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Kunst, die zu den Menschen will

Förderung und Anerkennung für drei Personen aus drei Generationen und drei Sparten: Die St.Gallische Kulturstiftung hat im St.Galler Palace ihre diesjährigen Preise verliehen, an Sebastian Ryser, Harlis Schweizer Hadjidj und Otmar Elsener.
Von  Peter Surber
Sebastian Ryser im Stück «An der Arche um acht» 2021 im Figurentheater St.Gallen.

Wenn man es auf einen Nenner bringen wollte, geht es im Werk aller drei Preisträger:innen um Verlebendigung: um Puppen, die beseelt werden, um Kunst, die möglichst viele erreichen will, und um Geschichte, die in die Gegenwart hineinwirkt.

Mensch und Puppe werden eins

Sebastian Ryser arbeitet an den «Kippmomenten» zwischen Schauspiel und Figurentheater, zwischen Mensch und Puppe. Ryser, Jahrgang 1991, im St.Galler Figurentheater quasi «aufgewachsen», im Erststudium zum Kunsthistoriker und danach an der Berliner Hochschule Ernst Busch zum Puppenspieler und Regisseur ausgebildet, arbeitet zusätzlich auch mit filmischen Mitteln und erweitert damit die Formensprache des Figurentheaters.

Laudatorin Nina Keel erläuterte dies an der Preisfeier vom Mittwochabend am Beispiel zweier Kurzfilme aus der Serie «Puppet Playground»: Mensch und Figur würden darin zusehens ununterscheidbar, Drag-Performer Freda DIN schaffe im Spiel mit Masken und Figuren unheimlich wirkende Momente und lege so das subversive Potential des Puppenspiels frei.

Darüberhinaus stelle die Figur der «Harlequeen» Genderzuschreibungen in Frage. Geschlecht wird konstruiert und dekonstruiert – ebenso wie die Figuren selber beseelt, verlebendigt und unversehens wieder fallengelassen werden.

In St.Gallen waren bisher eine Reihe von Arbeiten von Sebastian Ryser zu sehen, darunter Produktionen der freien Theatergruppe Eoboff, das tiefgründige Stück Ente, Tod und Tulpe 2014 im Figurentheater oder, ebenfalls dort 2021, seine Adaption des Romeo und Julia-Stoffs.

Dem Puppenspiel, das Erwachsene wie Kinder sowieso schon in «helles Erstaunen» setzen könne, eröffneten sich mit dem Medium Film noch einmal neue Perspektiven, sagt Ryser: Die Kamera erlaube es, näher und intimer an eine Figur heranzugehen als beim fixen Bühnenblick – und dadurch das Publikum als Komplizen noch unmittelbarer ins Spiel hineinzuziehen.

Malen und vernetzen

Menschen und Landschaften stehen im Werk der Malerin Harlis Schweizer Hadjidj (*1971) im Zentrum. Laudatorin Claudia Reeb würdigte zum einen die malerische Kraft, die starke Formensprache und das expressive Kolorit in den Bildern der in Gais und St.Gallen arbeitenden Künstlerin – etwa in der Bilderserie «Limelight» von 2016, wo sie Fotografien einer Reise nach Süden in Ölbilder umsetzt und dabei den Blick für unspektakuläre Alltagssituationen schärft.

Harlis Schweizer Hadjidj: Ohne Titel, 2016.

Darüberhinaus setze sich Harlis Schweizer als Vernetzerin und Vermittlerin dafür ein, Kunst möglichst niederschwellig auch an kunstferne Orte und zu einem weniger kunstaffinen Publikum zu bringen. Beispielhaft dafür sind die Ausstellungen des Kollektivs «Streunender Hund» oder das Projekt «Passage», wo die Künstlerin wildfremde Passant:innen in Bühler porträtierte und die Bilder an Fassaden im Dorfzentrum anbrachte.

Ganz nah zu den Menschen, ohne sie selber zu zeigen, führt die Bildserie «New Work», die Harlis Schweizer 2019 als Auftragswerk realisierte: Sie porträtierte die Arbeitsplätze von Angestellten der kantonalen Verwaltung, wie hier beim Fahndungs- und Ermittlungsdienst in Oberbüren:

Eine vortreffliche Beobachtungsgabe zeichne die Preisträgerin aus, ebenso eine starke eigene Bildsprache und ihr soziales Engagement, begründet die Kulturstiftung ihren Anerkennungspreis für Harlies Schweizer. Dass dazu auch Humor gehört, zeigt etwa das Bild Harlis im MoMa: Kurzerhand plaziert sie ihre eigenen Bilder im renommierten Kunsttempel – und liefert so einen selbstironischen Kommentar zum Kunstbetrieb.

Harlis Schweizer Hadjidj: Harlis im MoMa, 2017.

Kleine Stadt, grosse Welt

Als «unermüdliche Arbeit mit den Erinnerungen» charakterisierte Stiftungspräsidentin Barbara Schlumpf das Werk von Otmar Elsener. Der Rorschacher mit Jahrgang 1934 hat sich nach seiner Pensionierung als Lokalhistoriker einen glänzenden Namen geschaffen. Zwei Bände mit Geschichten aus der Geschichte Rorschachs sind im Appenzeller Verlag erscheinen, ein weiteres Buch widmet sich Schloss Wartegg, hinzu kommen diverse Publikationen im Rorschacher «Heft» und anderes mehr.

Im Gespräch mit Stiftungsrat Thomas Birri erzählte Elsener von seiner Recherchetätigkeit, die mit dem Blick ins eigene Familienarchiv anfing – unter anderem mit dem Bild des Sprötzewagens, den sein Vater in den 1920er-Jahren kutschierte. Später kamen Industriegeschichten hinzu wie jene der Konservenfabrik Roco, aber auch Funde wie der Brief einer Rorschacher Mädchenklasse 1942 an den Bundesrat: Die Schülerinnen kritisierten darin die unmenschliche Schweizer Flüchtlingspolitik, der Bundesrat schaltete die Bundesanwaltschaft ein, es kam beinah zu einer Staatskrise – Elsener ist es zu verdanken, dass das Schreiben von damals 2004 wieder an die Öffentlichkeit kam, international beachtet wurde und seither mehrfach in Theaterstücken aufgearbeitet wurde, zuletzt vor wenigen Wochen an der PHSG.

Otmar Elsener vor dem Rorschacher Kornhaus, 2017. (Bild: Su.)

Erinnerungen seien ein Kulturgut, das es zu bewahren gelte, mahnte Otmar Elsener im Palace. Ihm gehe es um Themen, die Rorschach betreffen – die aber darüberhinaus exemplarisch sind auch für andere Regionen. Mit seinen sorgfältig recherchierten und virtuos geschriebenen Lokalgeschichten gelinge es dem Preisträger, die «grosse Welt in der kleinen Stadt» spürbar zu machen, schreibt die Kulturstiftung zum Anerkennungspreis – das jüngste fabelhafte Beispiel hier.

Umrahmt wurde der Anlass vom Musikerduo Matthias und Andreas Tschopp. Am 17. November steht der nächste Termin der Stiftung an: Dann bekommt der Theatermacher Milo Rau den Grossen St.Galler Kulturpreis.

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