Stoff für einen Roman oder einen Mehrteiler auf SRF: Wer sich mit Elise Honegger (1839–1912) beschäftigt, denkt das bald einmal, und immer wieder. Vorerst erinnert an sie und an viele andere herausragende Ostschweizer Frauen die Ausstellung «Klug und kühn – Frauen schreiben Geschichte». Die für den 7. Februar geplante Eröffnung im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen ist verschoben auf den 6. März.
«Gedrückte, schlimme Lage»
Über Honeggers ersten 28 Lebensjahre ist nur wenig bekannt. Ihr Vater war Weinhändler und starb früh. Sie ging in St.Gallen in die Primarschule. Später pflegte sie vier Jahre einen kranken Bruder und besuchte Verwandte in den USA. Mit 28 Jahren heiratete sie den Glarner Buchdrucker Mathias Egger. Sie gebar nicht nur sieben Kinder, sondern fand über ihren Mann auch in den Journalismus. So redigierte sie etwa die Frauenbeilage des «Republikaners», einer kleinen politischen Zeitung, die ihr Mann 1878 in Küsnacht lancierte.
Geschäftstüchtig war Egger allerdings nicht. So ging denn auch der «Republikaner» schon 1879 wieder ein, und in den Archiven und Bibliotheken ist offenbar kein einziges Exemplar erhalten geblieben. Elise Honegger liess sich scheiden, zog mit den sieben Kindern nach St.Gallen und gründete hier eine eigene Zeitung: die «Schweizer Frauen-Zeitung».
Klick zum Vergrössern. (Bild: Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz)
In der Erstausgabe vom 5. Juli 1879 schrieb sie: «Die gedrückte, schlimme Lage des Frauengeschlechtes ist hauptsächlich bedingt: 1) von kleinlicher, unrichtiger Lebensauffassung der Frauen selbst; 2) vom ökonomischen Mangel; 3) von Charakterlosigkeit, Selbstsucht und Inkonsequenz der Männer; 4) von mangelhaften Gesetzen für den Rechtsschutz des weiblichen Geschlechtes. Diesen letzteren Übelstand zu beseitigen, unser Selbstbestimmungsrecht durch Gesetze zu wahren, die Willkür von Staat, Ehemännern und Vormündern dem Frauengeschlecht gegenüber zu beschränken – das ist der richtige Boden, auf welchem die Freunde der Frauen-Frage mit Erfolg für uns arbeiten können. Alles Übrige muss durch uns und aus uns selbst geschehen.»
Ein riesiges Arbeitspensum
Honeggers Frauenblatt war wesentlich erfolgreicher als der «Republikaner» ihres damaligen Mannes: Die Auflage wuchs und wuchs. Honegger war Verlegerin und verantwortliche Redakteurin. Nicht selten schrieb sie eine Nummer im Alleingang – von der ersten bis zur letzten Zeile. Daneben zog sie ihre drei Mädchen und vier Buben gross.
Elise Honegger ist eine von 84 Frauen, die ab 6. März in der Ausstellung «Klug und kühn» im Historischen und Volkerkundemuseum St.Gallen und ab 27. Oktober im Stadtmuseum Rapperswil-Jona portraitiert wird.
hvmsg.ch
Damit nicht genug: 1883 war sie Mitgründerin des Frauenverbandes St.Gallen und bis 1887 auch dessen Präsidentin. Der Verband setzte sich das Ziel, «die allgemeinen Interessen der schweizerischen Frauenwelt fördern zu helfen und die vielfach brachliegende weibliche Tatkraft der Frauen in gesunde Bahnen zu lenken». Er richtete zum Beispiel eine unentgeltliche Frauenklinikein, beteiligte sich an einem Erholungsheim für Frauen und organisierte Flick- und Kleidermach-Kurse. Parallel dazu initiierte Elise Honegger die Gründung des Schweizer Frauenverbands und wurde 1885 zur ersten Präsidentin. Schon 1886 trat sie aber wieder zurück, wegen Konflikten im Vorstand.
Mit ihrer Zeitung, mit der sie die Leserinnen stets auch über die Anliegen der Frauenbewegungen im In- und Ausland informierte, blieb sie weiter auf Kurs. 1911, mit 72 Jahren, verkaufte sie das Blatt schliesslich an den Ringier-Verlag in Zofingen, blieb aber weiter als Redaktorin tätig. Sie sei «arbeitshungriger denn je», meinte sie.
Elise Honegger (1839-1912)
Die Gesundheit machte ihr aber seit längerem Probleme, vor allem als Folge ihrer Lebensweise, wie die «Schweizer Frauen-Zeitung» bei ihrem Tod schrieb: zu wenig Bewegung, Ruhe und Schlaf. Dazu kam eine Art Abgehängt-Werden. «Es ist möglich, dass Frau Honegger im Älterwerden die Fühlung mit der jungen, nachdrängenden Welt in der Abgeschiedenheit ihres Schreibstübchens etwas verlor», heisst es im selben Nachruf.
Ziel: Die «professionelle» Hausfrau
Eine solche Frau schrieb ein feministisches Kampfblatt? Nein, Elise Honegger spielte mit ihrer Zeitung auf einem anderen Feld. Sie war eine Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung und wollte mit ihrer Zeitung auch Gewinn machen, was ihr gut gelang: Die «Schweizer Frauen-Zeitung» war eine der ersten kommerziell erfolgreichen Frauenzeitschriften! Elise Honegger konnte sich ein Dienstmädchen und schon 1909 einen Telefonanschluss leisten.
Die herrschenden Verhältnisse stellte sie in ihrer Zeitung nicht in Frage. Sie ging von einem grundsätzlichen Dualismus der Geschlechter aus: Die wichtigste Aufgabe der Frauen war es Honeggers Ansicht nach, Mütter und Erzieherinnen zu sein. Wurden sie von den Männern ausgebeutet oder unterdrückt, war das letztlich ihre eigene Schuld – sie hatten in ihrer Erziehungsaufgabe versagt. Diese Denkweise gehörte aber letztlich auch zum Zeitgeist, den Honegger bedienen musste, um wirtschaftlich zu bleiben.
Die «Schweizer Frauen-Zeitung» war entsprechend bemüht, ihre Leserinnen zu guten und sparsamen, heute würde man sagen: «professionellen» Hausfrauen zu machen. In der Zeitung wimmelte es von Handarbeits-Anleitungen, Kochrezepten, Tipps für Wäsche-, Gesundheits- oder Geschirrpflege und Kindererziehung.
Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen hat zur Ausstellung «Klug und kühn» ein Dossier zur Frauengeschichte erstellt, in dem auch Elise Honegger zu Wort kommt.
hvmsg.ch/museumhome.php
Für die Historikerin Barbara Marti entsprach dieses Bild der Hausfrau den männlich-kapitalistischen Interessen: «Es erlaubte die Diskriminierung weiblicher Erwerbsarbeit und das Fernhalten der Frauen vom Arbeitsmarkt. Weil die Frauen unbezahlte Hausarbeit leisteten, konnten die Unternehmer die Löhne der Arbeiter niedrig halten und das Kapital akkumulieren. Und die Ehemänner mussten am Arbeitsplatz die weibliche Konkurrenz weniger fürchten und konnten sich zu Hause bedienen lassen.»
Gütertrennung und bessere Bildung
Elise Honegger stellte aber auch kritische Fragen, setzte deutliche Fragezeichen. Dazu führten sie nur schon die eigenen Erfahrungen als Ehefrau eines bankrotten Druckers, Geschäftsfrau und alleinerziehende Mutter von sieben Kindern. Gerade diese Erfahrungen schärften ihren Blick dafür, was für die Frauen schieflief – rechtlich, beruflich, sozial oder in Sachen Bildung.
«Sie ging dabei grundsätzlich von der Männerposition aus, setzte sich aber kritisch damit auseinander und hinterfragte die Argumentation der Männer mit dem ‹schlichten Frauenverstand›», schreibt Barbara Marti. So forderte Elise Honegger zum Beispiel Gütertrennung im Eherecht, bessere Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und den Zugang der Frauen zu Männerberufen.
In der Ausgabe vom 26. September 1885 fragte sie im Zusammenhang mit der Debatte um Beschäftigung von Frauen bei der Post: «Ist es ausschliessliches und unveräusserliches Männerrecht, zu kochen, zu waschen, Damen zu frisieren, Frauen und Kinder ärztlich zu behandeln und als Geburtshelfer zu fungieren? (…) Und mit welchem Recht massen es sich schliesslich die Männer an, das Nerven-, Seelen- und Empfindungsleben des Weibes zu beurteilen und über Taten zu Gericht zu sitzen, die von ganz speziell weiblichen Ursachen hervorgerufen werden? (…) Nein, im Kleinen wie im Grossen haben die Männer weitaus mehr weibliches Arbeitsgebiet besetzt als umgekehrt.»
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
Treueprobe, Verkleidungsspuk, Partner:innentausch: Così fan tutte scheint definitiv von vorgestern. Trotzdem lohnt sich Mozarts Oper auch jetzt wieder am Theater St.Gallen. Am Samstag war Premiere.
Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zeigt seit dem 26. April die aktuelle Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit». Mitgestaltet von Menschen aus der Region untersucht sie, wie Teilhabe in Museen künftig aussehen kann.
St.Gallen verliert das Spiel gegen Sion und macht so Thun zum Meister. Doch in St.Gallen denken längst alle an den anderen Titel, der dann in drei Wochen vergeben wird. Das Spiel gegen Sion zum Nachlesen gibt es trotzdem im SENF-Ticker.
Filmfestival in Frauenfeld
Buch zur Migration in die Ostschweiz
In diesem Jahr feiert St.Gallen den 1100. Todestag Wiboradas. Obwohl die Inklusin einen grossen Einfluss auf die Stadt hatte, ist sie den wenigsten ein Begriff. Das soll sich ändern. Wie dies gelingen soll und welche Bedeutung Wiborada heute noch hat, erzählen Jolanda Schärli und Hildegard Aepli vom Verein Wiborada-Jubiläum 2026 sowie Karin K. Bühler von der feministischen Bibliothek Wyborada im Gespräch mit Saiten.
Doppeltes Jubiläum: Im Mai jährt sich das Martyrium der St.Galler Stadtheiligen Wiborada zum 1100. Mal. Und der Verein Wyborada, der 1987 die gleichnamige feministische Bibliothek eröffnete, feiert sein 40-Jahr-Jubiläum. Ausserdem im Mai-Heft: Das Gespräch zwischen Florian Vetsch und dem St.Galler Autor Christoph Keller über dessen neuen Roman.
Abbau von über 46 Vollzeitstellen in der Verwaltung, Schliessung des Volksbades, zusätzliche Blitzer für die Stadtpolizei: Mit solchen Massnahmen will die St.Galler Stadtregierung bis 2029 das jährliche Loch in der Stadtkasse um 17,1 Millionen Franken reduzieren.
Die Ostschweizer Band Team Negroni hat eine Vinyl-Platte mit Coversongs herausgebracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gallischen Grabenhalle getauft.
Pure Zeitverschwendung oder endlich mal eine Pause im durchgetakteten Rhythmus der Tage? Drei Performer:innen nähern sich dem Phänomen des Wartens künstlerisch-wissenschaftlich an.
Das Kollektiv Dance Me to the End setzt sich für die Sichtbarkeit von Altern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai präsentiert es zwei verschiedene Tanzstücke in der St.Galler Lokremise. Saiten hat mit drei Kollektivmitgliedern gesprochen.
Pankraz Vorster war der letzte Fürstabt von St.Gallen. Sein Tagebuch liefert wertvolle Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Das Stiftsarchiv St.Gallen hat die Handschrift als Edition veröffentlicht und vergangenen Mittwoch einen Einblick gegeben.
In ihren Songs verarbeitet die Winterthurer Band Anger Mgmt. die psychischen Probleme ihres Sängers. Heute erscheint ihr zweites Album, das erneut in die inneren Abgründe führt. Es ist ein dunkler Monolith – mit einem Lichtblick am Schluss.