In altertümlicher Schrift steht auf einem Täfelchen im verwinkelten Treppenhaus: «Abtritt». Die Tür führt zum Klo – aber das Wort «Abtritt» sei offenbar selber schon so historisch, dass die meisten Besucherinnen und Besucher das Örtchen nicht gefunden hätten, erzählt Museumsleiter Thomas Fuchs. Drum hat er vor einiger Zeit mit Klebebuchstaben «WC» dazu gesetzt.
Ein altes Haus voller Gegenwart
Die ehrwürdigen Räume des 1828 erbauten ehemaligen Rathauses sind für das Museum Herisau Segen und Fluch zugleich. Der Vorzug: Sie sind selber voller Geschichte, ein «Museum im Museum»: der Saal für die Sonderausstellungen war bis 1877 Tagungsort des Kantons- und des Gemeinderats, in den oberen Stockwerken befand sich die Wohnung eines Pfarrers, stilvolle Räume, für Museumszwecke aber kleinräumig. Jedes Zimmer ist jetzt einem ausgewählten Thema gewidmet, mittendrin die soeben neu gestaltete Ausstellung über den Schriftsteller Robert Walser, der von 1933 bis zu seinem Tod im Schnee 1956 Insasse der Psychiatrischen Klinik war.
Die Tafeln zum neugestalteten Raum über Robert Walser, hier noch vor der Installation im Eingang zum Museum Herisau.
Den Haken benennt Thomas Fuchs unverblümt: Es fehlt an Platz, es fehlt ein Lift, es fehlen Ressourcen, räumliche und personelle. Als «Generalisten-Museum» greife Herisau eine Vielzahl von Themen auf und hätte den Anspruch, die Geschichte und Gegenwart des gesamten Kantons Appenzell Ausserrhoden zu zeigen und zur Diskussion zu stellen, sagt der langjährige Museumsleiter. Das bräuchte mehr Platz. Auch der Name des Museums entspricht nicht wirklich der Realität: Sein Horizont geht seit je über den eines Ortsmuseums hinaus. «Wir sind das kulturhistorische Museum des Kantons.»
Zum Beispiel das Gesundheitswesen: Dank Höhenlage, Molkenkuren, liberalen Vorschriften für Naturheilkunde etc. war und ist Ausserrhoden ein Gesundheitskanton. Davon erzählen in Herisau Objekte zu den Molkenkuren, Naturheilmittel und eine Original-Apotheke aus Schönengrund. Die schmucken Medizinalflaschen lassen sich noch öffnen und er-riechen. Vitrinen erinnern an andere Pioniertaten: den Rorschach-Test, den der Psychiater Hermann Rorschach in Herisau entwickelt hat, oder die Jodierung des Kochsalzes 1922 zur Kropfprophylaxe, die von Ausserrhoden aus weltweit Furore machte. «Schlüsselprodukte» wie diese versucht Fuchs für die Sammlung zu erwerben.
Thomas Fuchs mit Gremplerross in der Dauerausstellung zum Verkehr.
Zum Beispiel der Verkehr: Fast raumfüllend steht ein Packpferd da, ein Gremplerross mit Zaumzeug von 1778, der «LKW des 18. Jahrhunderts». Rundherum dokumentieren Objekte und Fotografien die Frühzeit des Velo- und Autoverkehrs, den Bahn- und Brückenbau, und eine «Chränze» erzählt vom harten Los der Hausiererinnen. Im kommenden Jahr soll eine Sonderausstellung das Thema vertiefen, aus Anlass des geplanten Bahnhofumbaus.
Fuchs ist überzeugt: Die permanente individuelle Mobilität, die heute unseren Alltag prägt, können wir uns auf Dauer nicht mehr leisten. Wie das Museum ist auch sein Leiter zwar mit der Vergangenheit beschäftigt, aber ein aufmerksam-kritischer Beobachter der Gegenwart. Energie ist drum ein weiteres Thema, das er gern vertiefen würde. Vor Jahren hat Fuchs die Mühlen im Land erforscht, nicht weniger als 250 Wasserräder lokalisiert und auf einer interaktiven Karte mit Lämpchen markiert.
Solche Forschung gehört neben der Ausstellungs- und Sammeltätigkeit ebenfalls zu seiner Tätigkeit. Neben dem Staatsarchiv und der Kantonsbibliothek sieht Fuchs die Museen als dritten Pfeiler der kantonalen Gedächtnisinstitutionen.
Am 25. Juni eröffnet das Museum Herisau seine diesjährige Sonderausstellung über Appenzeller Wirtshäuser: «Ääs go züche».
museumherisau.ch
Von einer weiteren Forschung, die Thomas Fuchs aktuell beschäftigt, erzählt ein schmales Büchlein: Darin haben sich Flüchtlinge in Wort und Bild verewigt, die am Ende des Zweiten Weltkriegs in der Fabrik am Rotbach in Bühler untergebracht waren, viele davon aus Osteuropa, Teil der gigantischen Ströme von Zivilflüchtlingen, die quer durch Europa unterwegs waren. Einer von ihnen, Albert Servaes, hat im Lagergebäude von Bühler ein wandhohes Fresko geschaffen; ein Ausschnitt davon, zwei eindringliche, mit «Adam und Eva» betitelte Figuren, empfängt die Besucher:innen im Aufgang zum Museum. Ausserrhoden als – vorübergehender – Schauplatz der Weltgeschichte.
In Herisau denkt Thomas Fuchs über ein künftiges kantonales Museum nach, in Kooperation mit dem Volkskunde-Museum in Stein. Eine solche Zusammenarbeit wird seit längerem diskutiert. Jetzt hat die Regierung grünes Licht für eine Museumsstudie gegeben, die Chancen, mögliche Standorte, Formen der Kooperation und Kosten aufzeigen soll.
Das Museum als «Dialograum»
17 Museen listet die Website Museen im Appenzellerland auf, sie stehen in Urnäsch, Herisau, Stein, Teufen, Gais, Speicher, Trogen, Wald, Rehetobel, Heiden, Wolfhalden und Appenzell. Das Spektrum ist weit, von den Brauchtumsmuseen in Urnäsch und Stein bis zum Velomuseum Rehetobel. Ein eigentliches Kantonsmuseum kennt Ausserrhoden jedoch nicht. Rund die Hälfte der Museen – jene mit mindestens regionaler Bedeutung – wird mit Leistungsvereinbarungen vom Kanton mitfinanziert.
Nach einer Machbarkeitsstudie wird jetzt bis Ende 2023 im Rahmen einer Vorstudie die Möglichkeit eines Zusammenschlusses der Museen Herisau und Stein auf Initiative der Museumsträgerschaften eingehender geprüft – das erste der bürgerlichen und industriellen Geschichte gewidmet, das zweite auf Textilvergangenheit und bäuerlich-sennische Kunst und Kultur spezialisiert. Das Museum in Stein stellt unter anderem Objekte der Stiftung für Appenzellische Volkskunde aus und wird von einer Genossenschaft betrieben.
Die Museumsstudie soll inhaltliche Ziele und räumliche Anforderungen, mögliche Standorte, Varianten der Zusammenarbeit und Kosten aufzeigen. Vor allem aber, sagt Isabelle Chappuis, Museumskoordinatorin beim kantonalen Amt für Kultur, gehe es um die «Essenz» eines künftigen Museums, wie zentral oder dezentral auch immer. «Was wollen wir sammeln? Was sollen wir vermitteln? Was können die Museen leisten, und was dient der Bevölkerung?»: Das seien die entscheidenden Fragen, die in einem teilweise partizipativen Prozess angegangen werden.
Ausgewiesen ist das Bedürfnis nach sachgerechter Lagerungsmöglichkeit in zusätzlichen und eventuell gemeinsamen Depoträumen. Denn das Sammlungsgut der Museen ist heute verstreut und konservatorisch nicht optimal aufbewahrt.
museen-im-appenzellerland.ch
Ursula Steinhauser, Leiterin des Amts für Kultur, sieht die hohe Museumsdichte im Kanton als Glücksfall. Eine solche kulturelle «Streusiedlung» sei typisch für Ausserrhoden. Und die bestehenden Museen hätten in den letzten Jahren an Profil und Professionalisierung zugelegt. «Das kompensiert zum Teil das Fehlen eines kantonalen Hauses.»
Die Museumsstudie stehe noch am Anfang und es seien noch alle Möglichkeiten offen – «aber es ist fraglich, ob das klassische Museumsverständnis mit statischen Häusern oder spektakulären Neubauten noch zeitgemäss und zukunftsträchtig ist.» Identität bilde sich gerade im ländlichen Raum anders, ausgeprägt föderalistisch. Und Museen müssten in erster Linie für die Bevölkerung da sein – zeitgemäss, zugänglich und niederschwellig – sowie als «Dialogräume» wirken, in deren Zentrum der Mensch stehe.
Den Industriekanton sichtbar machen
Thomas Fuchs würde sich einen spektakulären Neubau wünschen, am liebsten Star-Architektur, «denn Ausserrhoden ist der Kanton mit der wohl geringsten Ausstrahlung». Aber eine dezentrale Lösung sei auch denkbar – dringlicher als die Standortfragen sei ein zentrales Depot und eine koordinierte Sammlungspolitik. Und damit ein Bekenntnis des Kantons, Verantwortung für sein objektkulturelles Erbe zu übernehmen.
Dass dieses Erbe in der öffentlichen Wahrnehmung allzu sehr auf sennisches Brauchtum reduziert wird, stört Fuchs nachhaltig. Das folkloristische Bild gelte wohl für Innerrhoden, aber nicht für Ausserrhoden, den einst höchstindustrialisierten Kanton der Schweiz, der bis heute in Herisau und anderen Gemeinden überdurchschnittlich viele Industriearbeitsplätze biete. Schon im 18. Jahrhundert habe die Bevölkerung Landwirtschaft mehrheitlich nur für den Eigenbedarf betrieben; «das Einkommen lieferte der Webstuhl».
Erst im frühen 20. Jahrhundert und im Geist von Heimatwerk und Heimatschutz wurde die Heimarbeit romantisiert und setzte sich das Bild einer bäuerlichen Gesellschaft in den Köpfen und der touristischen Werbung fest. Dabei seien weite Teile Ausserrhodens heute Agglomerationsland, stadtnah bis städtisch.
Diesem «anderen» Appenzellerland ein Gesicht zu geben, dafür gibt es im Museum Herisau vielfältige Anregungen und Objekte. Zum Beispiel eines der jüngst erworbenen «Schlüsselprodukte», zu finden im Raum zur Textilindustrie: die Covid-19-Schutzmaske der Herisauer Firma Cilander. «Geschichte beginnt jetzt», sagt Fuchs.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
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