Im Saal viele bekannte Gesichter, Pionierinnen des Kampfs für die Frauenrechte in der Ostschweiz. Als «Alltagsheldinnen» und «Visionärinnen» begrüsst sie die St.Galler Stadtpräsidentin Maria Pappa. Vorne am Mikrofon jene, die die Erfolgsgeschichte dieses Kampfs verkörpern, Karin Keller-Sutter, Laura Bucher und Pappa selber – eine im Museum bisher nie gesehene Zahl von politischen Würdenträgerinnen, wie der abtretende Direktor Daniel Studer zur Begrüssung anmerkt.
Die immer noch nicht «ganze» Demokratie
Damit sei jedoch nicht das «Ende der Geschichte» erreicht, sagt Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Auch fünfzig Jahre nach dem Tag, an dem die Schweiz endlich doch noch «zur ganzen Demokratie» geworden sei, und trotz aktuell drei Frauen im Bundesrat gehe der Kampf weiter – etwa gegen häusliche Gewalt und deren Tabuisierung oder für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dafür brauche es Anstrengungen nicht nur in der Politik, sondern auch im Privaten.
Im übrigen bleibt Keller-Sutter bei ihrem doppelten Heimspiel (in St.Gallen, vor Frauen) enttäuschend unverbindlich. Kein Wort der Justiz- und Polizeidirektorin etwa zu den Debatten, jüngst auch im St.Galler Kantonsrat, über das Stimmrecht für Ausländerinnen und Ausländer. Dass die Schweiz 2021 weiterhin keine «ganze» Demokratie ist, dass zwar nicht mehr die Hälfte, aber immer noch ein Viertel der Bevölkerung politisch rechtlos ist: Dies hätte man gern kommentiert gehört.
Umso engagierter und persönlicher die Voten der anderen Rednerinnen. Familie, zwei Kinder, Regierungsrätin: Laura Bucher bringt Familie und Beruf unter einen Hut. Möglich sei dies dank einem Mann, der Gleichberechtigung ebenso ernst nehme, dank guter Ausbildung, dank ausreichenden Finanzen – aber noch immer müsse sie sich nervige Fragen («Wo sind jetzt deine Kinder?») gefallen lassen.
Und viele andere Frauen litten weiterhin unter verkrusteten Rollenbildern, seien Armut oder Gewalt ausgesetzt. Es brauche eine stärkere soziale Absicherung, für beide Geschlechter. «Wir sind noch nicht dort, wo wir sein sollten», sagt Bucher unter Applaus.
Maria Pappa, passenderweise Geburtsjahr 1971, erinnert ihrerseits daran, dass bis heute um Gleichberechtigung und Gleichbehandlung gerungen werde. Die Erhöhung des Frauenrentenalters oder der Erwerbszwang nach Scheidung kämen «unter dem Deckmantel der Gleichstellung» zwar politisch durch – gehe es aber um den Lohn, um unbezahlte Carearbeit, strukturelle Armut oder Diskriminierung im Alltag, höre die Gleichberechtigung rasch auf.
Laura Bucher, Karin Keller-Sutter und Maria Pappa (von links) im Historischen Museum.
Aus der Geschichte und der Ausstellung «Klug und kühn» sei immerhin zu lernen: «Zeiten und Mentalitäten können und lassen sich ändern», sagt Pappa. Es brauche dafür aber viel Hartnäckigkeit.
Ausstellung «Klug und kühn»: bis 19. September, Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen
«Frauenpower in der Schweiz», Familienführung: 13. Juni, 15 Uhr
«Freie Frauen. Wie im 19. Jahrhundert ein feministisches Wir entstand», Vortrag von Caroline Arni: 17. Juni, 20 Uhr
Jubiläumswochende HVM: 19. und 10. Juni, 10-17 Uhr
hvmsg.ch
An einige dieser hartnäckigen Frauen aus der Ostschweiz erinnert einleitend die Ausstellungsmacherin und Leiterin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialforschung, Marina Widmer: an die Frauenzeitungs-Verlegerin Elise Honegger, die erste St.Galler Ärztin Elisabeth Völkin, an Emma Zehnder, Gründerin der Haushaltungsschule und Initiantin des Bunds Schweizerischer Frauenorganisationen BSF, und an Marie Huber-Blumberg, Aktivistin für die Rechte der Arbeiterinnen, die via ihren Mann, den damaligen Kantonsrat Johannes Huber, die schweizweit erste Motion zur Einführung des Frauenstimmrechts ins Kantonsparlament brachte. Das war 1912.
Mensch heisst Mann
Warum dieser Krampf, diese rund 90 vergeblichen nationalen und kantonalen Vorstösse und Abstimmungen bis zum 14. Februar 1971? Warum hinkte die Schweiz dermassen hintennach in Sachen Gleichberechtigung?
Bundesrätin Keller-Sutters Kurzantwort: Dass die Schweiz ab 1848 die europaweit fortschrittlichsten Volksrechte, jedoch nur für Männer, eingeführt hatte, führte, Ironie der Geschichte, dazu, dass den Frauen dieselben Rechte so lange verwehrt werden konnten.
Im Detail analysiert die Basler Geschichtsprofessorin Caroline Arni in ihrem Festvortrag diesen Hürdenlauf am Beispiel der Geschlechterdebatte anfangs des 20. Jahrhunderts – kurz vor jener Zeit, als in St.Gallen das Historische Museum geplant und gebaut wurde.
Als «Urszene» nennt Arni das Manifest für die «Rechte der Frau und Bürgerin» der französischen Revolutionärin Olympe de Gouges 1791 – und ihre Ermordung unter der Guillotine zwei Jahre später. Die Menschenrechte, die «Droits de l’Homme et du Citoyen» von 1789 hätten den Grundsatz zementiert: «Der universelle Mensch ist ein Mann».
An diesem Widerspruch rieb sich noch ein Jahrhundert später die dazumal heftige Geschlechterdebatte, auch in der Schweiz. Konservative wie der Staatsrechtler Carl Hilty warnten vor den «vermännlichten Frauen» und ebenso den «verweiblichten Männern». Fortschrittliche Stimmen argumentierten dagegen mit den «weiblichen Qualitäten», die Frauen auch in die Politik einbringen sollten: Friedliebe, Mütterlichkeit, Gemeinsinn. Und postulierten damit, auch das Häusliche sei politisch.
Gleich unter Seinesgleichen
Am Beispiel der Erzählung Funken vom Augustfeuer der Zürcher Autorin und Temperenzlerin Hedwig Bleuler-Waser, 1916 mitten im Ersten Weltkrieg im Auftrag des BSF geschrieben, spitzt Arni die Fallen zu, die sich im Versuch stellten, Feminismus und Patriotismus zu vereinen. In diesem Text bringt die Mutter ihren Söhnen bei, ihren chaotischen «Bubenclub» vereinsmässig zu organisieren. Der Verein steht als Miniaturmodell des Staats, er wird zur «Schule des Republikanismus» – aber nur für die Buben.
So seien auch die Schweizer Männer politisch sozialisiert worden: Vom Rütlibund bis zum Schützenverein, von der Landsgemeinde bis zum Jassclub praktizierten sie gemeinschaftliches Handeln und kollektive Entscheidprozesse. Im Verein fielen selbst Standesgrenzen weg – aber die Geschlechtergrenze blieb. Es war der Männerbund, der die Freiheit verkörperte.
«Männer sind nur als Männer gleich unter Gleichen: Das ist das Malaise des Helvetischen», bilanziert Arni. Dem männerbündlerischen Selbstverständnis war der Ausschluss der Frauen eingeschrieben – und so schaffen es denn auch die «Meitli» in der Erzählung von 1916 nicht zur Gleichberechtigung. «Die Frauen ins Regiment? Das muss man sich noch gründlich überlegen», sagt der Sohn zum Schluss.
So kam es auch: Noch weitere lange Jahrzehnte wurde «überlegt». Die Ausstellung «Klug und kühn» im Museum bietet reichhaltiges Anschauungsmaterial dafür, so Marina Widmer, «wie die Frauen gekämpft haben und immer wieder aufgelaufen sind».
Marina Widmer, Leiterin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialforschung.
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