Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Untere Graben eine bescheidene Strasse. Auf der Altstadtseite lagen Vorgärten, auch vor dem «Salmen», in welchem Metzger Zeller wirtete. Die Wirtschaft gehörte der Brauerei Stocken und hatte zuvor eine ganze Reihe wechselnder Namen. Sie hiess «Rigi», «Gotthard» und «Lamm».
1910 taucht erstmals Salvatore Baratella als Wirt in den Bauakten auf. Er baut vor die Fassade ein «Vorhäuschen» als Eingang. 1930 entstehen entlang der gesamten Fassade die Vorbauten mit den grossen Fenstern, geplant vom Architekten Ernst Hänny, der 20 Jahre später zusammen mit seinem gleichnamigen Sohn unter anderem das Union-Gebäude entwirft. Vor der neuen Fassade blieb ein Rest des Vorgartens, in frühen Zeiten mit einem «beweglichen Schilfrohrdach» gedeckt.
Unterer Graben 20, 071 222 60 31, restaurantbaratella.ch
Weil die Stadt lange den Plan hegte, die Gewerbeschule an der Kirchgassezu konzentrieren, kaufte sie seit den 1950er- Jahren die benachbarten Gebäude – auch das «Baratella», das damit auf eine Abbruchliste kam. Erst als im Tal der Demut das Gewerbeschulhaus in Betrieb ging, wurden die zusammengekauften Häuser saniert, 1977 war das «Baratella» dran.
Das Restaurant selbst überstand alle Erneuerungen weitgehend im Originalzustand. Als die Stadt 2012 die Nebenräume und Toiletten erneuern liess, schwärmte der Verfasser der Baudokumentation vom Raum als «Refettorio», in dem man sich «in Mailand fühle – mindestens». Grünes Täfer, dunkles Parkett, klassische Thonet-Stühle und weisse Tischdecken prägen diese Stimmung.
Das «Baratella» ist seit Mitte der 1970er-Jahre Treffpunkt der St.Galler Kunst- und Kulturszene, mit der Tradition, dass Künstlerinnen und Künstler die Speisekarten entwerfen. Die aktuelle Karte gestaltete die in St.Gallen geborene, aber in Genf lebende Silvie Defraoui. So traditionsreich wie das Lokal ist auch die Bewirtung. Die Familie Baratella übergab 1963 das Zepter an den Koch des Hauses, Benjamino Marchesoni, und dieser wiederum an seinen Sohn Franco, der das Restaurant heute führt.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft 2019.
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