«Hier eine Kiste, dort eine Kiste. Eine scheusslicher als die andere. Wir sind eben eine ‚attraktive’ Region… Alles ist Fassade. Ich würde nicht geschenkt in so einem Betonsarg wohnen. Und mein Leben zu Grabe tragen…».
Nein, Oma hat es gar nicht mit dem vermeintlichen «Fortschritt» und den Neubauten, die rund um sie herum aus dem Rheintaler Boden wachsen wie Pilze. Und je länger sie redet und ihre Enkelin sie beruhigen will, desto mehr kommt sie in Fahrt: «Alles verschwindet. Die Dörfer, die Landschaft, alles verschwindet unter Beton und Sondermüll, und wir sind diesem Wahnsinn schutzlos ausgeliefert. Es wird nicht mehr für Menschen gebaut, sondern für Spekulationen. Spekulationen auf eine Zukunft, die gar nicht stattfinden wird. Das sind keine Wohnanlagen, sondern Geldanlagen. Die bauen eine Geisterstadt.»
Oma führt das grosse Wort in der ersten Szene im Stück Spekulanten von Philippe Heule, das diesen Donnerstag Premiere hat. Heule weiss, wovon er schreibt, die Oma könnte in Widnau oder Heerbrugg oder einem vergleichbaren Rheintaler Boomdorf zuhause sein. Er selber, Jahrgang 1986, ist in Widnau aufgewachsen und mit 19 weggezogen, nach Hamburg an die Schauspielschule.
Die wilde Bauerei falle ihm selber jeweils bei seinen Besuchen in der alten Heimat auf, sagt Heule beim Gespräch in der Lokremise, einen Steinwurf vom Container entfernt, in dem sein Stück auf Tournee gehen wird. Den Dörfern fehle ein Kern. Statt Treffpunkten gebe es Ladenflächen; die Chance, ein Zentrum zu schaffen, habe man verpasst, verpasst aber auch, die Region grösser, städtischer zu denken.
Ein Stück mit Rheintal-Fokus – so lautete zwar der Auftrag des Theaters St.Gallen. Aber «den» typischen Rheintaler auf die Bühne zu bringen oder in Rheintal-Stereotypen zu verfallen, hätte ihn nicht interessiert. «Was im Rheintal passiert, lässt sich in der Schweiz überhaupt beobachten.» Im Lokalen stecke stets das überregional Gültige, nicht anders als im Privaten das Politische. Seine Oma im Stück sieht denn auch das Rheintal als einen «Querschnitt durch unsere Kopflosigkeit».
Besonders kopflos geht es in der nächsten Szene zu und her. Vier Kumpane treffen sich in einer Garage, sie tragen die wunderbaren Namen Trumpel, Hampi, Walti und Latschi, und was sie von sich geben, ist so deppert, dass sich die einen vermutlich vor Lachen kugeln werden und andere sagen werden: typische Rheintaler Betonköpfe…
Volkstheater gegen den Populismus
Sein Stück heisst im Untertitel «Ein Volkstheater»; darin steckten gleich mehrere Assoziationen, sagt Heule, der sein Stück auch selber inszeniert: Es müsse «auf der Strasse» funktionieren, als Openair-Produktion im Container. Es soll damit neues Publikum zum Theater bringen. Und schliesslich scheppert auch die «Volkspartei» durch den Untertitel, die im Rheintal politisch das Sagen hat. Populisten seien weltweit auf dem Vormarsch, sagt Heule – dies spiele natürlich mit.
Familienkräche, Hohlköpfe, eine wüste Erbschlägerei oder die mit «Tatort» betitelte Schlussszene, in der eine Familie einen Suizid rekonstruiert und nachspielt: Kann und soll das im Rheintal provozieren? Heule hat es eher mit dem komischen Potential seiner Typen. Er sehe seine Spekulanten insgesamt als Komödie. In der Komik liege aber immer auch ein Erkenntnis- und Befreiungsmoment, sagt Heule. Und das Lustige könne leicht ins Böse kippen.
Philippe Heule: Spekulanten, Premiere 6. September 20 Uhr, Container vor der Lokremise St.Gallen. Weitere Spieldaten und Tournee: theatersg.ch
Was ihn stets begleite beim Schreiben, sei die Lust auf Satire, auf Katastrophen und Dystopien, sagt Heule. In seinem spekulativen Rheintal siegt denn auch – wie überall – nicht das Gute, sondern das Böse. Seine Figuren sind Getriebene, zu kurz oder unter die Räder Gekommene, Versager. Aber der Autor lässt sie damit nicht allein; er sieht sie vielmehr als Opfer einer Gesellschaft, die auf Selbstausbeutung, das Recht des Stärkeren und Profitdenken aufgebaut ist. «Über solche Strukturen und Machtkonstellationen nachzudenken: das interessiert mich», sagt Heule.
Vom Frischfleischwahn
Groteske und schwarzer Humor sind Heules Spezialität auch in anderen Stücken. Direkt nach dem Abschluss der Regieausbildung an der ZHdK in Zürich vor vier Jahren wurde er als Hausautor an das Theater Basel engagiert und realisierte dort unter anderem das Stück Retten, was zu retten ist. Seine Simulanten, gewissermassen die Vorgänger der jetzigen Spekulanten, brachten die Ruhrfestspiele Recklinghausen 2016 zur Uraufführung.
Nachgespielt worden sind Heules Stücke bisher kaum. Ein Grundsatzproblem: «Alle Theater wollen Uraufführungen.» Die Folge dieses «Frischfleischwahns» sei, dass auf Teufel komm raus Neues produziert werde, statt Stücke länger und an verschiedenen Orten zu spielen. Die Theater seien damit ein Spiegel der Konsumgesellschaft – mit der Nuance, dass sie die Maschinerie, die sie bedienen, zugleich in vielen ihrer Stücke kritisieren.
Heule war in St.Gallen schon einmal, mit einem allerdings eher flachen Kurzstück über Roger Federer in Das Schweigen der Schweiz, zu sehen. Als freischaffender Autor und Regisseur ist er zudem mit einem eigenen Theaterkollektiv unterwegs: Helium X hat unter anderem in einem satirischen Reenactment die Schlacht von St.Jakob an der Birs im Basler Rankhof-Stadion nachgespielt.
Was ihn dort interessierte – die Rekonstruktion und Konstruktion von Geschichte –, blitzt im jetzigen Rheintal-Stück nur noch am Rand durch, im einleitenden Kommentar aus dem Off. Dieser erinnert im Zeitraffer an die Besiedlungsgeschichte des Rheintals und die «unter Aufwendung enormer Kräfte» geglückte Begradigung des Rheins. Dann heisst es: «Die neu gewonnene Sicherheit brachte eine gewisse Monotonie mit sich. Doch der Schein trügt. Unterirdisch und im Verborgenen spielen sich seitdem verhängnisvolle Kettenreaktionen ab.»
Zu sehen sind die «Kettenreaktionen» ab Donnerstag im Container, zuerst in St.Gallen, danach auf Tournee in Rorschach, St.Margrethen, Heerbrugg, Altstätten, Buchs und Chur.
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