Das Thema am Freitagabend im überfüllten Cabi war so intim wie politisch: der Kampf der LGBTQ+-Gemeinschaft hier und in anderen Teilen der Welt. Drei Gäste hatten die Organisatorinnen eingeladen – Hannah Traber, eine junge trans Frau, Sylvie Keller, eine der Gründerinnen des St.Galler LGBTQ+-Treffs Otherside und Tobias Kuhnert, Vertreter von Queer-Amnesty.
Zu Beginn wurde über die kontinuierliche und systematische Diskriminierung der Trans-Community gesprochen. Hannah Traber hat mit ihrer Transition vor zehn Jahren begonnen – in einer Zeit, in der die rechtlichen Rahmenbedingungen noch viel anspruchsvoller waren als heute, wie sie sagt. Heute ist die Situation besser, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat aber erst in diesem Jahr erklärt, dass Transidentität keine Störung ist. Hoffentlich führt diese Anerkennung zu einem Rückgang der Stigmatisierung.
Der Richter entscheidet
In der Schweiz gibt es kein explizites Gesetz für trans Menschen, der Umgang mit diesem Thema wird von allen Kantonen unterschiedlich gehandhabt, erklärt Traber. Wie gut eine Transition gelingt, hänge von den Richtern ab, die den Antrag auf Geschlechtsanpassung genehmigen müssen, von der rechtlichen Lage im Kanton und nicht zuletzt von der Krankenkasse.
Dies ist besonders für asylsuchende trans Personen schwierig. Sie müssen die Kämpfe der trans Menschen in ihrem Herkunftsland genau darlegen. Da die Übersetzerinnen und Übersetzer manchmal nicht das nötige Vokabular haben und die Lage auch von den Sozialarbeiterinnen nicht immer genau verstanden wird, wird der Fall möglicherweise nicht korrekt wahrgenommen.
Jugendliche und Minderjährige haben zusätzliche Schwierigkeiten. Manche Krankenkassen verweigern Hormonbehandlungen und Übergangsoperationen für Menschen unter 25 Jahren und lassen sie finanziell alleine – trotz der Tatsache, dass für eine Transition in der Schweiz lediglich die Urteilsfähigkeit gesetzlich vorgeschrieben ist. Das muss sich ändern. In einer Gesellschaft, die gerade erst beginnt, das Spektrum der Geschlechter zu erkennen, ist Transsexualität ein Thema, das an Relevanz gewinnen wird.
Geringe lesbische Sichtbarkeit
Zweiter Gast des Abends war Sylvie Keller, eine der Gründerinnen des St.Galler LGBTQ+-Treffs Otherside. Ihr Thema war die mangelnde Anerkennung von Lesben innerhalb und ausserhalb der Community. Die lesbische Gemeinschaft bleibe in der Gesellschaft unsichtbar, kritisierte sie. Viele assoziierten Lesben mit demütigenden pornografischen Darstellungen von lesbischem Sex und nicht mit einer echten Liebesbeziehung. So werde Homosexualität auf den Geschlechtakt reduziert.
Auch in der öffentlichen Diskussion über LGBTQ+-Rechte werden Lesben zu wenig gehört. In der SRF-Arena beispielsweise, die sich um das Diskriminierungsschutzrecht drehte, über das 2020 abgestimmt wird, war keine einzige Vertreterin der Schweizer Lesbenorganisation LOS eingeladen. Diese mangelnde Repräsentation habe auch rechtliche Konsequenzen, betonte Keller. So schliesse die vorgeschlagene Ehe für Alle die künstliche Befruchtung für lesbische Ehepaare aus – also keine Gleichstellung.
Darüber hinaus würden lesbische Paare auch wirtschaftlich diskriminiert. Da Frauen für die gleiche Arbeit weiterhin weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, seien lesbische Paare doppelt von der systematischen Ungleichheit betroffen. Der Kampf um lesbische Rechte sein ein Kampf, der zwar kulturell durch filmische und literarische Darstellungen oft behandelt werde, in der Schweizer Rechtslandschaft aber hinterherhinke.
In 70 Ländern kriminalisiert
Der letzte Gast war Tobias Kuhnert, Mitglied von Queer-Amnesty, einer Organisation, die an einem internationalen Bewusstsein für Ungleichheit in der queeren Gemeinschaft arbeitet. Er verteilte die neueste Version der Gesetze zur sexuellen Orientierung in der Weltkarte, die jährlich durch Queer-Amnesty aktualisiert wird.
Noch heute werden Homosexuelle in 70 Ländern kriminalisiert, in elf davon gibt es die Todesstrafe, erklärte Kuhnert. Weitere 26 Länder verurteilten Homosexuelle lebenslang oder zu mindestens zehn Jahren. Lediglich in neun Ländern ist Homosexualität verfassungsmässig geschützt. Diese Bedingungen zwängen viele Homosexuelle zur Flucht. Queer Amnesty will darum das globale Bewusstsein schärfen und den Opfern Unterstützung bieten.
Was die Karte nicht darstellt, ist der soziale und repressive öffentliche Druck. Russland ist ein berüchtigtes Beispiel: Das Engagement für die Pride, eine kommerzialisierte Veranstaltung in der Schweiz und vielen anderen Ländern, kann dort strafrechtlich verfolgt werden.
Das Gespräch in CaBi kam zu einem wichtigen Zeitpunkt, denn in zwei Monaten entscheiden sie Schweizer Stimmberechtigten über die Initiative für eine Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm auf die sexuelle Orientierung. Deren Ziel ist es, Lesben, Schwule und Bisexuelle vor Hass und Diskriminierung zu schützen. Dieses Gesetz ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, gilt aber leider nicht für trans Personen.
Tunneleröffnung
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