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Saiten im September: Rechte Parallelstrukturen

Ein Heft über Staatsverweigerung, braune Esoterik und neue Schulen in der Ostschweiz. Ausserdem im kosmisch-energetisch geladenen September: das queerfeministische Glitch-Festival, 50 Jahre Freimaurer-Bibliothek in St.Gallen, zehnmal Disorder, dreimal Fussball und zweimal schwul in der Politik.
Von  Redaktion Saiten , 
Illustration: Bastian Riesen

Germanische Neue Medizin, Schetinin-Pädagogik, Telegonie, Mensch vs. Person – kennsch? Grob gesagt, kann man all diese Begriffe rechtsesoterischen, völkischen, demokratiefeindlichen Kreisen zuordnen. Diese Szene mag nicht riesig und einigermassen unübersichtlich sein, aber sie wächst und sie vernetzt sich insbesondere seit der Pandemie zunehmend, auch international. Und sie existiert auch in der Ostschweiz. Massnahmengegner:innen, Staatsverweigerer, Verschwörungsgläubige, Esoteriker:innen und Rechtsextreme hocken mittlerweile gefühlt alle am selben Tisch. Sie haben Vereine, Magazine, selbsterklärte Bürgerrechtsbewegungen und parteiähnliche Strukturen gegründet. Alles mit dem Ziel, das gegenwärtige politische und soziale System zu kippen, also rechte Parallelstrukturen aufzubauen – und zwar in diversen Bereichen: im Bildungssystem, in der medizinischen Versorgung, in den Siedlungsformen und selbst in Sachen Sicherheit.

Gründe genug, um genauer hinzuschauen. Zum Beispiel in die Staatsverweigerungsszene: Die Schweiz ist eine Firma, so der Verschwörungsmythos. Ihre Institutionen und Behörden wurden illegal privatisiert. Darum muss man auch keine Rechnungen, geschweige denn Steuern bezahlen. Auch in der Ostschweiz halten Staatsverweigerer Behörden in Gemeinden und Kantonen auf Trab mit ihrem pseudojuristischen Sermon und ihrem renitenten Verhalten.

In Deutschland wird diese Szene vom Verfassungsschutz überwacht, erst im Frühling gab es eine grosse Razzia. Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe hat Verfahren gegen 69 Personen eröffnet, darunter auch gegen zwei St.Galler. In der Schweiz schätzt man die Gefahr der Staatsverweigerer geringer ein, allerdings gibt es hierzulande auch noch kaum Forschung zu dieser Szene. Unabhängig davon wäre es aber schon mal ein Anfang, würde man endlich den Fokus auf all die Waffen legen, die in den privaten Kellern und Kleiderschränken der Schweiz lagern. Die Nachfrage nach Waffenerwerbsscheinen in der Schweiz steigt seit einigen Jahren. In Kanton St.Gallen gingen 2022 über 60 Prozent mehr Gesuche ein als im Vorjahr ein. Gemäss Dirk Baier vom Institut Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW ist ein Grund dafür die «verschwörungstheoretische Szene», die sich im Krieg wähne und darum aufrüste.

Vermeintlich friedlicher gibt sich die rechte Esoterik. Kein neues Phänomen: Deren weltanschaulichen Grundzüge finden sich schon in den esoterischen und teils sozialen Bewegungen der vergangenen zwei Jahrhunderte. Aber sie hat wieder Aufwind, nicht erst seit der Pandemie. Aus Russland ist beispielsweise die Anastasia-Bewegung in den deutschsprachigen Raum geschwappt. Mittlerweile gibt es auch in der Ostschweiz sogenannte Familienlandsitze und von Anastasia inspirierte Lernorte. Post-Corona-Bewegungen wie Graswurzle oder «Manifest der Neuen Erde» unterstützen völkisch-rechtsesoterische Strukturen. Und zum Teil sympathisieren auch links-alternative Kreise mit Anastasia und ähnlichen Gruppierungen. Kein Wunder, ist doch ständig harmlos von «natürlichem Lernen» oder «stärkender Gemeinschaft» die Rede. Tönt wunderbar, ist aber eine bewusste Verschleierungstaktik. Die diffuse Wolke aus Landliebe-, Öko- und Ausstiegsromantik ist anschlussfähig bis weit in die Mitte der Gesellschaft und ins Unpolitische. Sie bietet diverse Einfallstore ins rechtsextreme Milieu. Auch hier gilt es darum, genau hinzuschauen.

Corinne Riedener

 

Der Inhalt:

Reaktionen
Bildfang
Redeplatz mit Joel Müller und Dominic Tobler
Nebenbei gay von Anna Rosenwasser
Stimmrecht von Sangmo

 

Recherche

Staatsverweigerung, Esoterik und neue Schulen: rechte Parallelstrukturen in der Ostschweiz

Gegen die Systemschulen
Zwischen Staatsablehnung, braun-esoterischem Gedankengut und dem Bedürfnis nach neuen Lernformen – problematische Pädagogik und Pop-up-Privatschulen in der Ostschweiz.
von Lotta Maier, Roman Hertler und Corinne Riedener

Heil der Kommune
Warum das rechtsextreme Milieu auf Familienlandsitzen bestens gedeiht und was links-alternative Kreise damit zu tun haben.
von Corinne Riedener

Aufmucken gegen die Staats-AG
Die Staatsverweigerungsszene in der Ostschweiz ist im Aufwind. Ein Problem für den Rechtsstaat?
von Roman Hertler

Von der Strasse in die Politik
Gruppierungen wie Aufrecht oder Mass-voll haben monatelang gegen die Politik demonstriert. Jetzt treten sie selbst bei den Nationalratswahlen an.
von David Gaze

Illustrationen von Bastian Riesen, Foto-Essay von Olivia Wunsche

 

Flaschenpost vom Mittelmeer
von Davide Tisato (Text) und Samuel Nacar (Bilder)

 

Kultur

Fehler im System: Das audiovisuelle Festival Glitch
von Jessica Jurassica

Freimaurerei: Die Biblioteca Masonica und ihre Welten
von Peter Müller

Kino: Eine Reise ins Jenische Europa
von Corinne Riedener

Musik: Die zehnte Ausgabe des Disorder Bandraumfestivals
von David Gadze

Kunst: Leila Bock und der Himmel Helvetia
von Larisa Baumann

Fussball-Dreierkette: Fussballlichtspiele, 10 Jahre Alternativliga St.Gallen und der neue Zeughaus-Cup (red.)

Parcours: 100 beste Plakate, Projekt Integral, Helgoland, Owen Kane und Kollektiv Streunender Hund

Gutes Bauen Ostschweiz (XI): Schwarz ist nicht gleich schwarz.
von Stefanie Haunschild

Plattentipps: Analog im September
von Lidija Dragojevic, Magdiel Magagnini und Philipp Buob

Boulevard: Bartgeiermännchen Sardona†, Sonja Lüthi, Andreas Vögeli, Barbara Frei, Thomas Keel, Andreas Nagel, Oliver Gröble, Andreas Schwarz, Roger Berhalter und Esther Hungerbühler

 

Abgesang

Kellers Geschichten
Pfahlbauer jr.
Comic von Julia Kubik

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller