Kategorie
Autor:innen
Jahr

Kunst für Bootsflüchtlinge

Kathrin Rieser handelt. Ihre Ausstellung «Vulnerable species» im St.Galler Projektraum 4 ½ erinnert an das Leid der auf dem Mittelmeer treibenden Flüchtlinge. Und sie hat einen Brief an den Stadtpräsidenten geschrieben: St.Gallen soll die Flüchtlinge aufnehmen.
Von  Peter Surber

Draussen im Schaufenster an der Lämmlisbrunnenstrasse sitzt eine Figur, in die Ecke gedrückt, notdürftig in eine glänzende Heizjacke eingehüllt, zitternd. Darüber der Titel der Ausstellung: «Vulnerable species». Kathrin Rieser oder, mit ihrem Künstlerinnennamen, eruk t. soñschein, ist in Sorge und Wut darüber, wie Europa die Grenzen dicht macht gegenüber den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. «Wir müssen etwas tun – jetzt», sagt sie.

Dattelkern-People und Flüchtlingsboot

Die Ausstellung im Projektraum 4 ½ tut etwas. An einem «Solidaritätskiosk» kann man «SeewächterInnen-Tee» (aus selbst angebauten Kräutern) und kleine baumelnde Figürchen erwerben: «Dattelkern-People» nennt sie die Künstlerin. Die Dattelkerne sind bemalt und bilden einen stilisierten Körper, der zwei kleine Ärmchen aus Draht von sich streckt.

Nöd vergässe (2019)

Daneben an der Wand eine verschlossene Kiste. Öffnet man sie, rattert ein Motorengeräusch los, ein Flüchtlingsboot taucht auf, überfüllt mit Menschlein, schwankend an Drähten. Darüber im Kistendeckel der Schriftzug «hope». Nöd vergässe heisst das Werk, man kann es für einen Solidaritätspreis erwerben oder ausleihen, um es öffentlich auszustellen. Der Erlös geht wie jener aus dem Kiosk vollumfänglich an Sea-Watch.

«Mir geht es darum, auf die Tragödie der Bootflüchtlinge aufmerksam zu machen», sagt Kathrin Rieser. Das Flüchtlingsboot stammt von 2019 – das Thema treibt die Künstlerin aber schon lange um. 12 Jahre älter (und unverkäuflich) ist die Installation Nein zum bösen Asylgesetz: In einem engen Kasten baumelt ein Mensch, von unten schnappt ein Krokodil nach ihm, die Mechanik verhindert nur ganz knapp, dass es ihn erwischt.

«Vulnerable species», bis 3. Mai, jeweils Sa/So 14-19 Uhr,
Projektraum 4 1/2, Lämmlisbrunnenstrasse St.Gallen

eruksonschein.blogspot.com

So verletzlich wie der Mensch, dessen Schicksal buchstäblich an einem Faden hängt, wirken viele Figuren im fantasievollen Kosmos von eruk t. soñschein. Sie sind aus gefundenen Materialien aller Art oder aus Fimo geformt, einem Bastelmaterial, das geknetet und dann gebacken wird. Und immer ist Bewegung im Spiel. Das alte Futteral eines Kamera-Objektivs birgt eine schlafende Figur, wenn man den Deckel öffnet (Augenklappe heisst das Werk augenzwinkernd). Ein Stiefel wird zum Fenster, aus dem zwei übergrosse Hände «bye-bye» winken.

Bye-bye (2015)

Ein alter Stromzähler, Zigischächtelchen und Kästchen aller Art werden zu Behausungen umfunktioniert. Auf Knopfdruck setzen kleine Motoren die Skulpturen in Gang. In einer rostigen Laterne wohnt eine Laternenwächterin, aus anderen Kistchen grüssen ein Don Quichote, eine Spiegelfee oder der Marionettiste.

Im Eingangssaal sind die Grossfiguren am Werk, jene unverkäuflichen Skulpturen, die eruk t. soñschein «mein Team» nennt: die Näherin, die Sekretärin, der Schwan, der vergeblich nach Brot schnappt in der alten Brotkiste, oder das wunderliche Fohlen.

Audelia Mirgelstein, Näherin (2011).

Viele der Figuren strahlen eine zerbrechliche Heiterkeit aus, sie schauen unter langen Augenwimpern in die Welt, erzählen vom Hampeln und vom Sich-Freistrampeln, von der Bedürftigkeit und vom Lächeln, von der fragilen Grossartigkeit der «condition humaine». Und manche sind zum Verzweifeln, wie die schlotternde Figur in der grünstrahlenden Kiste, für die es keine Wärme gibt trotz dem trotzigen Titel Don’t be afraid.

Don’t be afraid (2013)

Ein Appell an den Stadtpräsidenten

Das ist man wieder bei Kathrin Riesers Kernthema: dem Einsatz für die, die unter die Räder des Systems kommen. Für sie hat sie parallel zur Ausstellung jetzt den offenen Brief an den Stadtpräsidenten verfasst. Sie erinnert darin an das Schiff «Alan Kurdi» der deutschen Hilfsorganisation Sea-Eye, das mit 63 Menschen an Bord an keinem italienischen Hafen anlegen darf. (Mehr dazu hier oder hier). Benannt ist das Schiff nach dem ertrunkenen Bub, dessen Leiche 2015 an der türkischen Mittelmeerküste angeschwemmt wurde.

«Die Versorgungslage auf dem Schiff spitzt sich zu», schreibt Kathrin Rieser in ihrem auf Facebook publizierten Brief. «Die Menschen an Bord berichteten von Verbrechen in Libyen, denen sie zum Opfer gefallen sind. Die Menschen tragen seit Wochen dieselbe Kleidung und leiden unter psychischem Belastungsstress.» Und all dies geschehe «im Namen Europas».

Daher ihr Appell: «Es braucht eine Stadt, die sich für die Aufnahme der Geflüchteten, den Schutz und der Wahrung der Rechte dieser Menschen einsetzt. St.Gallen kann das.»

Der Brief schliesst hoffnungsvoll: «Die Frage ist doch die: was sollen wir später erzählen, wenn jemand fragt, was da passiert ist, mit diesen Menschen, die Hilfe gebraucht hätten und sie nicht bekommen haben und was wir dagegen unternommen haben? Möchten wir dann nicht stolz sein, darauf, dass wir eine Lösung gesucht und gefunden haben und unsere Herzen geöffnet haben und gesagt haben, ja, es gibt bestimmt eine Möglichkeit!!»

Hier der vollständige Brief an den Stadtpräsidenten auf Facebook.

Dass Städte-Solidarität möglich ist, beweisen zurzeit Dutzende von deutschen Städten: Sie haben sich als «sichere Häfen» deklariert und sind bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Darunter ist auch die Stadt Konstanz, wie Infosperber berichtet.

Unterstützung für die Retterinnen und Retter im Mittelmeer gibt es auch von der Paul Grüninger Stiftung: Sie verleiht ihren diesjährigen Hauptpreis der Crew des Rettungsschiffs Iuventa, die wegen «Beihilfe zur illegalen Einwanderung» in Italien angeklagt werden sollen. Hier der Beitrag.

Das Fohlen.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach