In der Arena ist die Fankurve hoch und schmal. Sie lichtet sich auf den Seiten, bevor sie das tun sollte. Flankiert wird sie vom Familycorner und von günstigen Sitzplatzzonen. Einige sind sich dort zu fein, um knapp zwei Stunden zu stehen, weigern sich aber, allzu tief in die Tasche zu greifen. Gelegenheitszuschauer. Und wenns mol gar nöd lauft, gohni nöd an Match. Sie sind die Geheimratsecken des Espenblocks. Es dürfte voller sein dort. Doch seit Jahren wird es leerer.
Der Sektor Grün im Espenmoos war da anders. Flacher, aber eben auch breiter. Wie eine Welle, die bedrohlich grösser und grösser wurde. Sie trug das Schiff des FC St.Gallen hoch und runter. Dann und wann musste man befürchten, dass dieses mittlerweile etwas rostige Ding – Baujahr 1879 – kippen würde und untergehen könnte. Doch diese breite Welle trug das Schiff auch durch unruhigste Gewässer. Sie rauschte zufrieden vor sich hin, wenn Grün-Weiss siegte oder man sich wegen zu starken Kontrahenten einfach selbst genügte. Sie brach laut in sich zusammen und begrub Zürcher, Basler oder Luzerner unter sich, wenn eine Begegnung auf der Kippe stand. Tausende brüllten ins Schiffshorn. Es waren Augenblicke, in denen das Schiff kein Fremdkörper auf dieser Welle war, sondern mit ihr verschmolz.
In der Arena steht man auf Beton. Beton ist unbeweglich, kalt und leise. Wie der Schwarm in der Primarschule, der sämtliche Versuche abprallen lässt. Beton ist kein empathisches Material, er reagiert nicht, geht nicht auf dich ein. Du schreist ihn an und – keine Antwort. Du schlägst auf ihn ein und – keine Regung.
Der Sektor Grün im Espenmoos war spärlich bekleidet. Etwas Blech an der Decke und im Rücken, mehr nicht. Doch dieses Blech bewegte sich rhythmisch zum St. Galler Anhang. Bei Gegentoren oder vergebenen Grosschancen bekam es wütende Tritte und schrie laut zurück. Und wenn sich die gesamte Kurve in einen lauten Chor verwandelte, verteilte das Blech die Klänge nach draussen. Wie ein Verstärker, dessen subtiles Vibrieren die zu fordernden Tonlagen elegant untergehen liess. Die blecherne Ummantelung multiplizierte im Sommer die Hitze und machte das (Bier-)Trinken zur Notwendigkeit. Im Winter verweigerte sie klimatische Hilfestellung, man rückte zusammen. Im Rücken und über dem Kopf Blech, unter den Füssen Holz.
Holz atmet, Holz arbeitet. Je nach Temperatur zieht es sich zusammen oder verschafft sich Platz. Holz erzählt Geschichten. An gewissen Stellen ist es heller, an anderen dunkler. Es ist uneben, rau und weich. Und wenn man gut sucht, findet man Punkte oder Kreise, die erahnen lassen, was dieses Holz schon alles erlebt hat. Wie viele Jahre. Wie viele Saisons. Holz ist wie ein Schwamm. Es saugt auf. Regen, Bier, Bratwurst und Zigarettenduft. Emotionen. Holz atmet. Ein und aus. Regen, Bier, Bratwurst, Zigarettenrauch. Holz ist wie ein weisses Blatt, das man bemalen kann mit allen Farben. Jahrzehntelang pinselten St. Galler und St. Gallerinnen auf diesem weissen Blatt herum. Nicht abgesprochen, nicht geplant, dennoch an einem gemeinsamen Werk.
Sein erstes Spiel im Sektor Grün war im Juli 2006, Heimspiel gegen den Grasshopper Club an einem lauen Samstagabend. Die Partie endete null zu null. Sein Zwillingsbruder musste kotzen. Nicht des Spiels wegen. Holz atmet eben – ein, aber auch aus. Regen, Bier, Bratwurst und Zigarettenrauch. Eine zu anspruchsvolle Geruchsmelange für den Magen seines Bruders. Spätestens seit Juli 2006 atmete das Espenmoos auch Erbrochenes aus.
Das Espenmoos war immer unvollendet, irgendwie improvisiert. Unvollendet, weil die Tribünen erst nach und nach entstanden und umgebaut wurden. Sie gaben kein stimmiges Bild ab. Und vielleicht ist gerade das scheinbar Unpassende der Ursprung dieser grossen Welle Sektor Grün. Vielleicht waren es mehrere Strömungen, warme (grün-weiss) und kalte (rot-blau oder blau-weiss), tiefe und hohe, die schlussendlich anwuchsen zu einer grossen, für Gäste gefährlichen Welle.
Der Improvisation wohnt ja immer ein wenig die unausgesprochene Hoffnung inne, dass da vielleicht noch mehr kommt. Dass da etwas möglich wäre. Improvisation ist ein Schwebezustand. In St.Gallen war das nicht so. Das Espenmoos fühlte sich auch so richtig an. Die abgerundete Haupttribüne, dessen Eleganz man immer einem spanisch-schweizerischen Architekten unterstellte. Doch Calatravas Wirken in St.Gallen drang nicht bis ins Heiligkreuz vor.
Oft war man mit elftausendzweihundertneunundneunzig Anderen da. Dicht gedrängt standen sie nebeneinander. Von den wenigen Sitzschalen blieb selten eine leer. Jeder hatte das tröstende Gefühl, dass ganz St.Gallen hier war. Und die wenigen, die kein Ticket hatten, würden das Geschehen sicher im Radio oder auf der Teletextseite Nummer zweihundertzwei verfolgen.
Eines Abends durfte er nicht ans Spiel gehen. Es war ein Dienstag und seine Mutter mahnte, er hätte morgen Schule. Und da er mit seinen Noten stets nah am schulischen Abgrund balancierte, argumentierte sie entwaffnend. Dass er gegen neunzehn Uhr nicht an der Heiligkreuzstrasse ausstieg, die Strasse runterlief, vorbei am Restaurant Espenmoos und an der geschwungenen Haupttribüne, dann links abbog, über gefrorenen Kies schritt, das tat weh. Dieses Ziehen im Bauch, das man bei Liebeskummer fühlt, konnte auch ein aufgewühlter James Wehrli am Mikrofon von Radio aktuell nicht lindern. Alle waren da. Ganz St.Gallen. Und sie sahen einen rauschhaften FCSG. Jürgen Gjasula setzte mittels Freistosstor einen furiosen Schlusspunkt. St.Gallen fünf, GC drei. Vermutlich hat er in jener Nacht noch Kelly Clarksons «Because of You» gehört. An diesem Dienstag musste er sich eingestehen, dass er sich verliebt hatte. Denn man merkt erst, wie sehr man etwas gern hat, wenn es nicht da ist.
Wollte man zum Espenmoos gelangen, gab es nur zwei Wege. Entweder man kam vom Bahnhof St. Fiden oder man stieg oben bei der Bushaltestelle an der Heiligkreuzstrasse aus. Es gab keine aufwändigen Traversen, keine Parkgaragen oder geräumige Plätze, um dem Trubel auszuweichen. Es gab keine VIP-Eingänge oder Logen, damit man in der Anonymität verschwinden konnte. Nein. Man kam vom Bahnhof St. Fiden oder man kam von der Heiligkreuzstrasse. Man ging zum Fussball.
Wer zum Sektor Grün gelangen wollte, musste ausholen. Vorbei am Restaurant Espenmoos, vorbei an der Haupttribüne. Dann bog man auf einen Kiesweg ab, vorne tauchten Schrebergärten auf, eine Treppe, und dann noch eine. Es wurde lauter, ein Flutlichtmast war sichtbar. Und schliesslich ein langgezogenes Blechdach, dem man unterstellte, dass es vibrieren würde. Aber womöglich war das nur die innere Unruhe, bevor man jemanden trifft, den man liebt.
Die wenigsten gingen in den Sektor Grün. Sie pilgerten. Eine Holzhütte links, einige Meter später ein Ableger der St. Galler Stadtwerke, Gärten, Waldrand, Lärm. Es war, als ob man diese zwei, drei Minuten brauchte, um sich der Grösse des Ereignisses bewusst zu werden. Dass die ganze Stadt da war und Bier verschüttete, Bratwurst ass, Zigaretten qualmte, vielleicht auch mal kotzte.
Ist es nicht denkbar, dass die Faszination Espenmoos auch darauf gründet, dass man beobachtete? Es sind die Geschichten, die Erinnerungen, die einem Ort Leben einhauchen. Man betrachtete das Holz, das die eigenen Füsse trug, unterhielt sich über die Szene vor der Pause und behauptete auf Verdacht, es sei ein klarer Elfmeter gewesen, obwohl die Sichtverhältnisse eine klare Einschätzung des Vorgangs verunmöglichten. Niemand bemühte das Smartphone um Rat. Es war entweder noch nicht erfunden oder das Aufrufen einer aufschlussreichen Internetseite hätte den finanziellen Kollaps bedeutet. So drehte man sich um oder stupste den Nebenmann an, um die Szene mit einem weiteren, ähnlichen Blickwinkel zu beleuchten. Und womöglich ist der Sachverstand des Stadiongängers heute ungewollt ausgeprägter.
Wer im Sektor Grün stand, hatte in den wenigsten Fällen eine uneingeschränkte Sicht auf sämtliche Quadratzentimeter des Spielfelds. Wer unten stand, blickte in farbige Banner und Fahnen, auf den Seiten kannte man die Eckfahnen des anderen Kurvenflügels nur vom Hörensagen. Wer neugierig den Kopf hob, in Erwartung einer Torchance, tat dies nicht aufgrund vielversprechender Laufwege – die sah man kaum –, sondern weil er sich an den Fans hinter dem Tor orientierte.
Mittlerweile thronen die Zuschauer in der Arena auf einer hohen Werbebande. Die Spieler stehen unten, zwei Höhenmeter tiefer. Es fühlt sich an, als wären das verschiedene Welten. Als könnte die Fussballmannschaft nur mühsam auf der Welle Espenblock reiten, die zwei Höhenmeter zu hoch ist. Vielleicht gibt es manchmal Augenblicke, in denen man sich verpasst. In denen diese zwei Meter Differenz ausreichen, dass die Welle nicht auf den Gast zusteuert, sondern übers Spielfeld hinwegschwebt.
Und dann war da ja auch noch die Haupttribüne. Die Haupttribüne des Espenmoos war unverhofft elegant. Und ist das weiterhin. Ein symmetrischer Bogen, der sich über das Feld erstreckt wie die Sonne, die sich am Horizont des Meeres in die vermeintliche Nacht verabschiedet. Wembley hat seinen Bogen, St.Gallen ebenfalls. Auch der Tribünenrücken ist rund. Man kann ihm nicht gerade entlanglaufen, denn er biegt sich. Es ist, als müsste man der Tribüne folgen, wenn man sie umläuft. Ein Ausholen, wie beim Weg in den Sektor Grün damals. Die Wege um dieses Stadion erzählten viel von seinem Charme. Sie waren ungerade, eckig, manchmal voller Kurven. Zuweilen wurde der Fan weggeführt, bevor er doch noch Richtung Lärm lief. Man wollte dieses Stadion erkunden. Diese geschwungene Haupttribüne, die in seiner Feinheit gar nicht zu dieser unkoordinierten Ansammlung von alten Sponsorentafeln, Holz und Blech passen wollte. Es war die Geschichte, die anziehend wirkte. Vielleicht auch der Duft von Regen, Bier, Bratwurst und Zigaretten. Und Erbrochenem.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Ausgabe Nr. 9 des Senf-Magazins. Wötsch au 1 Heft? Do chasch bestelle.
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