St.Galler Kunstmuseum ist frustriert

Das St.Galler Stadtparlament hat am Dienstag über die aufgeschobene Sanierung des Kunstmuseums diskutiert – das Thema gabs schon einmal, genau vor einem Jahr: Damals wurde der «Kulturappell» gegen die städtische Sparwut lanciert. Heute tönt es vom Museum desillusioniert.
Von  Peter Surber

Rund 200 Personen bei der Openair-Diskussion am 8. Juli 2020 im Stadtpark: Das Kunstmuseum St.Gallen bewegte im Pandemiejahr 1 die Gemüter. Im Juni hatte der Stadtrat aus heiterem Himmel beschlossen, die Renovation des Museums aufzuschieben und weitere kleinere Kulturbeträge zu streichen. 30 Millionen Franken müssten gespart werden, Begründung: die zu erwarteten Kosten und Einnahmenausfälle durch Covid-19.

Dagegen wehrte sich damals die IG Kultur Ost mit ihrem «Kulturappell». Rund 1200 Personen unterschrieben den Protest. Sie kritisierten, die Stadt St.Gallen sei schweizweit die einzige, die mitten in der Gesundheitskrise ein Sparprogramm durchdrücken wolle. Und einmal mehr gehe es als erstes der Kultur an den Kragen.

Das Kunstmuseum im Stadtpark, dereinst nach dem – aufgeschobenen – Umbau. (Visualisierung: Park Architekten)

Die Erweiterung und Renovation des Museums sei seit bald 20 Jahren unbestritten dringlich, hiess es im Appell. Seit 2012 liege ein Bau-Projekt vor, die Finanzierung sei durch Stadt, Kanton und Private gesichert. Werde das Projekt auf die lange Bank geschoben, sei diese Finanzierung gefährdet. «Kultur ist systemrelevant, auch in St.Gallen, auch in der Ostschweiz», hiess es im Appell abschliessend.

Nebenschauplatz Motion

Trotz der Proteste blieb der Stadtrat jedoch beim damaligen Entscheid: Die Renovation ist um fünf Jahre bis zum Jahr 2025 aufgeschoben. Der für den Betrieb und die Finanzen zuständige Direktor des Museums, Roman Griesfelder, sagt auf Anfrage von Saiten jetzt, ein Jahr später desillusioniert: «Es hat sich nichts bewegt.»

Daran dürfte auch die aktuelle Diskussion im Stadtparlament nichts ändern. Anlass dafür war eine gut abgehangene Motion aus dem Jahr 2010, die ein «Museumskonzept 3 Museen – 3 Häuser» einforderte. Dieses ist inzwischen längst Tatsache: Das Naturmuseum hat seit 2016 seinen Neubau im Osten der Stadt, die Subventionen für Natur und Kunst wurden 2015 angepasst, das Historische und Völkerkundemuseum ist gebäudetechnisch saniert – bleibt noch das renovationsbedürftige Kunstmuseum im Kunklerbau samt seiner Dependance im Kirchhoferhaus.

Der Stadtrat wollte die Frist für die Beantwortung der Motion bis 2024 hinausschieben, weil erst dann mit einem Baukredit Klarheit über die Kosten gewonnen werden könne. GPK und Parlament bestanden jetzt aber auf einer Beantwortung im Verlauf des nächsten Jahres. Die GPK hatte sich immerhin vom Stadtrat versichern lassen, das Gebäude falle nicht gleich zusammen – das rief Voten aus dem Rat hervor: Die Sanierungsplanung sei intransparent, kritisierte FDP-Parlamentarierin Elisabeth Mosimann Zwicky, und Gallus Hufenus (SP) hielt fest, die heutige betriebliche Situation im Museum sei unhaltbar.

Der Motionsbericht wird das möglicherweise auch konstatieren – aber nicht verbessern. Er wird immerhin über die künftigen Betriebskosten der drei städtischen Museen Auskunft geben.

Ein neues Konzept stehe nicht zur Diskussion, sondern nur ein Abschlussbericht zur Motion, bestätigt Kristin Schmidt, Co-Leiterin der städtischen Kulturförderung und Mitglied des Museums-Stiftungsrats. Die Verzögerung des Umbaus habe allerdings nicht mit dem Nein des Stadtrats begonnen, sondern schon früher damit, dass das Museum selber das Siegerprojekt für den Umbau, «Rita Sue and Bob too» von Park Architekten Zürich, in einigen Aspekten verändert haben wollte, ergänzt Schmidt. Sie verstehe aber den dringenden Handlungsbedarf aus Sicht des Museums.

Das Untergeschoss nach dem Umbau (Visualisierung: Park Architekten)

«Wenig Engagement auf der politischen Seite»

Wie geht es weiter? Er sei froh, dass diese Frage gestellt werde, sagt Co-Museumsdirektor Roman Griesfelder. Tatsächlich habe der breite Widerstand damals vor einem Jahr gegen den Sparbeschluss nichts verändert, und die Hoffnung des Museums auf «mehr Dynamik und Mut» mit dem neuen Stadtrat sei vergeblich gewesen. «Es gibt wenig Engagement auf der politischen Seite.»

Nächster Schritt sei ein Bericht des städtischen Hochbauamts, der die Dringlichkeit des Sanierungsbedarfs prüfen soll und auf den das Museum warte. Der Stadtrat will ihn nach den Sommerferien intern diskutieren. Das Museum werde seine Sicht in einem Mitbericht darstellen. Allerdings seien die Fakten bekannt, seit Jahren weise das Museum immer wieder darauf hin.

Zum einen geht es um die bekannten baulichen Mängel – das Dach, durch das es hereinregnet, das feuchte Mauerwerk im Untergeschoss oder der Lastenlift, der sein Lebensalter überschritten habe.

Das andere, und für Griesfelder entscheidend, seien die betrieblichen Probleme – der Zugang ist nicht barrierefrei, die Anlieferung ist bei grossen Objekten und bei Schlechtwetter unbenutzbar, die fehlende Klimatisierung bedroht die Kunstwerke und bringt die Besucher:innen ins Schwitzen.

Das Museumserlebnis insgesamt sei dadurch geschmälert: «Wir können den Standard nicht mehr halten. Ein Standard, der zum Beispiel in Appenzell, Bregenz oder Vaduz seit mehr als 20 Jahren selbstverständlich ist.»

Mangelnde Barrierefreiheit: Aufgang zum Obergeschoss. (Bild: Stefan Rohner)

Problemzone Obergeschoss (mit der aktuellen Ausstellung zur Erker-Galerie). (Bild: Stefan Rohner)

Problemzone Untergeschoss (mit der aktuellen Ausstellung «Welt am Draht»). (Bild: Stefan Rohner)

Und dies, ist Griesfelder überzeugt, lasse sich mit einer «Pflästerlireparatur» nicht beheben. Eine Etappierung der Renovation würde das Risiko von Teil-Schliessungen des Museums mit sich bringen und ein «enormes Flickwerk» zur Folge haben. Ein Umbau mit kompletter Schliessung sei dagegen zumindest planbar und biete die Chance, an andere Orte auszuweichen, die Kunstzone vermehrt zu nutzen und mit der Sammlung im Kanton präsenter zu sein.

Griesfelders letztes Argument, bereits vor einem Jahr öffentlich vorgebracht: Im Moment sei die Finanzierung (grober Rahmen: rund 30 Millionen Franken) noch gesichert – die Stadt müsste rund ein Drittel tragen, für die weiteren Kosten gibt es Zusagen des Kantons und privater Mäzene. Werde der Umbau aber immer weiter hinausgeschoben, glaubten die Geldgeber irgendwann nicht mehr an das Projekt.

«Es braucht ein Commitment zum Museum»

Gallus Hufenus, SP-Parlamentarier und Mitglied des Stiftungsrats des Kunstmuseums, nimmt zum einen den Ball auf, spielt ihn zum andern aber auch ans Museum zurück.

Es gebe die konkreten betrieblichen Mängel – Schimmel im Untergeschoss, Löcher im Dach, eine Hitze, die unlängst eine Wachsskulptur zum Schmelzen brachte, keine Barrierefreiheit und anderes mehr. Und es fehle der politische Wille; symptomatisch dafür sei, dass das Kunstmuseum weder in den vergangenen noch in den aktuellen Legislaturzielen überhaupt genannt wird.

Es brauche jetzt ein Commitment des Stadtrats, hat Hufenus am Dienstag im Rat gefordert und bekräftigt das auf Anfrage von Saiten. Der Umbau sei nicht bloss «nice to have»: Die Standards für einen Ausstellungsbetrieb auf internationalem Niveau seien festgelegt und könnten nicht beliebig unterlaufen werden.

Über die konkreten Kosten, über Wünschbares und unbedingt Notwendiges könne und müsse man im Detail zwar diskutieren, aber nicht ohne ein grundsätzliches Ja zum Umbau. Gespart werde zudem nichts, «wenn man im Zuge eines späteren Umbaus Dinge erneut anfassen muss, die zuvor bei einer Pinselrenovation bereits Kosten verursacht hatten».

Dass es mit der politischen Leidenschaft hapere, daran habe aber auch das Museum selber seinen Anteil. «Man hat es in den letzten Jahren nach dem Auszug des Naturmuseums verpasst, näher zur Bevölkerung zu kommen, zu experimentieren und das Haus zu öffnen», sagt Hufenus. Das gelte nicht nur für die freigewordenen Untergeschosse im Kunklerbau, sondern auch für die Kunstzone in der Lokremise.

Das sei mit ein Grund dafür, dass die Museumsfrage «dem St.Galler Herz zu wenig wehtut». Dabei gehe es beim Kunstmuseum im ehrwürdigen Kunklerbau um mehr als um eine bauliche Sanierung, sondern grundsätzlich darum, «was für eine Stadt St.Gallen sein will».

Die Kunst wüsste, wie man Nägel mit Köpfen macht: Günther Ueckers Werk Zum Schweigen der Schrift (1981) in der aktuellen «Erker»-Ausstellung. (Bild: Stefan Rohner)

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Marcel Baur,  

Leider steht hier nur die halbe Wahrheit. Das Kunstmuseum bekommt vom Stadtparlament mit Garantie das Geld, das für die Sanierung des Gebäudes notwendig ist. Und zwar nicht nur Pflästerlopolitik, sondern eine echte Sanierung. Dass es jetzt nicht ganz so rund läuft, hat auch mit den je länger je unbescheidenen Forderungen seitens Kunstmuseum zu tun. Die Kosten stiegen von 20 Millionen auf 40 Millionen, ohne dass es echte Gründe dafür gab. Das wurde an der Open Air Diskussion auch von verschiedenen Seiten kritisiert. Es würde auch dem Kunstmuseum gut tun, etwas bescheidener und mit Rücksicht auf die finanzielle Lage aufzutreten. Dann klappt es auch

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