Mit Konzerten ist nichts im Coronawinter, ebenso wenig mit Erfreulichen Debatten. Das St.Galler Kulturlokal Palace macht aber trotzdem nicht ganz dicht, sondern diversifiziert: Immer dienstags gibt es künftig Palace-Fernsehen, hier der Trailer.
Das geht so wie in den Kinderjahren des Mediums: Testbild blinkt, Kugeln mit Stichworten rollen per Rohrpost heran, Assistentin Julia Kubik wirft Zettel und Fragen ein, Moderator Rolf Bossart führt das Gespräch, unterbrochen durch Einspieler zu einzelnen Stichworten. Auf dem Tisch steht ein schwarzes Bakelit-Telefon. Es läutet auch einmal, allerdings im dümmsten Moment. Das Tempo ist bedächtig wie damals, als die Bilder laufen lernten. Die Stimmung: eher Kaminfeuer als Arena.
Den Start der neuen Reihe machte am Dienstagabend Maria Pappa, vor einem Monat neu gewählte Stadtpräsidentin und erste Frau an der Spitze der Hauptstadt. Nicht darum ging es jedoch, sondern um die bauliche Entwicklung – für die bisherige Baudirektorin eine Steilvorlage.
Starkes Zentrum, starke Quartiere
Der Bahnhofplatz: Er funktioniert, ist offener geworden, soll noch stärker als bisher zum Begegnungsort werden, wenn es nach Maria Pappa geht. Frappierend: Heute setzt man auf Willkommenskultur mit Bäumen und Bänkli – damals, mit dem Polizeireglement vor 15 Jahren, waren Wegweisungen das Thema. Bossarts Beobachtungen zur Veränderung im Stadtalltag hätten eine ausführlichere Diskussion verdient.
Die Hauptstadt: Maria Pappa will St.Gallen als Zentrum stärker ins Spiel bringen gegenüber dem Kanton und gegenüber den Agglomerationsgemeinden. Mit Druck gehe da allerdings nichts. Pappa setzt aufs Miteinander-Reden und auf die Kraft der Argumente: «Der Kanton kommt nur weiter, wenn die Stadt darin eine zentrale Rolle spielt.»
Dasselbe gelte auch innerhalb der Stadt: ohne vitale Innenstadt keine lebendigen Quartiere. Beides will Pappa aber nicht gegeneinander ausspielen. Im Zentrum hofft sie ausdrücklich auf Vermieter, die mit den Geschäftsmieten runtergehen. In den Quartieren will sie den jeweiligen «Dorf»-Charakter stärken, wie er schon existiere, etwa in der Lachen, im Heiligkreuz oder in Bruggen.
Quartierentwicklung könne die Stadt unter anderem mit Sondernutzungsplänen beeinflussen, oder mit dem Kauf von Liegenschaften, wie im Riethüsli geschehen. Quartiere hätten es aber auch selber in der Hand, Leben in die Bude zu bringen – für Quartierfeste etwa stehe ihnen die Möglichkeit offen, Strassen sperren zu lassen.
In ihrem Wohnquartier Lachen hofft die neue Stadtpräsidentin auf die Neugestaltung der Zürcherstrasse, die schon einmal vom Volk verworfen wurde («Da hat man Lachen im Stich gelassen»). Und sie schwärmt von ihrer Lieblingsstelle in der Stadt: der Allee entlang der Kreuzbleiche, ihrem täglichen Velo-Arbeitsweg mit seinen wechselnen Stimmungen.
Pragmatisch vor der roten Ampel
Zur Sprache kommen aber auch die Unorte der Stadt. Dazu gehört das leerstehende Hotel «Ekkehard», wo es trotz «intensiver Gespräche» bisher keine Lösung gebe. Oder der Eiszauber auf der Kreuzbleiche; zu ihm will sich Pappa nicht äussern. Oder der Parkplatz «hinter den Gleisen» am HB: Auf dem Areal hätten sich zwar die Ränder entwickelt, die Testplanung habe Möglichkeiten aufgezeigt, in der Mitte aber hat der Kanton das Sagen. «Das braucht noch Jahre.»
Maria Pappa ist auch sonst pragmatisch unterwegs. Das lange Warten vor den Veloampeln etwa ist ihr ein Dorn im Auge – aber die Vorgaben macht der Bund, sobald es um Autobahn-Zubringer geht wie bei der Kreuzbleiche. Oder das Verhältnis zur HSG: Es ist für sie entspannt, und sie hofft auf intensiveren Kontakt, wenn dereinst der Campus am Platztor gebaut sein wird.
Mit Visionen hat es die neue Stadtpräsidentin weniger. Bossarts Forderung nach Büvetten in den städtischen Parks, Kubiks Idee von Rutschbahnen von den Hügeln ins Tal, die Mülenenschlucht als «Tatort»-Drehort: Solche Luftschlösser finden nur mässige Resonanz. Zumindest plaziert ist immerhin Bossarts Vorschlag, das migrantische St.Gallen im öffentlichen Raum stärker sichtbar zu machen, etwa mit Strassennamen.
Und gar nicht im Bild ist die Stadtpräsidentin über den Langzeit-Wunsch nach einer Kunsthochschule, den die Künstlerin Lika Nüssli über das schwarze Telefon in die Sendung trägt. Davon höre sie zum ersten Mal. Zur Nachhilfe: hier die Diskussion im Rahmen des neuen Kulturkonzepts der Stadt.
Kein Wort zum Autobahn-Tunnel
Der Telefon-Anruf kommt, Ironie der TV-Regie, noch in anderer Hinsicht im falschen Moment: gerade dann, als Pappa den geplanten Autobahntunnel ansprechen will. Eines der brennendsten Stadtentwicklungs-Hindernisse bleibt so unbesprochen. Und ein weiteres, topographisch naheliegendes Thema kommt ebenfalls nicht zur Sprache: die Überbauung Ruckhalde und die Vorschläge für ein nachhaltiges, genossenschaftlich finanziertes und autofreies Quartier, das es in St.Gallen so bis jetzt nicht gibt.
So franst die Sendung am Schluss aus. Umso erfreulicher war ihr Start: Farbig erzählt Maria Pappa dort, wie sie ohne ein Wort Deutsch im Kindergarten angekommen sei, später im Hadwig unter vielen Ausländerkindern zur Schule ging, die Mülenenschlucht erkundete, im Westen heimisch wurde und heute vorbehaltlos sagen kann: «Ich liebe St.Gallen.» Dank ihren zwei Heimaten (St.Gallen und Süditalien) habe es sie dann auch nie gelockt, nochmal anderswohin zu ziehen.
St.Gallen biete viel – wir sollten ruhig «chli toleranter» sein mit unserer Stadt, meint sie. Die ganze Sendung zum Nachschauen:
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
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Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
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