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Kultur kann vieles kitten, aber …

Kann Kultur die gesellschaftliche Spaltung überwinden? Darüber diskutierten Kulturschaffende, eine Kulturvermittlerin, die Regierungsrätin für Erziehung und Kultur im Thurgau sowie der Leiter von Suisseculture im Kult-X in Kreuzlingen. 

Von  Judith Schuck , 
V. l. n. r.: Schauspieler und Musiker Simon Engeli, Kulturvermittlerin Christine Müller-Stalder, Musiker David Nägeli aka Daif, SVP-Regierungsrätin Monika Knill, Alex Meszmer von Suisseculture, Filmemacherin und Journalistin Samantha Zaugg sowie Moderator und Kult-X-Vorstand Vorstandsmitglied Stephan Militz. (Bilder: Judith Schuck)

«Bridges Over Troubled Bubbles» lautet der Titel der Podiumsdiskussion, die die Coronazeit, unseren Umgang mit der digitalen Welt sowie die Spaltung unserer Gesellschaft beleuchten soll. Für Michael Lünstroth, Initiator des Abends und Chefredaktor von «Thurgau Kultur», der wegen Krankheit fehlen muss, übernimmt Stephan Militz vom Kreuzlinger Kulturzentrum Kult-X die Rolle des Moderators.

Die Veranstaltung ist eine von sechs Anlässen, mit denen die Kulturstiftung Thurgau ihr 30-jähriges Bestehen feiert. Die Kulturstiftung ist Finanzierungspartner des Online-Magazins thurgaukultur.ch.

Blasenbildung gabs schon immer

Die sehr unterschiedlichen Diskussionsteilnehmer:innen sorgen am Mittwochaben im Kult-X dafür, dass das Thema von verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Es zeigt sich, dass in dieser Heterogenität ebenfalls die eine oder andere Bubble existiert.

Was der Begriff der Filterbubble in der Medienwissenschaft bedeutet und dass Bubbles zu unserer Gesellschaft gehören, ganz unabhängig von Corona und Digitalität, welche dieses Phänomen scheinbar verschärfen, stellt die Künstlerin und Medienschaffende Samantha Zaugg zu Beginn in einer Performance mit viel lakonischem Witz dar.

Samantha Zaugg erklärt Begrifflichkeiten wie Filterbubble. Ihr Vortrag bleibt dabei nicht so langweilig wie obige Folie.

Filterblasen bzw. -bubbles entstehen, wenn Algorithmen vorauszusagen versuchen, welche Informationen Nutzer:innen aufsuchen möchten. «Bei Google sind wir aber nicht Kund:innen, sondern Produzent:innen. Wir liefern den Rohstoff», erklärt Zaugg. Eine Studie der Uni Zürich habe ergeben, dass 75 Prozent der Schweizer:innen wüssten, was ein  Algorithmus ist. 81 Prozent wüssten nicht, wie Inhalte zusammengestellt würden. «Diese Aussage driftet diametral auseinander», so Zaugg.

Um zu zeigen, welche Bubbles in der Gesellschaft existieren, beantwortet sie imaginäre Fragen aus dem Publikum: «Der Bundesrat hat uns eingesperrt? Ich sehe, dass wir in einer Zeit leben, in der es mehr Einschränkungen gibt als auch schon, aber eingesperrt fühle ich mich nicht.»

Sehr unterhaltsam ist ausserdem ihr Dialog zu einer Fragestellung, ob sie Adolf Dietrich kenne, den Künstler schlechthin im Thurgau. «Ja, ich kenne ihn», antwortet sie, «er hat viele Bilder gemalt, aber nichts besonderes. Viele Tiere. Viele Vögel. Und den Untersee hat er gemalt, weil er da wohnte.»

Dass wir schon vor der Digitalisierung in Blasen lebten, wie bei diesen Beispielen, sagen die Kritiker:innen der Filterbubble-Theorie von Medienwissenschaftler Eli Pariser. Wir leben innerhalb der Gesellschaft in unterschiedlichen Welten. Für Algorithmen ist relevant, welchen Begriff, welches Suchwort wir eingeben, worauf wir klicken, was wir teilen, aber nicht die eigentlichen Inhalte.

Samantha Zaugg glaubt, eine staatliche Regulierung des Internets wäre sinnvoll gewesen. Wir verlören uns darin. «Doch der Zug ist längst abgefahren.» Mehr Einfluss auf Google & Co. könnte der Bund allerdings schon nehmen.

Gemeinsam die zersplitterte Gesellschaft kitten

Von den Diskussionsteilnehmer:innen möchte Moderator Stephan Militz danach wissen, ob die Pandemie diese Parallelwelten noch verstärkt habe. «Oder wie lernen wir wieder, mit verschiedenen Meinungen klarzukommen? Kann Kultur dabei helfen?»

Regierungsrätin Monika Knill vom Departement Erziehung und Kultur findet, es brauche ein bewusstes Commitment, die Gesellschaft kitten zu wollen. Sie spricht eher von Zersplitterung in unterschiedliche Meinungen denn von Spaltung. Rituale und gemeinsame Aktivitäten könnten helfen, diese Zersplitterungen wieder mehr zusammenzufügen.

Schauspieler und Musiker Simon Engeli erzählt, wie er durch die Pandemie kam: «Als die ganzen Veranstaltungen abgesagt wurden, setzten wir uns von der Theaterwerkstatt Gleis 5 zusammen. Wir haben eine Tournée aus dem Boden gestampft mit Geschichten aus dem Decamerone.» Im italienischen Klassiker von Boccaccio aus dem 16. Jahrhundert ziehen sich junge Leute in ein Landhaus zurück, um sich vor der Pest zu schützen.

Die Parallele zum Shutdown liegt auf der Hand. Dort erzählen sie sich Geschichten. «Geschichten sind der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Und Geschichten sind Kultur», so Engeli. Trotz der schwierigen Bedingungen zu Beginn der Pandemie seien die Leute gekommen, um ihre Geschichten zu hören.

Zoom als positive Errungenschaft des Social Distancing?

Alex Meszmer ist seit Januar 2020 Geschäftsleiter von Suisseculture, dem Dachverband für Kulturschaffende in der Schweiz. «Es ist so viel passiert, wir kamen gar nicht dazu, Perspektiven zu entwickeln, weil wir immer reagieren mussten», sagt er. Seine Wirklichkeit habe sich plötzlich auf Zoom verlegt. Nicht nur dem Publikum habe während der Pandemie die Kultur gefehlt, sondern den Kulturschaffenden auch das Publikum. Viele der anwesenden Künstler:innen nicken zustimmend.

Zoom empfindet Kulturvermittlerin Christine Müller-Stalder dennoch als Zugewinn. «Wir sind im zweiten Shutdown im Museum auf Führungen per Zoom umgestiegen. Das war interessant, weil hier Leute zusammenkamen, die sich privat nicht getroffen hätten», erklärt sie. Wobei dies bei Führungen vor Ort durchaus auch der Fall sein kann.

David Nägeli alias Daif erzählt von seinem zwiegespaltenen Verhältnis zur digitalen Welt. Als Musiker müsse er bestimmte Medien wie Instagram bespielen. «Es ist sehr einfach, sich in dieser Welt zu verlieren, was mir auch passiert. Darum habe ich für mich einige Seiten gesperrt und mir auch Zeitbegrenzungen beim Austausch mit anderen Kunstschaffenden gesetzt.»

Samantha Zaugg versucht, einen sinnvollen Umgang mit den digitalen Medien zu finden und sich Strukturen zu schaffen, da auch sie die Zeit im Internetdschungel leicht vergisst.

Stephan Militz will von ihr wissen, ob es ihrer Meinung nach künftig noch möglich sei, hybride Formate zu bespielen. «Ich habe am Anfang allerhand ausprobiert, von Konzert-Streams bis zu Zoom-Lesungen für Schulklassen», sagt Zaugg. Ersteres überzeugte sie nicht, bei den Lectures sieht sie Potenzial.

Für Simon Engeli hängt es sehr vom Medium und der Kunstform ab, was im Digitalen funktioniert. Beim Streaming von Kleintheater-Aufführungen fehle der Zugang zum Publikum. Und sich sich schön anzuziehen, ein Billet zu lösen und ins Theater zu fahren, schaffe ein Gemeinschaftsgefühl, ähnlich wie am Lagerfeuer zu sitzen. «Das ist einfach etwas anderes, als in Shorts und mit Ketchup-Fleck auf dem T-Shirt mit Laptop auf dem Sofa zu sitzen.»

Es braucht Zeit, bis das Publikum zurückkehrt

«Aber wie kriegen wir die Leute dazu, das Ketchup-T-Shirt auszuziehen und ins Kult-X zu kommen? Können Kulturschaffende hier Brückenbauer:innen sein?», fragt Militz in die Runde.

Monika Knill glaubt, dass es einige Menschen wohl auch genossen hätten, nicht so eine übervolle Agenda gehabt zu haben, und das «Freizeit-Sabbatical» während Corona gar nicht so schlecht fanden. Die auseinanderdriftenden Meinungen, die sich in dieser Zeit verstärkt hätten, könnten aber vielleicht in einem Gemeinschaftserlebnis eher zusammengefügt oder zumindest als andere Meinung angenommen werden.

Kultur als Brückenbauerin? Monika Knill, Alex Meszmer, Samantha Zaugg und Moderator Stephan Militz (von links nach rechts).

«Kultur ist relevant. Im Rückblick ist in den letzten zwei Jahren viel entstanden», sagt Alex Meszmer. «Es gibt noch einen Produktionsrückstau, viel, was noch nicht gezeigt wurde. Aber will das Publikum das noch sehen?» Die Entwicklung hin zu den alten Publikumszahlen würde schon kommen. Das dauere aber noch mindestens ein bis zwei Jahre, vermutet er.

«Wir dürfen nicht die Hoffnung verlieren und müssen die Saat auswerfen», sagt Simon Weiland, Kulturschaffender aus dem Publikum. Im Saal sind vor allem Künstler:innen anwesend, die gut durch die Pandemie kamen oder sogar von ihr profitieren konnten. Was aber ist mit denen, die vergessen wurden und sich durch prekäre Verhältnisse kämpfen?

Micha Stuhlmann, ebenfalls eine Kulturschaffende aus dem Publikum, wirft die Beobachtung ein, dass sich die Situation für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung unter Corona extrem verschlechtert habe. Um diese Menschen müssten wir uns bemühen und sie an Kultur teilhaben lassen.

Die Frage, wie Leute erreicht werden könnten, die sich komplett aus der Gesellschaft verabschiedet hätten, beschäftigt Simon Engeli. «An diese Menschen komme wir sicherlich nicht ran, indem wir in dieser Runde über sie reden, sondern nur im direkten Dialog», sagt David Nägeli.

Und was ist mit der Minderheitsgesellschaft?

Samantha Zaugg fasst das Fazit der Gesprächsrunde zusammen: «Kollektive Veranstaltungen können eine kohäsive Wirkung haben. Aber Spaltung bedeutet nicht, dass die Leute keine Lust haben, ins Theater zu gehen. Gegen die Spaltung muss man mit politischen Mitteln eingreifen.» Das könnte heissen, auf die Macht von Mediengiganten einzuwirken, zum Beispiel bei der Veröffentlichung radikaler Inhalte. Das sei zwar ein zähes Unternehmen, aber es sei möglich.

Welchen Drive die Diskussion unter Moderation von Michael Lünstroth genommen hätte, bleibt offen. Vielleicht wären die sogenannt «Randständigen» und «Abgehängten» noch mehr in den Fokus genommen worden.

Wie gewinnt man Publikum zurück? Simon Engeli (links), Christine Müller-Stalder, Daif.

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