Wenn man es auf einen Nenner bringen wollte, geht es im Werk aller drei Preisträger:innen um Verlebendigung: um Puppen, die beseelt werden, um Kunst, die möglichst viele erreichen will, und um Geschichte, die in die Gegenwart hineinwirkt.
Mensch und Puppe werden eins
Sebastian Ryser arbeitet an den «Kippmomenten» zwischen Schauspiel und Figurentheater, zwischen Mensch und Puppe. Ryser, Jahrgang 1991, im St.Galler Figurentheater quasi «aufgewachsen», im Erststudium zum Kunsthistoriker und danach an der Berliner Hochschule Ernst Busch zum Puppenspieler und Regisseur ausgebildet, arbeitet zusätzlich auch mit filmischen Mitteln und erweitert damit die Formensprache des Figurentheaters.
Laudatorin Nina Keel erläuterte dies an der Preisfeier vom Mittwochabend am Beispiel zweier Kurzfilme aus der Serie «Puppet Playground»: Mensch und Figur würden darin zusehens ununterscheidbar, Drag-Performer Freda DIN schaffe im Spiel mit Masken und Figuren unheimlich wirkende Momente und lege so das subversive Potential des Puppenspiels frei.
Darüberhinaus stelle die Figur der «Harlequeen» Genderzuschreibungen in Frage. Geschlecht wird konstruiert und dekonstruiert – ebenso wie die Figuren selber beseelt, verlebendigt und unversehens wieder fallengelassen werden.
In St.Gallen waren bisher eine Reihe von Arbeiten von Sebastian Ryser zu sehen, darunter Produktionen der freien Theatergruppe Eoboff, das tiefgründige Stück Ente, Tod und Tulpe 2014 im Figurentheater oder, ebenfalls dort 2021, seine Adaption des Romeo und Julia-Stoffs.
Dem Puppenspiel, das Erwachsene wie Kinder sowieso schon in «helles Erstaunen» setzen könne, eröffneten sich mit dem Medium Film noch einmal neue Perspektiven, sagt Ryser: Die Kamera erlaube es, näher und intimer an eine Figur heranzugehen als beim fixen Bühnenblick – und dadurch das Publikum als Komplizen noch unmittelbarer ins Spiel hineinzuziehen.
Malen und vernetzen
Menschen und Landschaften stehen im Werk der Malerin Harlis Schweizer Hadjidj (*1971) im Zentrum. Laudatorin Claudia Reeb würdigte zum einen die malerische Kraft, die starke Formensprache und das expressive Kolorit in den Bildern der in Gais und St.Gallen arbeitenden Künstlerin – etwa in der Bilderserie «Limelight» von 2016, wo sie Fotografien einer Reise nach Süden in Ölbilder umsetzt und dabei den Blick für unspektakuläre Alltagssituationen schärft.
Harlis Schweizer Hadjidj: Ohne Titel, 2016.
Darüberhinaus setze sich Harlis Schweizer als Vernetzerin und Vermittlerin dafür ein, Kunst möglichst niederschwellig auch an kunstferne Orte und zu einem weniger kunstaffinen Publikum zu bringen. Beispielhaft dafür sind die Ausstellungen des Kollektivs «Streunender Hund» oder das Projekt «Passage», wo die Künstlerin wildfremde Passant:innen in Bühler porträtierte und die Bilder an Fassaden im Dorfzentrum anbrachte.
Ganz nah zu den Menschen, ohne sie selber zu zeigen, führt die Bildserie «New Work», die Harlis Schweizer 2019 als Auftragswerk realisierte: Sie porträtierte die Arbeitsplätze von Angestellten der kantonalen Verwaltung, wie hier beim Fahndungs- und Ermittlungsdienst in Oberbüren:
Eine vortreffliche Beobachtungsgabe zeichne die Preisträgerin aus, ebenso eine starke eigene Bildsprache und ihr soziales Engagement, begründet die Kulturstiftung ihren Anerkennungspreis für Harlies Schweizer. Dass dazu auch Humor gehört, zeigt etwa das Bild Harlis im MoMa: Kurzerhand plaziert sie ihre eigenen Bilder im renommierten Kunsttempel – und liefert so einen selbstironischen Kommentar zum Kunstbetrieb.
Harlis Schweizer Hadjidj: Harlis im MoMa, 2017.
Kleine Stadt, grosse Welt
Als «unermüdliche Arbeit mit den Erinnerungen» charakterisierte Stiftungspräsidentin Barbara Schlumpf das Werk von Otmar Elsener. Der Rorschacher mit Jahrgang 1934 hat sich nach seiner Pensionierung als Lokalhistoriker einen glänzenden Namen geschaffen. Zwei Bände mit Geschichten aus der Geschichte Rorschachs sind im Appenzeller Verlag erscheinen, ein weiteres Buch widmet sich Schloss Wartegg, hinzu kommen diverse Publikationen im Rorschacher «Heft» und anderes mehr.
Im Gespräch mit Stiftungsrat Thomas Birri erzählte Elsener von seiner Recherchetätigkeit, die mit dem Blick ins eigene Familienarchiv anfing – unter anderem mit dem Bild des Sprötzewagens, den sein Vater in den 1920er-Jahren kutschierte. Später kamen Industriegeschichten hinzu wie jene der Konservenfabrik Roco, aber auch Funde wie der Brief einer Rorschacher Mädchenklasse 1942 an den Bundesrat: Die Schülerinnen kritisierten darin die unmenschliche Schweizer Flüchtlingspolitik, der Bundesrat schaltete die Bundesanwaltschaft ein, es kam beinah zu einer Staatskrise – Elsener ist es zu verdanken, dass das Schreiben von damals 2004 wieder an die Öffentlichkeit kam, international beachtet wurde und seither mehrfach in Theaterstücken aufgearbeitet wurde, zuletzt vor wenigen Wochen an der PHSG.
Otmar Elsener vor dem Rorschacher Kornhaus, 2017. (Bild: Su.)
Erinnerungen seien ein Kulturgut, das es zu bewahren gelte, mahnte Otmar Elsener im Palace. Ihm gehe es um Themen, die Rorschach betreffen – die aber darüberhinaus exemplarisch sind auch für andere Regionen. Mit seinen sorgfältig recherchierten und virtuos geschriebenen Lokalgeschichten gelinge es dem Preisträger, die «grosse Welt in der kleinen Stadt» spürbar zu machen, schreibt die Kulturstiftung zum Anerkennungspreis – das jüngste fabelhafte Beispiel hier.
Umrahmt wurde der Anlass vom Musikerduo Matthias und Andreas Tschopp. Am 17. November steht der nächste Termin der Stiftung an: Dann bekommt der Theatermacher Milo Rau den Grossen St.Galler Kulturpreis.
Etwas gar still war es um Rorschach, seit Hafenbuffet und Mariaberg ihr Tore schlossen. Das «Treppenhaus» soll jetzt wieder Schwung in die Kulturszene der Hafenstadt bringen. Eröffnet wird das Lokal an der Kirchstrasse am 3. und 4. Januar.
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung