Germanische Neue Medizin, Schetinin-Pädagogik, Telegonie, Mensch vs. Person – kennsch? Grob gesagt, kann man all diese Begriffe rechtsesoterischen, völkischen, demokratiefeindlichen Kreisen zuordnen. Diese Szene mag nicht riesig und einigermassen unübersichtlich sein, aber sie wächst und sie vernetzt sich insbesondere seit der Pandemie zunehmend, auch international. Und sie existiert auch in der Ostschweiz. Massnahmengegner:innen, Staatsverweigerer, Verschwörungsgläubige, Esoteriker:innen und Rechtsextreme hocken mittlerweile gefühlt alle am selben Tisch. Sie haben Vereine, Magazine, selbsterklärte Bürgerrechtsbewegungen und parteiähnliche Strukturen gegründet. Alles mit dem Ziel, das gegenwärtige politische und soziale System zu kippen, also rechte Parallelstrukturen aufzubauen – und zwar in diversen Bereichen: im Bildungssystem, in der medizinischen Versorgung, in den Siedlungsformen und selbst in Sachen Sicherheit.
Gründe genug, um genauer hinzuschauen. Zum Beispiel in die Staatsverweigerungsszene: Die Schweiz ist eine Firma, so der Verschwörungsmythos. Ihre Institutionen und Behörden wurden illegal privatisiert. Darum muss man auch keine Rechnungen, geschweige denn Steuern bezahlen. Auch in der Ostschweiz halten Staatsverweigerer Behörden in Gemeinden und Kantonen auf Trab mit ihrem pseudojuristischen Sermon und ihrem renitenten Verhalten.
In Deutschland wird diese Szene vom Verfassungsschutz überwacht, erst im Frühling gab es eine grosse Razzia. Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe hat Verfahren gegen 69 Personen eröffnet, darunter auch gegen zwei St.Galler. In der Schweiz schätzt man die Gefahr der Staatsverweigerer geringer ein, allerdings gibt es hierzulande auch noch kaum Forschung zu dieser Szene. Unabhängig davon wäre es aber schon mal ein Anfang, würde man endlich den Fokus auf all die Waffen legen, die in den privaten Kellern und Kleiderschränken der Schweiz lagern. Die Nachfrage nach Waffenerwerbsscheinen in der Schweiz steigt seit einigen Jahren. In Kanton St.Gallen gingen 2022 über 60 Prozent mehr Gesuche ein als im Vorjahr ein. Gemäss Dirk Baier vom Institut Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW ist ein Grund dafür die «verschwörungstheoretische Szene», die sich im Krieg wähne und darum aufrüste.
Vermeintlich friedlicher gibt sich die rechte Esoterik. Kein neues Phänomen: Deren weltanschaulichen Grundzüge finden sich schon in den esoterischen und teils sozialen Bewegungen der vergangenen zwei Jahrhunderte. Aber sie hat wieder Aufwind, nicht erst seit der Pandemie. Aus Russland ist beispielsweise die Anastasia-Bewegung in den deutschsprachigen Raum geschwappt. Mittlerweile gibt es auch in der Ostschweiz sogenannte Familienlandsitze und von Anastasia inspirierte Lernorte. Post-Corona-Bewegungen wie Graswurzle oder «Manifest der Neuen Erde» unterstützen völkisch-rechtsesoterische Strukturen. Und zum Teil sympathisieren auch links-alternative Kreise mit Anastasia und ähnlichen Gruppierungen. Kein Wunder, ist doch ständig harmlos von «natürlichem Lernen» oder «stärkender Gemeinschaft» die Rede. Tönt wunderbar, ist aber eine bewusste Verschleierungstaktik. Die diffuse Wolke aus Landliebe-, Öko- und Ausstiegsromantik ist anschlussfähig bis weit in die Mitte der Gesellschaft und ins Unpolitische. Sie bietet diverse Einfallstore ins rechtsextreme Milieu. Auch hier gilt es darum, genau hinzuschauen.
Corinne Riedener
ReaktionenBildfangRedeplatz mit Joel Müller und Dominic ToblerNebenbei gay von Anna RosenwasserStimmrecht von Sangmo
Recherche
Gegen die SystemschulenZwischen Staatsablehnung, braun-esoterischem Gedankengut und dem Bedürfnis nach neuen Lernformen – problematische Pädagogik und Pop-up-Privatschulen in der Ostschweiz.von Lotta Maier, Roman Hertler und Corinne Riedener
Heil der KommuneWarum das rechtsextreme Milieu auf Familienlandsitzen bestens gedeiht und was links-alternative Kreise damit zu tun haben.von Corinne Riedener
Aufmucken gegen die Staats-AGDie Staatsverweigerungsszene in der Ostschweiz ist im Aufwind. Ein Problem für den Rechtsstaat?von Roman Hertler
Von der Strasse in die PolitikGruppierungen wie Aufrecht oder Mass-voll haben monatelang gegen die Politik demonstriert. Jetzt treten sie selbst bei den Nationalratswahlen an.von David Gaze
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Freimaurerei: Die Biblioteca Masonica und ihre Weltenvon Peter Müller
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Musik: Die zehnte Ausgabe des Disorder Bandraumfestivalsvon David Gadze
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Fussball-Dreierkette: Fussballlichtspiele, 10 Jahre Alternativliga St.Gallen und der neue Zeughaus-Cup (red.)
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Gutes Bauen Ostschweiz (XI): Schwarz ist nicht gleich schwarz.von Stefanie Haunschild
Plattentipps: Analog im Septembervon Lidija Dragojevic, Magdiel Magagnini und Philipp Buob
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Kellers GeschichtenPfahlbauer jr.Comic von Julia Kubik
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
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Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
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Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
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Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
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