Draussen im Schaufenster an der Lämmlisbrunnenstrasse sitzt eine Figur, in die Ecke gedrückt, notdürftig in eine glänzende Heizjacke eingehüllt, zitternd. Darüber der Titel der Ausstellung: «Vulnerable species». Kathrin Rieser oder, mit ihrem Künstlerinnennamen, eruk t. soñschein, ist in Sorge und Wut darüber, wie Europa die Grenzen dicht macht gegenüber den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. «Wir müssen etwas tun – jetzt», sagt sie.
Dattelkern-People und Flüchtlingsboot
Die Ausstellung im Projektraum 4 ½ tut etwas. An einem «Solidaritätskiosk» kann man «SeewächterInnen-Tee» (aus selbst angebauten Kräutern) und kleine baumelnde Figürchen erwerben: «Dattelkern-People» nennt sie die Künstlerin. Die Dattelkerne sind bemalt und bilden einen stilisierten Körper, der zwei kleine Ärmchen aus Draht von sich streckt.
Nöd vergässe (2019)
Daneben an der Wand eine verschlossene Kiste. Öffnet man sie, rattert ein Motorengeräusch los, ein Flüchtlingsboot taucht auf, überfüllt mit Menschlein, schwankend an Drähten. Darüber im Kistendeckel der Schriftzug «hope». Nöd vergässe heisst das Werk, man kann es für einen Solidaritätspreis erwerben oder ausleihen, um es öffentlich auszustellen. Der Erlös geht wie jener aus dem Kiosk vollumfänglich an Sea-Watch.
«Mir geht es darum, auf die Tragödie der Bootflüchtlinge aufmerksam zu machen», sagt Kathrin Rieser. Das Flüchtlingsboot stammt von 2019 – das Thema treibt die Künstlerin aber schon lange um. 12 Jahre älter (und unverkäuflich) ist die Installation Nein zum bösen Asylgesetz: In einem engen Kasten baumelt ein Mensch, von unten schnappt ein Krokodil nach ihm, die Mechanik verhindert nur ganz knapp, dass es ihn erwischt.
«Vulnerable species», bis 3. Mai, jeweils Sa/So 14-19 Uhr, Projektraum 4 1/2, Lämmlisbrunnenstrasse St.Gallen
eruksonschein.blogspot.com
So verletzlich wie der Mensch, dessen Schicksal buchstäblich an einem Faden hängt, wirken viele Figuren im fantasievollen Kosmos von eruk t. soñschein. Sie sind aus gefundenen Materialien aller Art oder aus Fimo geformt, einem Bastelmaterial, das geknetet und dann gebacken wird. Und immer ist Bewegung im Spiel. Das alte Futteral eines Kamera-Objektivs birgt eine schlafende Figur, wenn man den Deckel öffnet (Augenklappe heisst das Werk augenzwinkernd). Ein Stiefel wird zum Fenster, aus dem zwei übergrosse Hände «bye-bye» winken.
Bye-bye (2015)
Ein alter Stromzähler, Zigischächtelchen und Kästchen aller Art werden zu Behausungen umfunktioniert. Auf Knopfdruck setzen kleine Motoren die Skulpturen in Gang. In einer rostigen Laterne wohnt eine Laternenwächterin, aus anderen Kistchen grüssen ein Don Quichote, eine Spiegelfee oder der Marionettiste.
Im Eingangssaal sind die Grossfiguren am Werk, jene unverkäuflichen Skulpturen, die eruk t. soñschein «mein Team» nennt: die Näherin, die Sekretärin, der Schwan, der vergeblich nach Brot schnappt in der alten Brotkiste, oder das wunderliche Fohlen.
Audelia Mirgelstein, Näherin (2011).
Viele der Figuren strahlen eine zerbrechliche Heiterkeit aus, sie schauen unter langen Augenwimpern in die Welt, erzählen vom Hampeln und vom Sich-Freistrampeln, von der Bedürftigkeit und vom Lächeln, von der fragilen Grossartigkeit der «condition humaine». Und manche sind zum Verzweifeln, wie die schlotternde Figur in der grünstrahlenden Kiste, für die es keine Wärme gibt trotz dem trotzigen Titel Don’t be afraid.
Don’t be afraid (2013)
Ein Appell an den Stadtpräsidenten
Das ist man wieder bei Kathrin Riesers Kernthema: dem Einsatz für die, die unter die Räder des Systems kommen. Für sie hat sie parallel zur Ausstellung jetzt den offenen Brief an den Stadtpräsidenten verfasst. Sie erinnert darin an das Schiff «Alan Kurdi» der deutschen Hilfsorganisation Sea-Eye, das mit 63 Menschen an Bord an keinem italienischen Hafen anlegen darf. (Mehr dazu hier oder hier). Benannt ist das Schiff nach dem ertrunkenen Bub, dessen Leiche 2015 an der türkischen Mittelmeerküste angeschwemmt wurde.
«Die Versorgungslage auf dem Schiff spitzt sich zu», schreibt Kathrin Rieser in ihrem auf Facebook publizierten Brief. «Die Menschen an Bord berichteten von Verbrechen in Libyen, denen sie zum Opfer gefallen sind. Die Menschen tragen seit Wochen dieselbe Kleidung und leiden unter psychischem Belastungsstress.» Und all dies geschehe «im Namen Europas».
Daher ihr Appell: «Es braucht eine Stadt, die sich für die Aufnahme der Geflüchteten, den Schutz und der Wahrung der Rechte dieser Menschen einsetzt. St.Gallen kann das.»
Der Brief schliesst hoffnungsvoll: «Die Frage ist doch die: was sollen wir später erzählen, wenn jemand fragt, was da passiert ist, mit diesen Menschen, die Hilfe gebraucht hätten und sie nicht bekommen haben und was wir dagegen unternommen haben? Möchten wir dann nicht stolz sein, darauf, dass wir eine Lösung gesucht und gefunden haben und unsere Herzen geöffnet haben und gesagt haben, ja, es gibt bestimmt eine Möglichkeit!!»
Hier der vollständige Brief an den Stadtpräsidenten auf Facebook.
Dass Städte-Solidarität möglich ist, beweisen zurzeit Dutzende von deutschen Städten: Sie haben sich als «sichere Häfen» deklariert und sind bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Darunter ist auch die Stadt Konstanz, wie Infosperber berichtet.
Unterstützung für die Retterinnen und Retter im Mittelmeer gibt es auch von der Paul Grüninger Stiftung: Sie verleiht ihren diesjährigen Hauptpreis der Crew des Rettungsschiffs Iuventa, die wegen «Beihilfe zur illegalen Einwanderung» in Italien angeklagt werden sollen. Hier der Beitrag.
Das Fohlen.
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