, 4. Februar 2019
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Lattich II wächst in die Höhe

Auf dem St.Galler Güterbahnhof tut sich im Wortsinn Grosses. Heute ist das erste von 48 Holzmodulen plaziert worden. Bis Donnerstag soll der ganze Bau stehen, ab April wird im temporären Quartier gearbeitet.

Es sei der Moment, auf den man drei Jahre lang hingearbeitet habe, sagt Rolf Geiger, Geschäftsleiter der Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee. Dann hebt der gewaltige Egger-Kran das erste Holzmodul hoch und plaziert es millimetergenau auf dem Stahlfundament.

Das erste Modul wird «gesetzt». (Bilder: Maurus Hofer/Alltag)

Ein Show-Effekt mit Nachhaltigkeit: Hier entsteht für die nächsten zehn Jahre ein für die Ostschweiz erstmaliges Zwischennutzungsprojekt. Lattich II versteht sich als Arbeitsort für die Kreativwirtschaft. Und trifft offensichtlich einen Nerv. Die 45 zu mietenden Module sind praktisch alle besetzt, für ein paar wenige kann man sich noch bewerben, und Gabriela Falkner, Co-Präsidentin des Vereins Lattich und Frau der ersten Stunde im Projekt, äussert sich begeistert: Der Mix sei geglückt, Mieterinnen und Mieter hätten unterschrieben, noch bevor das erste Modul sichtbar war, soziale und kreative Nutzungen ergänzten sich in idealer Weise.

Die Liste auf der Lattich-Website führt mehrere Architekturbüros auf, zudem Fachleute für Design und Informatik, für Raum- und Verkehrsplanung, Grafik- und Typografie-Ateliers, Werkstätten, Eventveranstalter, Naturheilpraxis oder Psychotherapie, Floristik und Italienische Spezialitäten, ausserdem die Schule für Gestaltung und «mosa!k», die Tagesstruktur für Menschen mit Demenz. Drei Module sind für die Gastronomie reserviert, drei weitere für Technik und WCs. Die meisten Mieterinnen und Mieter belegen eins der 27 Quadratmeter grossen Module, einzelne teilen sich den Raum und die Mietkosten von monatlich knapp 600 Franken pro Modul.

Fassade aus Schalbrettern, rohe Wände im Innern.

Weiterhin auf dem Areal bleiben die bisherigen, in Schiffscontainern einquartierten Lattich-Pioniere: Musiker Roman Rutishauser, Metallbauer Hannes Rutishauser, das Heks-Gartenprojekt und der Spielweg. Dass Lattich II jetzt gelinge, wäre kaum möglich gewesen ohne die wuchernde Experimentierphase seit 2016, sagt Gabriela Falkner an der Medienorientierung. Mit Lattich I, den bisherigen Aktivitäten in der Halle und im Aussenraum, habe man ausprobieren und herausfinden können, «was funktioniert und was nicht». Das Projekt habe sich auf diese Weise «bottom-up» entwickelt.

Erstbegehung: Richard Jussel, Geschäftsführer der Blumer-Lehmann AG, dahinter Regierungsrat Marc Mächler.

Richard Jussel, Geschäftsführer der Blumer-Lehmann AG, welche die Module gebaut hat und die Lattich-AG mitfinanziert, lobt seinerseits die unproblematische «Handschlag-Mentalität» in der Zusammenarbeit mit dem Lattich-Verein, der Regio, der Nachbarschaft und den Behörden von Stadt und Kanton. Träger des Projekts sind neben Blumer-Lehmann die Firmen Stutz und Hälg, Sefar-Chef Christoph Tobler und Claudia Züger Tobler, die Equimo AG und die Steinegg Stiftung Herisau.

Die breite Trägerschaft zeichne Lattich II als vorbildliches PPP-Projekt aus, sagt Regierungsrat und Bauchef Marc Mächler. Der Kanton als Grundeigentümer habe sich umso lieber dafür stark gemacht, als die Ostschweiz sonst nicht gerade für die kreativsten und wildesten Projekte bekannt sei. Und der 4. Februar als Baustart sei ein Datum mit Potential – an diesem Tag sei etwa 1941 die Teflonpfanne patentiert, 1945 die Konferenz von Jalta eröffnet oder 2004 Facebook gegründet worden.

Nach dem Aufbau folgt in den nächsten drei bis vier Wochen die Inneneinrichtung der beheizbaren, mit Wasser, Strom und Internet ausgestatteten Module. Ab 1. April wird im Lattich gearbeitet.

Für St.Gallens Kreativwirtschaft sei Lattich II ein «Meilenstein», sagt Mächler. Ein befristeter allerdings – auf zehn Jahre hat der Kanton die Nutzung beschränkt, danach soll das Revier für den Autobahnanschluss frei werden. Bei dem Widerstand, der gegen die Autobahnpläne bereits früher aufgebrochen ist und weiter anhält, dürften 2029 aber kaum schon die Bagger auffahren. Und falls doch: Die Module, sagt Richard Jussel, können demontiert und andernorts wieder verwendet werden.

 

 

 

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