Juli/August:
Im Jahre 1755 erschütterte das Erdbeben von Lissabon die Gewissheiten der europäischen Philosophen. Sie fragten sich, wie ein gütiger Gott ein solches Übel in der Welt zulassen konnte. Ihre Welt, Afriyie, die Welt der Männer, Frauen und Kinder, die 1755 auf «La Liberté» inventarisiert wurden, war schon viel früher erschüttert worden. Was waren Ihre Gottheiten, Afriyie, an deren Güte Sie im Laufe Ihres Lebens wahrscheinlich oft gezweifelt haben?
Hans Fässler in seinem Online-Beitrag Die versklavte «Venus» auf einer Plantage namens «Freiheit»
Das Ärgernis gleich vorweg: Der Haupttitel Kloster-, Sticker-, Bratwurststadt ruft alle Klischees zu St.Gallen auf, die man sich denken kann. So plakativ wie irgend möglich. Natürlich, er lehnt sich an Niklaus Meienbergs Suada über seine Heimatstadt an, die im Heft auch abgedruckt ist. Allen anderen St.Galler Lyriker:innen sind die Würste Wurst, sie haben Besseres zu bieten – das belegt die Auswahl im Heft.
Eva Bachmann im Online-Beitrag Ein Gedicht ist ein Gedicht, alles andere ist Wurst
Schön und schräg: Das Appenzellerland ist beides.
Kristin Schmidt in Verschiedene Blickwinkel, Sommertipps
Das Gerücht war erstunken und erlogen, solche Leute bewegten sich oberirdisch.
Stefan Keller in Schlossgespenster
September:
Und die Hemmungen fallen schnell und mit den Kleidern zu Boden.
Viviane Sonderegger im Online-Beitrag Im Puls der Zwischenräume
Man kann sich fragen, wie weit entfernt die USA heute von dieser gezeigten Dummheit sind. Wer glaubt denn heute noch, dass die Erde eine Scheibe ist? Dass Naturgesetze von Menschen erfunden sind? Dass es sehr wohl Hexen gibt? Doch viel wichtiger ist die Frage, wer überhaupt all diese Mythen widerlegen kann, wenn denken zu gefährlich wird.
Andi Giger im Online-Beitrag Wer denkt, wird kopflos
Und nachdem man gesehen hatte, wie den ganzen Tag Menschen zum ukrainischen Stand kamen, das Essen und den ukrainischen Kräutertee kosteten, ins Gespräch kamen, Fragen stellten, wurde es einem irgendwie warm ums Herz. Das war einfach wunderbar – ihr kennt bestimmt diesen Festival-Vibe, wenn alle am Zelt lachen.
Liliia Matviiv in Wenn Träume wahr werden
Eine wissenschaftliche Geschichte des Schweizer Faschismus bleibt indes noch zu schreiben.
Cenk Akdoganbulut in Umtriebig aber erfolgslos - Schweizer Frontisten in der Ostschweiz
Programmatisch skizziert Jurassica die Gesellschaft als «Gaslighting-Nation»: Eine, die lieber wegsieht, um sich dann kurz empört zu geben, bevor alles wieder seinen gewohnten Lauf nimmt. Die Diagnose sitzt und ist so radikal und unversöhnlich wie der Roman selbst.
Vera Zatti in Aus dem Jura gegen das Patriarchat
Oktober:
Der Iraner Jafar Panahi ist unter den international bekannten Regisseuren einer der meist ausgezeichnete, und er ist vor allem einer der mutigsten. Sein neuer Film It Was Just an Accident ist ein atemlos spannender Thriller, der mit den Zuständen in Panahis Heimat abrechnet, mit schwarzem Humor brilliert und vertrackte moralische Fragen aufwirft.
Geri Krebs im Online-Beitrag Von Katastrophen und Rachegelüsten
Es scheint, als würden entlang der Diskussion um das pelzige Raubtier ganz andere, ideologisch aufgeladene Themen seziert. Der Wolf ist Mittel zum Zweck.
Daria Frick in Ein Raubtier auf der Anklagebank
Vorerst müssen wir improvisieren und kratzen alles zusammen, was sich auf unserem 28 Meter langen Schiff finden lässt: Flaschen, mit Säure gereinigt, um die Spurenmetallmessungen nicht zu kontaminieren, Schläuche, Handschuhe.
Sylvie Bruggmann in Bei den schnellen Gletschern, Flaschenpost aus Grönland
Damit erhalten die einzelnen Gedichte eine schon fast sakrale Bedeutung, eine Erhabenheit, sie schwingen nach und sinken tief.
Veronika Fischer in Zwischen Lichterhüllen und Colabrausepulver
Unbeschwertheit blitzt nur selten auf, zum Beispiel beim Baden mit der Schwester im Seealpsee, wo Berta sich von Zukunftsfantasien treiben lässt.
Laura Vogt in Zwischen Schuld und Sehnsucht
Ihr Schreiben ist ein Wandern durch die Zeit, all den grossen Figuren ihres Lebens entlang, sei es dem Dzogchen-Meister Namkhai Norbu oder Ira Cohen, einer charismatischen Schlüsselfigur der Beat Culture, Lyriker, Fotograf und Filmemacher.
Gallus Frei-Tomić in Der Versuch, die Finsternis auszulöschen
Wie ein defektes mechanisches Uhrwerk tickt, surrt und ächzt es. Die Rädchen verheddern sich, geraten aus dem Takt, blockieren sich gegenseitig, überschlagen sich. So ungefähr muss es sich angefühlt haben, als der Musiker, Produzent und Autor ins Bodenlose fiel.
Brigitte Schmid-Gugler in Räderwerk im Kopf
November:
Denken wir an Franz Kafkas Die Verwandlung, sehen wir Gregor Samsa als ungeheuerliches Ungeziefer vor uns. Franziska Hoby und Stéphane Fratini gelingt es mit einem kleinen, talentierten Ensemble, die Ungeheuerlichkeit auf die Bühne zu bringen, ohne dafür explizit zu werden. Marcel Gschwend alias Bit-Tuner und Paranoïa Normal liefern den treibenden Sound dazu – ein insektoides Beat-Gewitter, das ein schauerliches neues Genre erschafft.
Elisa Faes im Online-Beitrag Kafka neu verwandelt
Und ja, über den patriotisch angehauchten Titel und den Grund, weshalb «Stärke» bei Frauen eigentlich explizit betont werden muss, sollte man sich weiter streiten.
Sara Conoci im Online-Beitrag Zwanzig sture Schweizer Frauen
Doch viele andere Musiker:innen, selbst professionelle beziehungsweise selbständige, leben von ihrer Kunst mehr schlecht als recht, einige können ihre Altersvorsoge kaum sicherstellen, die 2. und 3. Säule kennen sie nur vom Hörensagen.
David Gadze in Zwischen Fairness und Finanzloch
Die Erinnerungen an den Film Ben Hur sind sehr vage, dafür umso reicher in Bezug auf meine Begleitung, wagten wir doch in den Kinosesseln die ersten scheuen Annäherungen – quasi der Beginn einer leisen ersten Liebe.
Verena Schoch in Kinok – 40 Jahre Reisen in vielseitige Welten
1989 in Appenzell geboren und in Gonten aufgewachsen, war hörlers Kindheit von einer ländlichen Umgebung geprägt, in der Kultur abseits institutioneller Strukturen gelebt wurde. Diese Sozialisierung fliesst in hörlers künstlerische Arbeit ein: Auch folkloristische Formen der Region wie das Rugguseli (Jodel) oder die Appenzeller Tracht werden mitunter durch queere Elemente neu verflochten.
Lilli Kim Schreiber in Kunst als kontinuierliche Neuverortung
Dezember:
Die Musik setzt die Grabenhalle von den ersten Takten an unter Strom. Der Sound ist perfekt abgemischt und The Young Gods jagen eine Druckwelle nach der anderen durch den Saal. Mal bauen sie die Spannung mit knisternder Elektronik und instrumentaler Dynamik langsam auf, um sie dann explosionsartig ausbrechen zu lassen, etwa im zweiten Song Systemized, mal lassen sie es wie in Blue Me Away ohne viel Anlaufzeit krachen.
David Gadze in der Online-Konzertbesprechung Die schiere Kraft der Musik
Noch ist eine Umkehr zu alternativen Anbaumodellen und zu einer ökologischen Nahrungsmittelversorgung möglich. Noch schwärmen die Bienen.
Kristin Schmidt im Online-Beitrag Zwischen Mythos und modernem Agrarbetrieb
Die Botschaft war offenbar klar, dort wie auch jetzt bei der Unesco-Kandidatur: Singen stärkt den Zusammenhalt, schliesst niemanden aus, braucht und fördert die Gemeinschaft und nicht zuletzt auch das Zuhörenkönnen. Singen ist Kommunikation pur, vorneweg der Naturjodel, der ohne Text und mit ein paar wenigen harmonischen Wendungen auskommt.
Peter Surber im Online-Beitrag Jodel ist politisch
In der literarischen Diskussion ging es genau darum. Darum, wie wertvoll es ist, dass so viele Stimmen übersetzt wurden und nicht nur die wenigen berühmten.
Lillia Matviiv in Wie weit ist es nach Frankfurt?
Vor der Küste Südafrikas wurden zahlreiche Kadaver von Weissen Haien (yes, genau die!) gefunden, denen Orcas im besten Hannibal-Lecter-Style einzig die nährstoffreiche Leber «entnommen» hatten. Um für solche Jagdeinsätze gerüstet zu sein, sind Neugier und spielerisches Training für Jungtiere unerlässlich, und circa 15 Meter lange Boote scheinen geradezu ideal als Trainingsgeräte.
Jeremias Heppeler in Eat the Rich
Dann setzt man sich kurz vor Mitternacht ins Auto, besoffen ans Steuer, wie das Babyboomer in ihrer generational carelessness so gerne machen, kein Problem, wenn jemand an Feiertagen eine Familie totfährt, steht in den Zeitungen immer nur «tragischer Unfall», nichts von Schuld oder Verantwortung, God bless.
Mia Nägeli in If we make it through December, we’ll be fine
Sobald etwas Geld da ist, kauft man hierzulande Ziegelsteine, lagert sie am Strassenrand und baut über die Jahre ein zweites oder drittes Haus auf seinem Grundstück, zur Vermietung im Alter. «Bricks and mortar» sind zuverlässigere Pensionspläne als «dollars and cents».
Tobias Sommer in We’ll make a plan – Eindrücke aus Zimbabwe, Flaschenpost aus Zimbabwe
Denn Heartfield hörte nicht auf, Widerstand zu leisten – mit Schere und Leim. Er wurde von Nazis gejagt und von den Kommunisten beobachtet, floh aus Deutschland, floh nach Tschechien, emigrierte nach London, lebte in Paris und entkam mehr als einmal knapp dem Tod.
Daria Frick in Widerstand mit Schere und Leim