Kategorie
Autor:innen
Jahr

Bedrohtes Land, gefährdete Kunst

Krieg bedroht nicht nur Menschen, sondern auch Kulturgüter. Einen Eindruck davon gibt die Ausstellung «Die Bestie des Kriegs» im Open Art Museum St.Gallen. Im Zentrum steht aber die (friedliche) Volkskunst der Ukraine.
Von  Peter Surber
Naive Pop-Art: «Vogel» (Ausschnitt) von Maria Prymachenko. (Bilder: openartmuseum)

Sie gehörten zu den ersten Opfern des russischen Überfalls auf die Ukraine: die Bilder von Maria Prymachenko. Am zweiten Tag ihres Vormarschs Richtung Kiew im Februar 2022 brannte die russische Armee das Heimatmuseum von Iwankiw ab, das eine Werkreihe der bekanntesten naiven Malerin der Ukraine beherbergte.

Eines ihrer Bilder wurde daraufhin in die Hauptausstellung der Biennale Venedig 2022 aufgenommen. Ihre Friedenstaube wurde weitherum zum Symbol des Protests gegen den Krieg.

Maria Prymachenko: Die Bestie des Krieges, 1970er-Jahre

Schon in den Siebzigerjahren hatte Maria Prymachenko Die Bestie des Krieges gemalt als Teil einer Serie von tierischen Fantasiewesen. Sie empfängt die Besucherinnen und Besucher im St.Galler Open Art Museum im Lagerhaus und hat der Ausstellung den Titel gegeben. Löwenartige Postur, wilder Haarwuchs, Krallen – aber mit seinem fast liebevoll ausgeschmückten Gesicht und Fell hat das Fabeltier zugleich etwas Dekoratives. Unter ihm lässt die Malerin hoffnungsvoll eine rote Blüte wachsen.

Blumen waren das Lieblingssujet der 1997 gestorbenen Malerin, die die Unesco 2009 zu ihrem hundertsten Geburtstag mit einem «Prymachenko-Jahr» geehrt hat. Trotz prominenter Anerkennung etwa durch Picasso ist sie jedoch erst mit dem Krieg 2022 weltweit bekannt worden – traurige Ironie, wie Museumsleiterin Monika Jagfeld in der Einleitung zum Katalog feststellt.

Eine Auswahl von Prymachenkos oft geometrisch komponierten, leuchtend bunten Sträussen und Vogelbildern sind in St.Gallen zu sehen; sie haben ihr einen Ruf als «Pop-Artistin» der Naiven Kunst eingetragen. Im ähnlichen Stil der Petrykivka-Malerei arbeiten Sofia Homeniuk und anderer Künstler:innen. Der Stil und die kunsthandwerklichen Traditionen, in deren Zusammenhang er steht, sind von der Unesco in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen worden.

Oben: Maria Prymachenko: Blumen auf Schwarz. Unten: Sofia Homeniuk (1921-2001): Regenbogen.

Den Hauptteil nehmen jedoch Porträts ein. Sie erzählen nicht vom aktuellen Krieg und tun es in indirekter Weise dennoch; aus den Gesichtern spricht der Ernst, sprechen die Entbehrungen und Existenznöte des ländlichen Lebens der Ukraine im letzten und diesem Jahrhundert.

Herausragende Porträtkunst

Dabei orientieren sich die Malerinnen und Maler an der Tradition der «Parsuna», einem Porträtstil, der der religiösen Ikonenmalerei nachempfunden ist. Nicht die individuellen Züge stehen im Vordergrund, sondern das Archetypische in Haltung, Kleidung und Gesichtsausdruck: Blick geradeaus, Mund geschlossen, Sitz- oder Stehhaltung kerzengerade, die Kleidung sonntäglich herausgeputzt.

Oben: Panas Yarmolenko (1886-1953): Porträt von Olha Bozhko und ihrem Bruder Wolodymyr. Unten: Yakylyna Yarmolenko (1918-ca 1970): Porträt von Luzenko.

Herausragend sind etwa die Porträts von Panas Yarmolenko und seiner Tochter Yakylina, die ihrerseits auf einem Bild erscheint, gemalt von ihrem Vater. Wie bei ihnen, ist auch bei Hryhorii Ksionz keine Regung in den Gesichtern auszumachen – es sei denn das Selbstbewusstsein, sich sein eigenes Porträt leisten zu können.

Ksionz gestaltet mit besonderer Hingabe die Landschaft im Hintergrund, auch sie nicht realistisch, sondern überhöht zu einem Arkadien aus Fluss, Bewaldung, Haus und blühenden Sträuchern. Die reinsten Dorfidyllen samt weissen Schwänen malt Oleksandra Shabatura – hier tritt der Mensch in den Hintergrund, eingebettet in eine träumerische Märchenwelt.

Oleksandra Shabatura (1913-1989): Drei Schwäne auf einem Teich.

Rund zwei Dutzend Künstler:innen, Frauen gleichwertig neben Männern, holt die Ausstellung ins Bewusstsein. Viele arbeiteten aus einer kunsthandwerklichen Tradition, andere fanden mit einer Behinderung zum Malen, oft mussten sie die Freiheit, künstlerisch arbeiten zu können, gegen familiären Widerstand oder die pure Überlebensnot erkämpfen. Und manche bleiben anonym – den Ikonenmaler:innen ähnlich, die ihre Bilder statt sich selber ins Zentrum stellten.

Sammler unter Druck

Die Idealisierung der ländlichen Kultur und ihrer grossformatig porträtierten Menschen steht in einem beklemmenden Kontrast zu den Anfeindungen, denen die naive Kunst der Ukraine ausgesetzt war und ist. So stand der spätere Gründer des Ukrainischen Nationalen Zentrums für Volkskunst, Ivan Honchar, zu Sowjetzeiten unter Beobachtung des KGB, wie Petro Honchar, der heutige Direktor, im Katalog berichtet. Auch private Sammler:innen mussten bis zur Unabhängigkeit der Ukraine mit Schwierigkeiten rechnen, wenn sie ihre Werke öffentlich ausstellten.

«Die Bestie des Krieges»
Open Art Museum, Lagerhaus St.Gallen, bis 25. Februar 2024

Nächster Ausstellungsrundgang:
13. Dezember, 18 Uhr
«Klangbogen Ukraine-Schweiz» mit Sinfonietta St.Gallen:
28. Januar, 11 Uhr
Video-Talk «Art against War»:
7. Februar, 18.30 Uhr
Finissage mit ukrainischem Brunch: 25. Februar, 11 Uhr

openartmuseum.ch

Zu ihnen gehört Lidia Lykhach, Kuratorin und Gründerin der RODOVID-Galerie in Kyiv. Zusammen mit der St.Galler Direktorin des Open Art Museums, Monika Jagfeld, hat sie die Ausstellung mit Werken aus ihrer Sammlung kuratiert. Den Dank für die Kooperation, die die erstmalige Ausstellung ukrainischer Naiver Kunst in der Schweiz möglich gemacht hat, ergänzt Jagfeld mit der Bemerkung: Ähnlich wie die im Westen noch zu wenig wahrgenommene Volkskunst der Ukraine sei die Outsider Art und die Kunst der Naiven insgesamt bis heute im internationalen Kunstbetrieb weitgehend «terra incognita».

In ihrer ganzen Furchtbarkeit zeigt sich die «Bestie» des Kriegs in einem Filmbeitrag, der die Ausstellung ergänzt. Er dokumentiert die zum Teil verzweifelten Versuche, Kulturgüter von Bildern über Statuen bis zu Kirchen vor Bombenangriffen zu schützen. Mauern von Sandsäcken, Verschläge, unterirdische Depots sollen das Schlimmste verhindern. Tragischerweise kann man dabei von Erfahrungen zehren: In Odessa stehen heute, wie parallel geschaltete Aufnahmen im Film dokumentieren, die selben Verbauungen wieder wie 1944.

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5