Drei Banken, ein Postamt, Polizei und Feuerwehr. Die Post ein Hinterraum in einem heruntergekommenen, aber schönen Gebäude, darin ein Pult, ein Stuhl und eine Frau. Nebenan leben wir. Qeda, der Ort, der zunächst nur Übernachtungsmöglichkeiten hatte ohne Hundeerlaubnis, wo sie dann doch Ja sagten. Und wo ich nun nicht wie angegeben mit zwei, sondern mit drei Hunden lebe. Was ohne jegliche Verhandlungen durchgeht. Hund ist Hund. Irgendwie. Jedenfalls Hund, um den jemand sich kümmert. Qeda, der Ort, wo wir um eine Räubertochter reicher wurden.
Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Anfang 2017 ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – sowie Pluto, in Bulgarien zugelaufen, und seit neustem Mimi, Hund Nummer drei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili, inzwischen angekommen im Sehnsuchtsland Georgien, von ihren Erfahrungen.
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