Gute Sätze 2025 – Teil 2
Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen – Zeit, um Rückschau zu halten auf all die Artikel, die wir in diesem Jahr veröffentlicht haben. Hier präsentieren wir euch eine höchst subjektive Auswahl von denk- und diskussionswürdigen Sätzen aus Print und Online von August bis Dezember.
Die Saiten-Ausgaben aus dem zweiten Halbjahr 2025. (Bild: dag)
Im Jahre 1755 erschütterte das Erdbeben von Lissabon die Gewissheiten der europäischen Philosophen. Sie fragten sich, wie ein gütiger Gott ein solches Übel in der Welt zulassen konnte. Ihre Welt, Afriyie, die Welt der Männer, Frauen und Kinder, die 1755 auf «La Liberté» inventarisiert wurden, war schon viel früher erschüttert worden. Was waren Ihre Gottheiten, Afriyie, an deren Güte Sie im Laufe Ihres Lebens wahrscheinlich oft gezweifelt haben?Hans Fässler in seinem Online-Beitrag Die versklavte «Venus» auf einer Plantage namens «Freiheit»
Das Ärgernis gleich vorweg: Der Haupttitel Kloster-, Sticker-, Bratwurststadt ruft alle Klischees zu St.Gallen auf, die man sich denken kann. So plakativ wie irgend möglich. Natürlich, er lehnt sich an Niklaus Meienbergs Suada über seine Heimatstadt an, die im Heft auch abgedruckt ist. Allen anderen St.Galler Lyriker:innen sind die Würste Wurst, sie haben Besseres zu bieten – das belegt die Auswahl im Heft.Eva Bachmann im Online-Beitrag Ein Gedicht ist ein Gedicht, alles andere ist Wurst
Schön und schräg: Das Appenzellerland ist beides. Kristin Schmidt in Verschiedene Blickwinkel, Sommertipps
Das Gerücht war erstunken und erlogen, solche Leute bewegten sich oberirdisch. Stefan Keller in Schlossgespenster
Und die Hemmungen fallen schnell und mit den Kleidern zu Boden.Viviane Sonderegger im Online-Beitrag Im Puls der Zwischenräume
Man kann sich fragen, wie weit entfernt die USA heute von dieser gezeigten Dummheit sind. Wer glaubt denn heute noch, dass die Erde eine Scheibe ist? Dass Naturgesetze von Menschen erfunden sind? Dass es sehr wohl Hexen gibt? Doch viel wichtiger ist die Frage, wer überhaupt all diese Mythen widerlegen kann, wenn denken zu gefährlich wird.Andi Giger im Online-Beitrag Wer denkt, wird kopflos
Und nachdem man gesehen hatte, wie den ganzen Tag Menschen zum ukrainischen Stand kamen, das Essen und den ukrainischen Kräutertee kosteten, ins Gespräch kamen, Fragen stellten, wurde es einem irgendwie warm ums Herz. Das war einfach wunderbar – ihr kennt bestimmt diesen Festival-Vibe, wenn alle am Zelt lachen. Liliia Matviiv in Wenn Träume wahr werden
Eine wissenschaftliche Geschichte des Schweizer Faschismus bleibt indes noch zu schreiben. Cenk Akdoganbulut in Umtriebig aber erfolgslos - Schweizer Frontisten in der Ostschweiz
Programmatisch skizziert Jurassica die Gesellschaft als «Gaslighting-Nation»: Eine, die lieber wegsieht, um sich dann kurz empört zu geben, bevor alles wieder seinen gewohnten Lauf nimmt. Die Diagnose sitzt und ist so radikal und unversöhnlich wie der Roman selbst. Vera Zatti in Aus dem Jura gegen das Patriarchat
Der Iraner Jafar Panahi ist unter den international bekannten Regisseuren einer der meist ausgezeichnete, und er ist vor allem einer der mutigsten. Sein neuer Film It Was Just an Accident ist ein atemlos spannender Thriller, der mit den Zuständen in Panahis Heimat abrechnet, mit schwarzem Humor brilliert und vertrackte moralische Fragen aufwirft.Geri Krebs im Online-Beitrag Von Katastrophen und Rachegelüsten
Es scheint, als würden entlang der Diskussion um das pelzige Raubtier ganz andere, ideologisch aufgeladene Themen seziert. Der Wolf ist Mittel zum Zweck.Daria Frick in Ein Raubtier auf der Anklagebank
Vorerst müssen wir improvisieren und kratzen alles zusammen, was sich auf unserem 28 Meter langen Schiff finden lässt: Flaschen, mit Säure gereinigt, um die Spurenmetallmessungen nicht zu kontaminieren, Schläuche, Handschuhe. Sylvie Bruggmann in Bei den schnellen Gletschern, Flaschenpost aus Grönland
Damit erhalten die einzelnen Gedichte eine schon fast sakrale Bedeutung, eine Erhabenheit, sie schwingen nach und sinken tief.Veronika Fischer in Zwischen Lichterhüllen und Colabrausepulver
Unbeschwertheit blitzt nur selten auf, zum Beispiel beim Baden mit der Schwester im Seealpsee, wo Berta sich von Zukunftsfantasien treiben lässt.Laura Vogt in Zwischen Schuld und Sehnsucht
Ihr Schreiben ist ein Wandern durch die Zeit, all den grossen Figuren ihres Lebens entlang, sei es dem Dzogchen-Meister Namkhai Norbu oder Ira Cohen, einer charismatischen Schlüsselfigur der Beat Culture, Lyriker, Fotograf und Filmemacher.Gallus Frei-Tomić in Der Versuch, die Finsternis auszulöschen
Wie ein defektes mechanisches Uhrwerk tickt, surrt und ächzt es. Die Rädchen verheddern sich, geraten aus dem Takt, blockieren sich gegenseitig, überschlagen sich. So ungefähr muss es sich angefühlt haben, als der Musiker, Produzent und Autor ins Bodenlose fiel.Brigitte Schmid-Gugler in Räderwerk im Kopf
Denken wir an Franz Kafkas Die Verwandlung, sehen wir Gregor Samsa als ungeheuerliches Ungeziefer vor uns. Franziska Hoby und Stéphane Fratini gelingt es mit einem kleinen, talentierten Ensemble, die Ungeheuerlichkeit auf die Bühne zu bringen, ohne dafür explizit zu werden. Marcel Gschwend alias Bit-Tuner und Paranoïa Normal liefern den treibenden Sound dazu – ein insektoides Beat-Gewitter, das ein schauerliches neues Genre erschafft. Elisa Faes im Online-Beitrag Kafka neu verwandelt
Und ja, über den patriotisch angehauchten Titel und den Grund, weshalb «Stärke» bei Frauen eigentlich explizit betont werden muss, sollte man sich weiter streiten.Sara Conoci im Online-Beitrag Zwanzig sture Schweizer Frauen
Doch viele andere Musiker:innen, selbst professionelle beziehungsweise selbständige, leben von ihrer Kunst mehr schlecht als recht, einige können ihre Altersvorsoge kaum sicherstellen, die 2. und 3. Säule kennen sie nur vom Hörensagen. David Gadze in Zwischen Fairness und Finanzloch
Die Erinnerungen an den Film Ben Hur sind sehr vage, dafür umso reicher in Bezug auf meine Begleitung, wagten wir doch in den Kinosesseln die ersten scheuen Annäherungen – quasi der Beginn einer leisen ersten Liebe. Verena Schoch in Kinok – 40 Jahre Reisen in vielseitige Welten
1989 in Appenzell geboren und in Gonten aufgewachsen, war hörlers Kindheit von einer ländlichen Umgebung geprägt, in der Kultur abseits institutioneller Strukturen gelebt wurde. Diese Sozialisierung fliesst in hörlers künstlerische Arbeit ein: Auch folkloristische Formen der Region wie das Rugguseli (Jodel) oder die Appenzeller Tracht werden mitunter durch queere Elemente neu verflochten.Lilli Kim Schreiber in Kunst als kontinuierliche Neuverortung
Die Musik setzt die Grabenhalle von den ersten Takten an unter Strom. Der Sound ist perfekt abgemischt und The Young Gods jagen eine Druckwelle nach der anderen durch den Saal. Mal bauen sie die Spannung mit knisternder Elektronik und instrumentaler Dynamik langsam auf, um sie dann explosionsartig ausbrechen zu lassen, etwa im zweiten Song Systemized, mal lassen sie es wie in Blue Me Away ohne viel Anlaufzeit krachen.David Gadze in der Online-Konzertbesprechung Die schiere Kraft der Musik
Noch ist eine Umkehr zu alternativen Anbaumodellen und zu einer ökologischen Nahrungsmittelversorgung möglich. Noch schwärmen die Bienen.Kristin Schmidt im Online-Beitrag Zwischen Mythos und modernem Agrarbetrieb
Die Botschaft war offenbar klar, dort wie auch jetzt bei der Unesco-Kandidatur: Singen stärkt den Zusammenhalt, schliesst niemanden aus, braucht und fördert die Gemeinschaft und nicht zuletzt auch das Zuhörenkönnen. Singen ist Kommunikation pur, vorneweg der Naturjodel, der ohne Text und mit ein paar wenigen harmonischen Wendungen auskommt.Peter Surber im Online-Beitrag Jodel ist politisch
In der literarischen Diskussion ging es genau darum. Darum, wie wertvoll es ist, dass so viele Stimmen übersetzt wurden und nicht nur die wenigen berühmten. Lillia Matviiv in Wie weit ist es nach Frankfurt?
Vor der Küste Südafrikas wurden zahlreiche Kadaver von Weissen Haien (yes, genau die!) gefunden, denen Orcas im besten Hannibal-Lecter-Style einzig die nährstoffreiche Leber «entnommen» hatten. Um für solche Jagdeinsätze gerüstet zu sein, sind Neugier und spielerisches Training für Jungtiere unerlässlich, und circa 15 Meter lange Boote scheinen geradezu ideal als Trainingsgeräte. Jeremias Heppeler in Eat the Rich
Dann setzt man sich kurz vor Mitternacht ins Auto, besoffen ans Steuer, wie das Babyboomer in ihrer generational carelessness so gerne machen, kein Problem, wenn jemand an Feiertagen eine Familie totfährt, steht in den Zeitungen immer nur «tragischer Unfall», nichts von Schuld oder Verantwortung, God bless. Mia Nägeli in If we make it through December, we’ll be fine
Sobald etwas Geld da ist, kauft man hierzulande Ziegelsteine, lagert sie am Strassenrand und baut über die Jahre ein zweites oder drittes Haus auf seinem Grundstück, zur Vermietung im Alter. «Bricks and mortar» sind zuverlässigere Pensionspläne als «dollars and cents». Tobias Sommer in We’ll make a plan – Eindrücke aus Zimbabwe, Flaschenpost aus Zimbabwe
Denn Heartfield hörte nicht auf, Widerstand zu leisten – mit Schere und Leim. Er wurde von Nazis gejagt und von den Kommunisten beobachtet, floh aus Deutschland, floh nach Tschechien, emigrierte nach London, lebte in Paris und entkam mehr als einmal knapp dem Tod. Daria Frick in Widerstand mit Schere und Leim
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.